Aarau

Mendelssohn zwischen den Religionen

Felix Mendelssohn Bartholdy.

Felix Mendelssohn Bartholdy.

Die Mendelssohntage vom 2. bis 5. November stehen in diesem Jahr ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums.

Das bunte Programm Mendelssohntage Aarau bringt die Musik von Mendelssohn und Bach zusammen, Chorsänger und Chorsängerinnen aus der Region und grosse Künstler wie der Bass-Bariton Klaus Mertens und der Gewandhausorganist Michael Schönheit.

Die Mendelssohntage Aarau stehen im Zeichen des 500-Jahr-Reformationsjubiläums. Dass ausgerechnet der jüdisch geborene, damals 23-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy zum 300-Jahr-Reformationsjubiläum 1830 eine «Reformationssymphonie» komponierte, ist theologisch gesehen pikant und hat eine interessante Vorgeschichte.

Dieter Wagner, der Initiant und Leiter der Mendelssohntage, ist Kirchenmusiker und Kantor an der reformierten Stadtkirche Aarau. Es ist, wie er selber sagt, schon lange sein Traum, Mendelssohns «Reformationssymphonie» zu dirigieren, auch auf dieses Ziel hin hat er die Mendelssohntage lanciert. Und nun ist es so weit, Wagner dirigiert das Werk als Höhepunkt im Schlusskonzert am 5. November mit dem Orchestra Sinfonica Carlo Coccia di Novara in der Stadtkirche.

Protestantisch getauft

Die jüdische Familie Mendelssohn pflegte einen religiös toleranten Geist. Felix’ Grossvater Moses Mendelssohn war ein berühmter Philosoph der Aufklärung, der in seinen Schriften zwischen den Religionen zu vermitteln suchte. Seine Grosskinder wurden religiös tolerant und christlich erzogen, Felix und seine Geschwister wurden am 21. März 1816 in Berlin protestantisch getauft. Von diesem Zeitpunkt an trugen die Mendelssohns den christlichen Beinamen «Bartholdy». Auch in seinem kompositorischen Werk blieb Mendelssohn beiden spirituellen Grundlagen verbunden.

Wie bewusst er sich mit der Religion auseinandersetzte, zeigt die «Reformationssymphonie» exemplarisch. Ihr ursprünglicher Titel war «Symphonie zur Feier der Kirchen-Revolution», Felix Mendelssohn schrieb sie mit nur 23 Jahren und brachte sie in der Berliner Singakademie von Carl Friedrich Zelter, welcher der Familie eng verbunden war, auch selber zur Uraufführung. Doch zur Drucklegung konnte er sich nie entschliessen, sie wurde erst posthum veröffentlicht.

In dieser «reformatorischen» Sinfonie in d-Moll nimmt Mendelssohn deutlich Bezug auf Luther und auf protestantische Choräle. So zitiert er den berühmten Luther-Choral «Ein’ feste Burg ist unser Gott», der am Schluss in breiten Notenwerten triumphal erklingt. Er hat aber auch mehrere Psalmen für den liturgischen Gebrauch komponiert – einige davon sind im Eröffnungskonzert am Donnerstag in der Stadtkirche zu hören.

Obwohl Felix christlich-protestantisch getauft war, blieb er über seinen Tod hinaus antisemitischen Pöbeleien ausgesetzt. So wurde ihm etwa aus diesem Grund die Nachfolge von Zelter als Leiter der Berliner Singakademie verwehrt, und als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde seine Musik verboten.

Dass Mendelssohn 1835 dem Ruf als Kapellmeister an das Gewandhaus zu Leipzig Folge leistete, hatte auch damit zu tun, dass Leipzig die Stadt des evangelisch-reformierten Kirchenmusikers Johann Sebastian Bach war. Bach war für die Familie Mendelssohn der eigentliche Komponisten-Gott, dessen Musik sie auch in ihren berühmten «Hausmusiken» pflegten. An den Mendelssohntagen wird deshalb Bachs Musik gerne mit der von Mendelssohn kombiniert, vor allem auch im Orgelkonzert von Gewandhausorganist Michael Schönheit am Samstagabend in der Stadtkirche.

Kompositionswettbewerb

Im Zusammenhang mit der «Reformationssymphonie» haben die Mendelssohntage einen Kompositionswettbewerb ausgeschrieben. Die Textvorlage dafür war «Gott ist treu – Sola caritate: Allein durch Liebe», und das neue Stück sollte dieselbe Orchesterbesetzung haben wie Mendelssohns Werk. «Wir bekamen 26 Einsendungen aus Japan, England, Türkei, Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz», erzählt Wagner erfreut. Den ersten Preis vergab die hochkarätige Jury an Victor Coltea aus der Schweiz, den zweiten an Hiroshi Nakamua aus Japan. Das prämierte neue Werk wird im Schlusskonzert uraufgeführt.

Auffällig ist bei diesen «reformierten» Mendelssohntagen der Schulterschluss der Reformierten und Katholischen Kirche Aarau. Mit «Aarau singt» spannen die Chorleiter der beiden Kirchen, Katja Deutschmann und Dieter Wagner, zusammen. Es ist eines der Erfolgsrezepte der Mendelssohntage, dass sie die ortsansässigen Chöre und Einzelpersonen in einem Projektchor zusammenführen. In der katholischen Kirche St. Peter und Paul werden diesmal die Krönungsmesse Mozarts und eine Hymne Mendelssohns einstudiert.

Mendelssohntage 2.-5. November. Stadtkirche Aarau.

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