Swiss Chamber Concerts

Mit Musik über den Röstigraben

«Die Schweizer Kultur ist sehr regionalistisch geprägt»: Komponist Heinz Holliger.ROBERT GHEMENT/Keystone

«Die Schweizer Kultur ist sehr regionalistisch geprägt»: Komponist Heinz Holliger.ROBERT GHEMENT/Keystone

Heinz Holliger gedenkt des Flötisten Aurèle Nicolet – in vier Schweizer Städten.

Es ist eng in Zimmer 12 der Musik-Akademie Basel. Fünf Musiker sitzen dicht an dicht – nicht etwa Studenten, die ihren freien Sonntag mit Üben verbringen, sondern einige der bekanntesten Schweizer Musiker: Der Komponist und Oboist Heinz Holliger, der vergangenen Herbst mit dem Schweizer Musikpreis ausgezeichnet wurde; der Basler Flötist Felix Renggli, der Winterthurer Bratscher Jürg Dähler und der Basler Perkussionist Matthias Würsch.

Es geht munter zu in dieser Runde. Die Umgangssprache wechselt fliessend zwischen Französisch und Schweizerdeutsch, die Musik wird schon mal aufs Korn genommen. «Muuuhhh!», lacht Felix Renggli nach einem Solo der Glasharmonika, das ihn an ferne Alpklänge, an ein eine ganze Kuhherde mit ihren Glöckli erinnert.

Dabei proben sie gerade ein ernstes Werk: «Sons d’or pour Aurèle Nicolet» von Heinz Holliger, für Flöte, Oboe, Viola und Violoncello. Erst vergangene Woche hat Holliger es komponiert, in Erinnerung an den im Januar verstorbenen Schweizer Flötisten Aurèle Nicolet. «Wir kannten uns 55 Jahre lang, haben Hunderte Konzerte zusammen gespielt», erklärt Holliger später im Gespräch. Sein Werk sei ein bisschen so wie er, sagt Holliger. «Man hört im Stück auch Aurèles Art, mit dem Tod umzugehen. Er wollte nichts Pathetisches, nichts Weinerliches.»

«An der Grenze der Hörbarkeit»

Im Zentrum steht das Klagelied, dass die Bassflöte rezitiert, mit dunklen, fast schmerzvollen Tönen; begleitet vom hohen, hellen Klang der Glasharmonika, der fast körperlich wehtut. Zwei Welten, zwei Gegensätze – wie Tod und Leben. «Diese Musik ist anders, als ich sonst schreibe», erklärt Holliger, «vieles ist an der Grenze der Hörbarkeit.» Für die Flöte hat er Whistle Tones, Flüstertöne, notiert. Und die Oboe spielt Flageolett, wie auch die Streicher, die in Skordatur gestimmt sind und deren Klänge fast schwerelos durch den Raum zu schweben scheinen.

Heute Dienstag wird es bei den Swiss Chamber Concerts in Zürich uraufgeführt – ein schöner Ort dafür, findet Holliger. Schliesslich ist er fast seit Anbeginn bei dieser Reihe dabei – einer der wenigen, die ihre Konzerte nicht nur in einer Region, sondern in Zürich, Basel, Genf und Lugano durchführen.

«Eigentlich sollte das in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit sein», sagt Holliger, «aber das ist es leider nicht. Die Schweizer Kultur ist sehr regionalistisch geprägt.» Ein strukturelles und auch finanzielles Problem. So möchte etwa Genf keine Fördergelder für ein Projekt bezahlen, von dem dann auch Lugano Nutzniesser ist. Doch die Swiss Chamber Concerts kämpfen stoisch dafür, diesen Regionalismus zu überwinden.

Ihr programmatisches Konzept ist zudem konsequent und modern: Stets werden klassische Hits mit anspruchsvollen Neuklängen kombiniert. «Das ist das einzig Richtige für mich», sagt Holliger. «Die neue Musik muss immer die Konfrontation mit der alten Musik aushalten.»

Auch ein wenig Mystik

So rahmen am Dienstag unter dem Titel «MagmaHolliger» Wolfgang Amadeus Mozarts Fantasie in f-Moll KV 608 und Joseph Haydns Notturno in G-Dur die zeitgenössischen Werke ein. Hier wiederum wird Holligers Uraufführung ergänzt durch die Uraufführung von Xavier Dayers Werk «Come heavy sleep» und Robert HP Platz’ «Wunderblock». «Diese drei neuen Stücke haben sehr viel gemeinsam», so Holliger. «Alle haben ein bisschen etwas Mystisches.»

Mystisch ist auch der Klang der Glasharmonika, die mit Mozarts Adagio für Glasharmonika KV 617a noch einen Extra-Auftritt bekommt. Im Rokoko war sie ein regelrechtes Modeinstrument. «Im 18. und 19. Jahrhundert haben viele Blinde Glasharmonika gespielt», erklärt Holliger. Es wurde sogar als Therapieinstrument eingesetzt, denn: «Die Glasharmonika wirkt auf die Psyche!», ist Holliger überzeugt. Doch auch im Negativen: In Wien wurde das Instrument später verboten, weil einige Menschen von seinem Klang psychische Anfälle bekommen haben.

Davor sollte das heutige Konzertpublikum aber keine Angst haben, schliesslich ist dieses Instrument in den Swiss Chamber Concerts nicht zum ersten Mal vertreten. Und dass die Musiker in allen vier Städten auf ein gewisses Stammpublikum zählen können, darauf ist auch eine Koryphäe wie Heinz Holliger stolz: «Für uns ist es eine sehr interessante Erfahrung, die gleichen Werke mit verschiedenem Publikum zu erleben», sagt er. Und geht wieder zurück ins enge Zimmer in der Musikakademie, um seinen Kollegen bei der Probe zuzuhören.

Swiss Chamber Concerts MagmaHolliger. Konzerte in Zürich (8. 3., 19.30 Uhr, Peterskirche), Basel (9. 3., 20 Uhr,
Gare du nord), Lugano (10. 3., 19.30 Uhr, Conservatorio), Genf (11. 3., 18 Uhr, Studio Ernest Ansermet – Maison de la Radio).

www.swisschamberconcerts.ch

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