Zu Beginn eine Irritation: Das Konzert von Nina Hagen im Liestaler Hotel Engel ist auf 20 Uhr angekündigt, doch bereits eine halbe Stunde zuvor hat die Performance begonnen.
Vor fast leeren Reihen schleppt sich die 63-jährige Künstlerin durch einen Blues, kurbelt an einer Musikdose und umreisst in groben Zügen das Leben und Wirken von Bertolt Brecht. Die «Brechticals» seien ihr seit dem zwölften Lebensjahr wichtige Begleiter, schwärmt die schrill gekleidete Performerin. Hier wird ihre bröckelnde Stimme für kurze Zeit fester.

Doch man kann den Ausführungen nicht folgen, zu gross sind die Gedankensprünge der Schnellrednerin, zu obskur ihre Verweise auf verstorbene Theater-Darsteller. Und vor allem: Zu hoch ist der Geräuschpegel im Saal, wo rund 500 Zuschauer ihre Sitzplätze suchen.

Ist das nun Rebellion gegen die Konventionen eines Liederabends oder bloss ein verunglückter Auftakt für ein Konzert? Sicherlich ist es ein interessantes soziales Experiment: Die Gesichter der «verspäteten» Besucher, die sich mit Blick auf ihr Ticket im Recht wähnen, sprechen Bände. Doch was die deutsche «Godmother of Punk» mit ihrer Aktion bezwecken will, bleibt schliesslich unklar. Immerhin steckt sie damit den Rahmen für ein Programm, bei dem man nicht alles verstehen muss – und bei dem vieles schlicht nicht funktioniert.

Ein Biegen und Brechen

So auch der reguläre Auftakt, für den Hagen ihre vierköpfige Begleitband auf die Bühne zitiert: «Jetzt müssen wir Musik machen, sonst werde ich verklagt!» Sagts, greift zur pinkfarbenen Kindergitarre und schrammelt ein paar Akkorde. Bis die Musiker den Einstieg gefunden haben, hat die Sängerin Brechts «Lied von der Moldau» bereits hinter sich gelassen und ist zu Bob Dylans «The Times They Are A-Changin’» übergegangen. Die Stücke passen textlich so gut zusammen, dass man dem amerikanischen Songwriter Plagiatsvorwürfe machen könnte. Doch musikalisch ist es ein Biegen und Brechen, unter dem insbesondere die Zeilen von Brecht leiden.

Vom Text bekommt man auch in «Freiheit und Democracy» (sic) nur wenig mit. Hagen spielt sich dermassen frei durch die Komposition von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, dass die Mitmusiker trotz angestrengtem Blick auf das Griffbrett der Leaderin nicht folgen können. Einmal herrscht sie ihre Mannen an – «Ich bin immer noch auf A!» –, dabei ist es eher die Ausnahme, dass Band und Sängerin den gleichen Akkord erwischen.

Mangelhafte Vorbereitung

Doch stört am Freitagabend nicht die offenkundig fehlende Vorbereitung (bei einigen Stücken hat man sich vorab nicht einmal auf eine Tonlage geeinigt). Auch über die zahlreichen Textaussetzer kann man hinweghören. Viel störender ist Hagens Unart, ihre Patzer zu rechtfertigen. Einmal ist die vom Veranstalter engagierte Fotografin Schuld, dann muss mitten im Song der Ventilator näher gerückt werden. Selbst in Klassikern wie «Die Moritat von Mackie Messer» gerät die Sängerin mehrfach ins Stocken – und das, obschon sie ihr Brecht-Programm seit fünf Jahren regelmässig aufführt.

Wie stimmig sich die schwarzhumorigen Texte von Brecht in Musik übertragen liessen, zeigt sich beim Gedicht «Die Legende der Dirne Evlyn Roe», das Nina Hagen mit der Hippie-Ballade «Horse With No Name» von America unterlegt. Die Geschichte der Prostituierten, die sich ihre Meeresüberfahrt mit Liebesdiensten bei der Besatzung abverdienen muss, hallt in der Einsamkeit des Wüstenritts nach. Horse und whore – das Ergebnis ist schaurig schön.

Solche Befruchtung von Wort und Ton hätte man sich mehr gewünscht; sowohl das Material als auch die Interpretin hätten die Voraussetzung dazu.

Aber der vom Kulturhotel Guggenheim organisierte Abend entwickelt kaum Sog, das Chaos behält die Oberhand. Gut möglich, dass Bertolt Brecht seine Freude gehabt hätte an diesem unverkrampften Umgang mit seinem Liedgut.

Der euphorische Beifall auf das versöhnliche «When The Saints Go Marching In», das Nina Hagen nach zweieinhalb Stunden in der Zugabe antönt, lässt aber erahnen, dass sich das Publikum etwas Griffigeres erhofft hatte.