Neue Schweizer Volksmusik

Max Lässer: «Wir wären ein idealer Schweizer Exportartikel»

Max Lässer und das Überlandorchester performen das Stück «Überland»

Max Lässer und das Überlandorchester performen das Stück «Überland»

Max Lässer & das Überlandorchester feiern am Samstag in Baden den 10. Geburtstag. Im Interview erzählt er von der steigenden Popularität des Orchesters und wieso bei ihren neusten Auftritten, die Tische weggeräumt werden.

Sie feiern 10 Jahre Überlandorchester. Wie hat das Ganze angefangen?

Max Lässer: Mit einer «Carte blanche» an der Expo 2002 in Biel. Für das Projekt Alpinmusik stellte ich eine 14-köpfige Band zusammen. Eigentlich war es als einmaliger Event geplant. Doch wir kamen so gut an, dass ich es weiterführen wollte. Dank Hauptsponsor Credit Suisse konnte ich mit einer 12-köpfigen Band unter anderen mit Gitarrist Hank Shizzoe, Alphorn-Spieler Balthasar Streiff sowie den Sängerinnen Christine Lauterburg und Monika Schär auf Tour gehen.

Monika Schär, die Aargauer Sängerin?

Ja, genau. Eine grossartige Sängerin, die auch richtig jodeln kann. Bei uns hat sie einen Superjob gemacht. Sie hätte es verdient, wenn man sie stärker unterstützen würde. Eben hat sie sich auch mit einem Song für den Eurovision Song Contest beworben.

Für das Jubiläumskonzert sind aber andere Sängerinnen dabei.

Ja, mit Corin Curschellas haben wir drei eigene Songs gemacht. Dazu kommt die Jodlerin Nadia Räss, für die Markus Flückiger schon Songs geschrieben hat.

Es fehlen Hardy Hepp und Hubert von Goisern?

Hardy ist in einer intensiven Malphase und Hubert ist zurzeit einfach zu stark gefragt, weil er im letzten Jahr einen Nr.-1-Hit hatte.

Dafür Erik Rydvall und Reto Grab. Wer sind sie?

Erik ist ein schwedischer Volksmusiker, den ich bei Flamencos en route kennen gelernt habe. Er spielt die Nyckelharpa, ein traditionelles schwedisches Instrument, eine Mischung zwischen Drehleier und Geige. Dazu haben wir neben Markus Flückiger einen zweiten, noch unbekannten Schwyzerörgeler: Reto Grab. Er spielt mit Flückiger in einer interessanten Ländlerkapelle, die die Musik von Josef Stump und Xaver Betschart wieder entdeckt hat.

Wer ist das?

Stump und Betschart sind zwei Virtuosen, legendäre Örgeler, die vor 100 Jahren die Massstäbe auf dem Instrument gesetzt haben. Das ist wirklich frappant. Die Aufteilung Begleiter und Solist haben die beiden schon damals aufgehoben und haben die Melodielinien raffiniert miteinander verflochten. In unserem Tanzset am Samstag spielen wir das. Hypnotisch.

Im Tanzset?

Ja, das wollte ich schon lange machen. Im letzten Set werden die Tische weggeräumt und wir spielen zum Tanz auf.

Meinen Sie, dass Ihr Publikum mitmacht?

Das weiss ich doch auch nicht. Es wurde jedenfalls schon mehrere Male angeregt. Jetzt machen wir es einfach. Es würde mich jedenfalls riesig freuen, wenn es funktionieren würde.

Worum geht es Ihnen in der Musik?

Meine Musik muss anders tönen als alles andere. Man soll merken, dass sie aus der Schweiz kommt. Ich spiele auch gern Blues, aber der ist halt nicht hier gewachsen. Mich hat schon vor 30 Jahren interessiert, wie es hier tönen soll. Weshalb tönt unsere Musik so, wie sie tönt? Weshalb tönt sie anders als Französische?

Tragen Sie der zunehmenden Globalisierung nicht Rechnung?

Natürlich. Markus Flückiger lässt sich oft von östlichen und nordischen Melodien inspirieren und ich lasse Blueselemente einfliessen. Wir sind keine Puristen. Wir haben mit unserer Musik viele für die Schweizer Volksmusik gewinnen können, die zuvor die Nase gerümpft haben.

Wie hat sich das Überlandorchester in den zehn Jahren entwickelt?

Wir waren eine zusammengewürfelte Truppe, die etwas Neues probiert hat. Seither haben wir alle zwei Jahre eine Tour gemacht und glauben, dass wir immer besser geworden sind. Die Musik ist tiefer geworden. Wir sind mit unserem Sound dort angekommen, wo wir hinwollten. Wir haben eine Musik mit einer Schweizer Identität geschaffen. Trotzdem verläuft die Zuschauerentwicklung gegenläufig. Die erste Tour war die Erfolgreichste. Seither nimmt das Publikum ab.

Was sind die Gründe?

Am Anfang hatten wir den Bonus und den Reiz des Neuen. Mein Publikum wird älter, und dann geht man weniger an Konzerte. Dazu wird es schwieriger, mein Publikum zu erreichen. Es ist nicht die Facebook-Generation.

Und die Medien-Präsenz nimmt ab.

Genau. Als wir vor zehn Jahren begannen, haben alle über die neue Schweizer Volksmusik berichtet. Dabei habe ich schon damals gewarnt: Das «Theater» um die neue Volksmusik war übertrieben. Damals hat es erst Ansätze zu etwas Neuem gegeben. Und jetzt, wo wir etwas Einmaliges geschaffen haben, ist es kein Thema mehr.

Hat es keine gegenseitige Befruchtung mit der traditionellen Schweizer Volksmusik-Szene gegeben?

Teilweise schon. Aber Markus Flückiger, der aus dieser Szene kommt und unbestritten der Beste Schwyzerörgeler ist, wird von Puristen heute noch schräg angeguckt, wenn er seine Sachen spielt. Für sie sind wir immer noch Nestbeschmutzer.

Im Schweizer Fernsehen gibt es eine neue Volksmusik-Sendung...

...ja, mit Nicolas Senn. Wir sind angefragt worden. Zum Glück ist es mir nicht gegangen. Senn ist der Typ Lieblings-Schwiegersohn und mit Potenzial zum Animator im Club Méditerrannée. Er trägt zwar ein rotes «Chuteli», mit Schweizer Volksmusik hat er aber nicht viel zu tun. Er spielt leidlich Hackbrett. Dazu präsentiert er die Sendung mit einem ewigen Lächeln und steif wie ein Roboter. Dahinter stehen vermutlich dieselben Redaktoren wie zuvor. Das hat mehr mit Schlager als mit Volksmusik zu tun. Angereichert mit einem Schuss Exotik. Eine innovative Volksmusiksendung tönt anders.

Wie geht es mit dem Überland-Orchester weiter?

Wir haben wieder zehn neue Melodien ausgegraben, die wir bearbeiten und interpretieren möchten. Wir wissen aber nicht recht, wie es weitergeht. Macht es Sinn, ein neues Album aufzunehmen? Die CD-Verkäufe sind so massiv zurückgegangen, dass man sich fragen muss, ob es sich noch lohnt.

Diese Fragen müssen sich alle stellen. Immerhin erhält man mit einer neuen Produktion neue Medienpräsenz. Die CD wird immer mehr zum Promo-Instrument.

Es wird jedenfalls immer schwieriger. Für unser Jubiläum haben wir immerhin die Aargauer Kantonalbank gewinnen können, die nächstes Jahr auch ein Jubiläum feiert. «Überland goes Überland» heisst das Projekt, bei dem wir mit einer Lastwagenbühne von Dorf zu Dorf fahren und dort auftreten. Insgesamt sind es zehn Stationen im Aargau. Dazu nehmen wir dieses Wochenende eine Jubiläums-Polka auf, die am Samstag Live-Premiere hat.

Wie steht es um die neue Schweizer Volksmusik?

Es gibt einige jüngere Musiker im Innerschweizer Underground, die mit Hip-Hop aufgewachsen sind und einen anderen Zugang zur Volksmusik haben. Dort habe ich das Gefühl, dass etwas wachsen könnte. Aber es ist natürlich schwierig, wenn keine Resonanz da ist. Die Vertreter der neuen Schweizer Volksmusik werden an den Radios nicht gespielt. Dann gibt es andere junge Musiker, die sich für Instrumente wie das Schwyzerörgeli interessieren. Denen geht es aber in erster Linie ums Instrument. Deren Musik ist dann nicht lüpfig. Sie ist eher schwer zugänglich und hat nur noch bedingt mit Schweizer Volksmusik zu tun.

Was macht Max Lässer in 10 Jahren?

Ich weiss es nicht. Aber ich bin ja privilegiert und einer der wenigen dieser Szene, die viele Konzerte geben können. Das möchte ich – vielleicht etwas reduziert – weiter machen. Die Ansprüche sollen bleiben, deshalb kann ich mir nicht vorstellen, Pop zu spielen. Es muss etwas Besonderes, Eigenes, Eigenständiges sein. Aber aufzuhören, das kann ich mir nicht vorstellen.

Wie sieht es mit dem Ausland aus?

Kaum eine andere Band repräsentiert die neue Volksmusik besser. Das Überlandorchester wäre ein ideales Schweizer Exportprodukt. Wir haben es immer wieder versucht und werden immer wieder angefragt. Aber es scheitert daran, dass man unsere bescheidenen Gagen nicht bezahlen kann.

Das wäre doch ein Fall für die Pro Helvetia. Eine finanziell unterstützte Ausland-Tournee des Überlandorchesters?

Das funktioniert nur, wenn du einen Namen hast. Sonst spielst du an kleinen Orten. Ich bräuchte einen Manager mit internationalen Kontakten, der das für uns auf die Beine stellen könnte. Diesen Mann hatte ich leider nie. Es hat sich einfach nie ergeben.

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