Metal
Mitten in ein moralisches Minenfeld

Das Basler Projekt Zeal & Ardor mischt Black Music mit Black Metal und erregt damit weltweites Aufsehen.

David Hunziker
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Der Facebook-Feed von Slash, dem Gitarristen der Hardrock-Band Guns N’ Roses, besteht mehrheitlich aus Bildern von Horror, Sex und furchteinflössenden Tieren. Doch ein kürzlich verfasster Beitrag sticht als besonders ernsthaft heraus: eine begeisterte Empfehlung für Zeal & Ardor, die verrückte Mischung aus Black Music und Black Metal des Baslers Manuel Gagneux. Das gerade erschienene Album «Devil Is Fine» sei das Interessanteste, was er seit Ewigkeiten gehört habe, schwärmt Slash.

Jetzt gehören solche Ehrerbietungen für Gagneux schon beinahe zum Alltag. Doch noch vor einem Jahr sah alles ganz anders aus. Unter dem Namen Birdmask hatte der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger in New York einige experimentelle Popalben veröffentlicht, für die sich aber niemand so recht interessieren mochte. Und auch als Zeal & Ardor im Frühling 2016 auf der Musikplattform Bandcamp das Licht der Welt erblickten, dachte Gagneux nicht an Ruhm und Geld.

Vertrag dank Internet-Hype

Doch dann ging der Trubel los, mit einem Tweet der gut vernetzten Metal-Journalistin Kim Kelly. Nach lobenden Worten von «Rolling Stone» und «Vice» war der Internet-Hype perfekt – und Gagneux konnte sogar erstmals eine Weile von seiner Musik leben. Jetzt hat er einen Plattenvertrag bei einem britischen Label, das nun sein Album veröffentlicht hat, und einen stattlichen Tourplan – vom renommierten Roadburn-Festival im holländischen Tilburg bis zum Psycho Las Vegas.

Wenn jemand zum ersten Mal mit der Musik von Zeal & Ardor konfrontiert wird, ist die Reaktion meist: Kiefer runter. «Come On Down» etwa, vielleicht der stärkste Song des Albums, stiftet mit einer plätschernden Blues-Melodie erst die Ruhe vor dem Sturm. Die schüttere Tonqualität lässt zunächst vermuten, dass hier die Aufnahme eines Spirituals aus der Urzeit des Grammophons gesampelt wurde. Doch dann hört man auf den Text – und die Illusion zerbröselt: Die Sklaven, die hier singen, bitten nicht Gott um Hilfe, sondern den Teufel.

Kurz darauf bricht die verzerrte Gitarre aus dem Hintergrund hervor und bettet den Gesang in eine flirrende Soundwand ein, bevor dieser von einem gedämpften Brummen in ekstatisches Kreischen wechselt. Die Drummachine rattert nun wie ein Maschinengewehr. So geht es hin und her auf diesem Album, immer verstärkt durch schöne Details: In «Blood In The River» wird der Call-and-Response-Gesang von rasselnden Ketten begleitet und in «Children’s Summon» rast die Gitarre einem Arpeggio hinterher, das klingt, als hätte es Yann Tiersen geklimpert.

Black Metal – dass sich Gagneux, der halber Afroamerikaner ist, für dieses Anfang der 90er-Jahre in Norwegen entstandene Subgenre des Metal entschieden hat, ist durchaus brisant. Immer wieder sind Exponenten der Black-Metal-Szene durch rassistische Äusserungen oder Songtexte aufgefallen. Wenn man also den ersten musikalischen Schock verarbeitet hat, stellt Gagneux einen gleich mitten in ein moralisches Minenfeld. Es sind diese Spannungen, die Zeal & Ardor so reizvoll machen.

Pop hing ihm zum Hals raus

Zwar hört Gagneux seit seiner Jugend Metal und spielte diesen auch in einer Jugendband, doch es brauchte eine Art musikalische Sinnkrise, dass er sich dieser Musik wieder aktiv zuwandte. Es war vor etwa zwei Jahren, der Pop hängte ihm zum Hals raus und sehnte sich nach etwas Spektakel. Dieses suchte er im zwielichtigen Forum «4Chan», wo manch düstere Laune des Internets ihren Ursprung hat. Dort bat er die User, ihm Musikstile zu nennen, die er dann in dreissig Minuten zu einem Song verbinden würde.

Es dauerte nicht lange und das Forum spuckte die zwei entscheidenden Begriffe aus: Black Metal und «nigger music». Die Idee für Zeal & Ardor war geboren. Für die anstehende Tour hat Gagneux die Band um fünf Musikerinnen und Musiker erweitert. Der allererste Auftritt beim Westschweizer Radio Couleur 3, bei dem die Band auch einen neuen Song vorgestellt hat, ist geglückt. Nun gilt es, die immensen Erwartungen in einer gelungenen Liveshow umzusetzen.

CD Zeal & Ardor: «Devil Is Fine», MVKA Music, 2017.
Live 14. April, Czar Fest, Basel.

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