Es gab eine Zeit, da kam man um Evanescence nicht herum. Ihr Debüt-Album «Fallen» aus dem Jahr 2003 verkaufte sich weltweit über 17 Millionen Mal und brachte der Band in über 35 Ländern Gold- und Platinauszeichnungen ein. Heute muss sich Frontfrau Amy Lee deshalb keine Sorgen mehr um ihre Finanzen machen – sie hat ausgesorgt und kann unbeschwert und ohne Existenzängste neue Musik schreiben.

«Das soll aber nicht heissen, dass wir heute weniger Pop-Elemente in unseren Rocksound einfliessen lassen und uns dem abstrakten Jazz zuwenden», sagt die sexy Frontfrau im Gespräch. «Ich stehe nach wie vor auf grosse Melodien und möchte den Fans zeigen, dass wir es immer noch draufhaben.»

«Eine Fusion der einzelnen Musiker»

Die grosse Erneuerung beim dritten und selbstbetitelten Evanescence-Album ist dann auch nicht im Sound der Band zu finden, sondern in der Bandhierarchie. «Ich habe die Lieder zum ersten Mal nicht alleine mit dem Gitarristen geschrieben, sondern die gesamte Band in den Entstehungsprozess involviert», sagt Amy Lee.

Und das war anscheinend die beste Entscheidung ihrer bisherigen Karriere: «Die Lieder klingen dadurch kompakter und haben mehr Energie. Ich finde, man hört richtiggehend eine Fusion der einzelnen Musiker innerhalb der Stücke.»

Evanescence mit What You Want

Lieder wie «Made of Stone», das mit seinem groovigen Gitarrenriff an Rockbands wie Alter Bridge erinnert, oder auch das mit einem epischen Oh-Oh-Oh-Refrain versehene «The Change» lassen an die powervollen Anfangstage der Band denken. Andere Songs wie «My Heart Is Broken» tönen hingegen nachdenklicher und bodenständiger. «Ein grosser Teil des Albums handelt davon, wie ich mir ein neues Zuhause in meiner eigenen Band suche», sagt die 29-jährige Sängerin, die seit ihrem 17. Lebensjahr mit Evanescence aktiv ist. «Ich werde älter, habe dadurch mehr musikalische Erfahrung und natürlich auch mehr Lebenserfahrung. Das alles wollte ich in die neuen Songs einfliessen lassen.»

Musikmarkt hat sich verändert

Momentan steckt die Band mitten in den Vorbereitungen für ihre anstehende Welttournee. Ob sich das neue Werk ähnlich gut verkaufen lassen wird wie die beiden Vorgängeralben, das ist Amy Lee ziemlich schnuppe. «Der Musikmarkt hat sich extrem verändert, heute interessiert mich nur noch, ob die Fans mit meiner Arbeit zufrieden sind und wie viele Klicks wir auf Youtube haben» witzelt sie. Ein Monsteralbum wie «Fallen» muss also nicht zwangsläufig den Erfolgsdruck erhöhen, sondern kann sich auch beruhigend aufs Gemüt auswirken.

Evanescence «Evanescence», EMI