Khatia Buniatishvili
Mal Drache, mal Elfe

Die 28-jährige Pianistin Khatia Buniatishvili erschafft drei Repertoire-Klassiker verblüffend neu.

Christian Berzins
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Khatia Buniatishvili ist erst 28 Jahre alt, aber bereits so mutig, mit Klassikern zu spielen.

Khatia Buniatishvili ist erst 28 Jahre alt, aber bereits so mutig, mit Klassikern zu spielen.

Gavin Evan/sony

Wann waren Elfenschritte jemals so zart? Gebannt will man ihnen nachlauschen und merkt, dass man ihnen gar nachsehen könnte.

Möglich macht dieses formgewordene Hörwunder die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili, hat sie doch Modest Mussorgkys 1874 komponierte «Bilder einer Ausstellung» unerwartet lyrisch eingespielt. Das Durchwandern der Ausstellung – dieses grübelnde Fantasieren, das einem triumphierenden Finale zuschreitet – gerät ihr so zurückhaltend, dass man gebannt die Ohren spitzt und denkt: Wie lange hält die 28-Jährige das durch? Diese Poesie, dieses Schweben, diese Geheimnistuerei?

Ists Erlösung, wenn kurz vor dem Finale in der Hütte der Baba-Jaga eine furiose Entschlossenheit herrscht? Wer danach mit ihr durch das grosse Tor von Kiew schreitet, Hand in Hand, wird hörend viel mehr sehen als je zuvor.

Maurice Ravels «La Valse» und drei Sätze aus Igor Strawinskys «Petruschka» sind keine Zugaben, sondern neue Höhepunkte dieser famosen Aufnahme mit dem Titel «Kaleidoscope». Mit lilienfüssiger Leichtigkeit durchtanzt die Georgierin «La Valse» – und wird zwischenzeitlich doch zum feuerspeienden Drachen. Wirds Hommage oder Karikatur des Wiener Walzers? Dieser Frage ist dieser Pianistin zu simple. Spätestens aber, wenn sie dem Hörer den Schlusston ins Ohr knallt, merkt jeder, wie einsam er auf dem Tanzboden stand. Mit «Petruschka» in den Fingern brennt Buniatishvili durch. Doch auch hier: immer geführt, immer weit vorausdenkend. Der wildeste Schritt ist nachvollziehbar, der brutalste Schlag geht in Klang über. Es ist unheimlich.

Khatia Buniatishvili: Kaleidoscope, Mussorgski, Ravel, Strawinsky, Sony 2016.

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