«Singen ist eine der wenigen Gemeinschaftsaktivitäten, die Menschen aller Generationen, verschiedenster Couleur und unabhängig von ihren Vorkenntnissen zusammenbringen kann. Und dazu ist es noch gesund! In der Gruppe steigert sich der glücksstiftende Charakter des Singens noch um ein Vielfaches.»

Jasmine Vollmer hat vor knapp vier Jahren in Zürich-Schwamendingen ein neues Projekt auf die Beine gestellt. In ihren Chören kann jede und jeder mitmachen. Wöchentliche Probenarbeit gibt es nicht. Die Einladung zur Probe erfolgt einige Tage oder Wochen im Voraus per Mail. Wer Lust zum Singen hat, kommt vorbei, Erfahrung im Chorsingen oder Notenlesen sind nicht nötig.

Für viele Chorprojekte gibt es nur drei bis vier Proben. Die sogenannten Ad-hoc-Chöre treffen sich sogar jeweils nur eine Stunde vor dem Auftritt und üben die Lieder des Programms ein. «Das Konzept funktioniert hervorragend. In diesen Chören aus allen gesellschaftlichen Schichten fröhlich zusammen. Das ist aussergewöhnlich und unglaublich schön. Wie oft trifft eine 3-Jährige auf eine 85-Jährige, um zusammen zu singen?»

Jasmine Vollmer ist Harfenistin, Organistin und Chorleiterin. Vor einigen Jahren wollte sie neben ihrem Engagement als Orchestermusikerin, neben dem Musizieren auf höchstem Niveau, auch noch etwas anderes. «Meine ursprüngliche Motivation war, menschlich mehr zu bewegen. Es ist ein grosser Unterschied, ob man nur zuhört oder aktiv mitmacht. Das Glücksgefühl ist viel höher.»

Und Singen eignet sich ganz hervorragend dafür: «Viele meinen, nicht singen zu können, da sie ihre Stimme erst entdecken müssen. Meinen Chören sage ich manchmal: Ich habe zwölf Lieblingstöne auf der Tonleiter, ich möchte keinen bevorzugen — ihr dürft auch gern einen anderen Ton singen. Das sorgt für gute Laune und gibt auch unerfahrenen Sängern das Vertrauen, um beherzt mitzusingen.»

Mit Musik für kulturellen Austausch

«Alle Urvölker haben in irgendeiner Form gesungen. Singen ist ein unverstellter Ausdruck von Menschlichkeit». Ähnliche Worte wie Jasmine Vollmer wählt auch Fortunat Frölich, wenn es um sein Engagement für das Chorsingen geht: «In der menschlichen Musikalität spielt das Singen eine ganz wichtige Rolle. Gesungen wird in allen Kulturen. Das bewegt mich, das möchte ich fördern.»

Seit Oktober laufen die Proben für das aktuelle Programm seines Projektchors. Die kulturübergreifenden Absichten macht schon der Name deutlich: Der «choR inteR kultuR» wird im April nach Beirut reisen und dort zusammen mit dem Chor der Amerikanischen Universität und der libanesischen Sängerin Rima Khcheich auftreten.

Für die Reise nach Beirut und die anschliessenden Schweizer Auftritte hat der Chorleiter und Komponist Fortunat Frölich ein Chorwerk geschrieben, das klassische Melodien aus dem Nahen Osten mit europäischen Klängen verbindet.

«In meinen interkulturellen Kompositionen sollen beide Kulturen gleichzeitig hörbar sein. Ich nehme Melodien aus dem Nahen Osten und komponiere ein europäisches Element hinzu. Zur orientalischen Melodik gesellt sich die okzidentale Mehrstimmigkeit. Ich strebe aber keine Verschmelzung an, eher eine Verflechtung.»

Frölich hat den Chor in den 1990er-Jahren gegründet — nach dem Aufruf des Schweizer Musikrats, Musikprojekte gegen Fremdenhass ins Leben zu rufen. «Es war und ist ein persönlicher Beweggrund, dem kulturellen Austausch einen Platz zu geben und ihn zu fördern.»

Seine ursprüngliche Idee war, auch Orchester, Brassbands oder sonstige Ensembles für interkulturelle Projekte zu gewinnen. Interessanterweise waren es aber Chorsängerinnen und -sänger, die damals die grösste Offenheit zeigten. «Singen ist sehr kommunikativ und gemeinschaftlich. Und alles Interkulturelle wiederum hängt von der Gemeinschaft ab.»

Seit inzwischen 15 Jahren versucht Frölich mit seinem Chor, Ängste vor dem Fremden zu entschärfen. Die Projekte stehen allen offen. Die Sängerinnen und Sänger kommen aus der gesamten Schweiz und können sich projektweise jeweils neu anmelden. Der Anspruch der Werke variiert von leicht bis anspruchsvoll.

2016 war das Interesse zur Überraschung des Chorleiters sehr gross: «Eine Zusammenarbeit mit dem Nahen Osten fand ich zum jetzigen Zeitpunkt sehr wichtig wegen der aktuellen Thematik, dem Krieg, den Flüchtlingen. Ich hatte aber Angst, dafür nicht genügen Interessierte zu finden.» Das war unbegründet: Frölich konnte für sein Nahost-Programm sogar mehr Anmeldungen entgegennehmen als für frühere Projekte.

Mit Gleichgesinnten aus 22 Ländern

Rund 50 Choristinnen und Choristen kommen im Zweiwochenrhythmus in Baden zusammen, um Lieder aus aller Welt zu singen, Lieder aus der eigenen Heimat, Lieder in der eigenen Sprache, Lieder mit eigenen Erinnerungen. Mal sind es weniger, mal mehr Teilnehmende, die Anwesenheit ist nicht verbindlich.

Wer kommt und ein Lied mitbringt, ist an diesem Abend der Experte oder die Expertin. Was bedeutet der Text? Wie spricht man die Worte aus? In welchen Situationen singt man dieses Lied? Die Mitglieder kommen aus 22 verschiedenen Ländern und können nicht alle Noten lesen, Chorleiter Daniel Pérez singt deshalb oft vor, sie singen nach.

«Das klappt erstaunlich gut! Spätestens nach einer Stunde sitzt das Lied.» Er habe sich vor allem aus Neugierde für den erst im vergangenen Frühling gegründeten «Weltchor Baden» engagiert, meint Daniel Pérez. «Davor habe ich als Sänger und Chorleiter meist auf einem gewissen Niveau musiziert. Wie würde das werden mit Menschen, die vorher noch nie in einem Chor, vielleicht überhaupt noch nie gesungen haben?»

Der «Weltchor Baden» richtet sich an alle, die Lust auf Chorsingen und kulturelle Vielfalt haben. Ob ein Migrationshintergrund besteht oder nicht, ist zweitrangig. «Nicht die Herkunft ist das verbindende Element, sondern die Lebenswelt jedes einzelnen», erklärt Sabine Graser, Leiterin der Fachstelle Integration der Stadt Baden.

Sie hat den Chor initiiert, weil ihre eigene Erfahrung zeigte: «Ein Chor hat eine effektive integrative Wirkung.» Sie selbst singt mit im Chor und hat erlebt, auf welches Echo ihre Idee gestossen ist: «Die erste Probe war überwältigend. Wir erwarteten vielleicht 20 Interessierte — es kamen schliesslich rund 80!»

Informationen zu den Projekten

Projektchöre Jasmine Vollmer:
www.saatlen-schwamendingen.ch;

«choR inteR kultuR»:
www.chorinterkultur.com;

«Weltchor Baden»: www.baden.ch