Lucerne Festival

Mit einem Berliner Feuervogel in den Luzerner Festspielhimmel

Simon Rattle.

Simon Rattle.

Sind die Berliner Philharmoniker und das Royal Concertgebouw Orchester Amsterdam die beiden besten Orchester der Welt? Die zwei gaben sich diese Woche die KKL-Klinke in die Hand.

Wir zählten am Dienstag den 20. Lucerne-Festival-Tag – und erlebten ein Wunder. Im Ernst. Nicht einfach eines der besten Orchester mit einem der berühmtesten Dirigenten der Welt, die gibts beim Lucerne Festival bekanntlich jeden Abend. Aber die Berliner Philharmoniker mit Dirigent Simon Rattle liessen in Igor Strawinskys «Feuervogel» für 45 Minuten alle Kategorien hinter sich, agierten losgelöst von Konkurrenz.

Über das ganze erste Bild des Märchenballetts, egal ob «Spiel der Prinzessinnen mit den goldenen Äpfeln» oder «Wiegenlied», müssten wir stundenlang reden, seitenweise schreiben. Über den Duft jedes Solos und vor allem über den Streicherklang: knorrig wie eine deutsche Eiche und glänzend wie ein geschliffener dunkelschimmernder Ostsee-Bernstein. Nach dem «Erwachen der versteinerten Ritter» wurde die «Danksagung» mit dem Hornsolo mit einem so feinen Pianissimo eingeleitet, dass wir, bloss um die Stelle noch einmal zu hören, retour nach Hause gelaufen wären. Von Luzern nach Zürich. Wie es Simon Rattle alsbald schaffte, dass das ganze Orchester in die Horn-Vorgabe einstimmte, anschwoll, wuchs und über sich hinauswuchs, war hinreissend und mit einem unglaublichen theatralen Furor gestaltet. Kein anderes Orchester auf der Welt kann das. Kein anderes ...? Nur zwei Tage später sass das Concertgebouw Orchester Amsterdam im KKL, jene Formation also, die in der berüchtigten Grammophon-Orchester-Hitparade Platz 1 belegt.

Intime Plaudereien

Der Lette Mariss Jansons hat mit diesem Orchester all seine grossen Orchesterideen verwirklicht, so gut, dass er mittlerweile am Pult ein ruhiger Herrscher geworden ist. Äusserlich jedenfalls. Innerlich muss es ungeheuer pulsieren, so sehr, dass er sich am Ende von Schostakowitschs überschäumender 1. Sinfonie dem Publikum schweissgebadet zuwendet.

Das Concertgebouw Orchester ist nicht besser als die Berliner, aber sein Klang ist wärmer, blühender. Eine heikle Aussage, klar. Aber es rührt wohl «nur» daher, dass die Streicher nicht zu (hinreissend) wuchtig agieren und die Blechbläser weniger angriffig als die Berliner aufspielen. So war das Orchester denn auch für Jean-Ives Thibaudet ein idealer, munter aber durchaus auch intim plaudernder Begleiter in Maurice Ravels G-Dur-Klavierkonzert. Thibaudet erfreut sich wie eh und je an der silbern funkelnden Oberfläche. Wie tief man in ein Werk eintauchen kann, zeigten die Amsterdamer in Ravels sinfonischem Fragment «Daphnis et Chloé»: Wollüstige Düfte des Frühlings stiegen da auf, verblüffend der beglückende Detailreichtum.

Heute Samstag zählen wir Festivaltag 24 – noch 8 verleiben. Viel Spass.

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