Baloise Session
Mit Hip-Hop-Käppi und Pailletten auf Streifzug durch vergangene Hits

An der Baloise Session bringt Wyclef Jean Old-School-Hip-Hop auf die Bühne. Das Publikum ist begeistert. Jedoch entzündet ein anderer das musikalische Feuerwerk.

Annika Bangerter
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Der ehemalige Fugees-Star Wyclef Jean legte wie eine Jukebox Hit um Hit auf. Diese schrieb er für Stars wie Shakira oder Santana. Jun

Der ehemalige Fugees-Star Wyclef Jean legte wie eine Jukebox Hit um Hit auf. Diese schrieb er für Stars wie Shakira oder Santana. Jun

Er ist Sänger, Rapper, Produzent und Songwriter. Er versuchte sich als Schauspieler und wollte Präsident von Haiti werden. Wyclef Jean ist ein Tausendsassa – und ein begnadeter Musiker. Wer ihn vor allem mit Hip-Hop in Verbindung brachte, wurde an der Baloise Session eines Besseren belehrt. Gleich zu Beginn gab der mehrfache Grammy-Gewinner einen Einblick in sein breites musikalisches Können.

«Wir gehen zurück zu meinen High-School-Zeiten.» Wyclef Jean dreht den Schirm seines Hip-Hop-Käppis in den Nacken und lässt seine Finger über die Tasten des Flügels fliegen. Dann greift er zur Gitarre, mischt Jazz mit karibischen Einflüssen und verspricht mit Bob Marleys legendärem Song «No woman, no cry» einen leichtfüssigen und beschwingten Abend. Doch der beschauliche Einstieg täuscht. Kurz darauf brüllt er «Brooklyn in Switzerland» ins Mikrofon und hüpft zu wummernden Bässen über die Bühne. Da ist sie, eine der Hymnen der 90er-Jahre: Fu-Gee-La von The Fugees.

Mit dieser Band und dem Album «The Score» feierte Wyclef Jean 1996 seinen Durchbruch. Mit dabei waren auch sein Cousin Pras Michel und die Sängerin Lauryn Hill. The Fugees mischten als eine der ersten Bands Rap mit Reggae und zählten in den 1990er-Jahren zu den bekanntesten Hip-Hop-Gruppen.

In Basel singt Lauryn Hill jedoch ab Konserve. Das Publikum stört es nicht. Sogar die gebügelten Hemdärmel schwenken im Rhythmus über den Köpfen hin und her. Die Jacketts fliegen auf die Stühle.

Streifzug durch die Hitparade

Wie sehr die Stücke gewinnen, wenn sie durchwegs live gespielt werden, zeigt sich beim Cover von «Killing me softly». «Jetzt kommt eine Version, die mich komplett umgehauen hat», sagt Wyclef Jean. Butterscotch, die Artist in Residence der Baloise Session, betritt die Bühne. Mit ihrer Stimme lässt sie sowohl eine Trompete scheppern wie auch Beats eines Schlagzeuges erklingen. Darüber singt sie den weltberühmten Hit von Roberta Flack. Wyclef Jean begleitet sie auf der Gitarre. Dieser gemeinsame Auftritt ist der musikalische Höhepunkt seiner Show.

Das Konzert von Wyclef Jean hörte sich an wie ein Streifzug durch die Hitparade der vergangenen Jahre. Wie eine Jukebox legte er eine Platte nach der anderen auf. Die meisten Songs stammen aus seiner Feder. Shakira, Santana, Mary J. Blige: Für alle drei Künstler schrieb Wyclef Jean Hits. Diese spielte er an der Baloise Session ebenso wie ein Cover von Bob Dylan, das er mit kreolischen Lyrics anreicherte. Der Musiker performte dabei lustvoll, charmant und mit einer Prise Selbstironie. Spielte er zu Beginn die Gitarre wie Jimi Hendrix, indem er die Saiten mit der Zunge zupfte oder auf dem Rücken spielte, dominierten am Schluss abgemischte Remixes das Konzert. Gerne hätte man mehr vom Musiker Wyclef Jean als vom Entertainer zu hören bekommen. Waren bei ihm Elemente des Gesangs ab Konserve, lieferte der erste Sänger des Abends, Charles Bradley, eine Live-Performance der Superlative.

Vormals obdachlos, heute ein Star

Sieben Musiker begleiteten den stimmgewaltigen Bradley. Der «Screaming Eagle of Soul», wie er auch genannt wird, schlug sich in den USA jahrelang als James- Brown-Imitator durch. Erst im Lebens-
abschnitt, wo Gleichaltrige sich auf ihren Ruhestand freuen, startete er durch. Im Alter von 62 Jahren kam sein Debütalbum auf den Markt – und katapultierte ihn ins Scheinwerferlicht. In Basel feierte er in seinen 66. Geburtstag rein. Doch bis es so weit war, mischte er einen hochkarätigen Cocktail aus Soul, Blues und Funk.

Spricht er zum Publikum, wirkt er schüchtern, seine Stimme heiser. Singt er, scheint jeder Ton vor lauter Emotionen zu explodieren. Häufig schreit er ins Mikrofon, als ob er so die erfahrene Härte des Lebens veräussern könnte. Der schillernde Musiker im Pailletten-Gilet schlug sich obdachlos und kleinkriminell durch die Strassen von New York. Davon erzählt er auch in seinen Liedern.

Dennoch: Die schweren Zeiten verhärmten ihn nicht. Im Gegenteil. Gerührt guckte er das Publikum an. Obwohl er teilweise zu dick auftrug, entziehen konnte man sich Bradleys Mission der Liebe nicht. So schlangen sich im finalen Bad in der Menge unzählige Arme um den Hals des Sängers.

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