Lucerne Festival
Lucerne Festival: Der Dirigent wird zum Pfarrer, das KKL zur Kirche

«Zu Ostern» zeigte sich dicht, wurde bestens besucht und gab in nur einer Woche vor, wie es im Sommer in Luzern weitergeht.

Christian Berzins
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Eine kleine Schar Musiker versetzt einen grossen Saal in Osterstimmung: András Schiff mit seiner Cappella Andrea Barca. Georg Anderhub/LF

Eine kleine Schar Musiker versetzt einen grossen Saal in Osterstimmung: András Schiff mit seiner Cappella Andrea Barca. Georg Anderhub/LF

Georg Anderhub

Die Fastenzeit regt den Geist an. Von Basel über Muri bis Zürich werden Passionen, Messen und Oratorien aufgeführt. Die Karfreitagsstille bekommt ganz schön Konkurrenz. Warum es trotz der geistlichen Musikflut dennoch schon vor der Karwoche so viele Menschen – 10 700! – nach Luzern zog, ist umso erstaunlicher, aber erklärbar. Die Dichte an einzigartigen Künstlern, die Raffiniertheit der Programmation und die grossartigen Säle locken in die Leuchtenstadt: am Mittwoch ins KKL, am Donnerstag in die Jesuitenkirche.

Mit dem Charme des Dorfpfarrers

András Schiff führte im Konzertsaal vor, wie glücklich Kirchenmusik machen kann, ja wie fröhlich gestimmt man dabei sein darf! Und zwar selbst wenn das Werk eine tonnenschwere «Missa Solemnis» von Ludwig van Beethoven ist.

Schiff versprüht als Dirigent den Charme eines charismatischen Dorfpfarrers – und würde sich auch gut auf einer Kanzel machen. Umwerfend, wie er mit einer das Publikum umarmenden Geste während des finalen «Dona nobis pacem» den Musikfreunden den Friedensgrus vermittelt. Nicht verwunderlich, hätte man auf sein «Gehet hin in Frieden» mit einem «Und mit Deinem Geiste» geantwortet. Die 80 vorangehenden Minuten war Schiff der Schirmherr über seine Cappella Andrea Barca, den Balthasar-Neumann-Chor und ein gutes Solistenquartett.

Vor allem die 1999 von ihm gegründete Cappella nahm seine Schutzherrschaft dankend an. Im Unterschied zu windschnittigen Spitzenorchestern zeigt diese Einheit ein pausenlos überraschendes Musikantentum. Wie hier aufeinander gehört wird – auch in gegenseitiger Bewunderung! –, ist rührend. Wie innig dem liturgischen Text gefolgt wird, ohne plump zu werden, erstaunlich. Geradezu unheimlich, wie die Streicher das «Incarnatus est» vibratoarm kommentieren.

Das Menetekel – im Original!

Schiff macht aus der Messe kein hinreissendes Bravourstück, sondern versetzt es durch seine Interpretation via Konzertsaal zurück in die Kirche. Bei aller Kunst der geistvollen Klangrede sucht Schiff mit seiner Cappella den runden Ton. Der Ereignisdichte von Beethovens Werk begegnet Schiff mit Gelassenheit. Er ist kein Zweifler, sondern ein jubelnd Bejahender.

Konzertmeister Erich Höbarth ist Schiffs verlängerter Arm. Unbeschreiblich schön die Inbrunst seines Solos im «Sanctus»: Er gab dabei nie an, sondern schenkte Innigkeit, Einfachheit, ja Ehrlichkeit im Ausdruck.

Auch in der Jesuitenkirche war ein Hauch von dieser Kunst zu erleben. Dort führten die Junge Philharmonie Zentralschweiz, der Akademiechor Luzern zusammen mit einer famosen Solistenschar Georg Friedrich Händels Oratorium «Belshazzar» auf. Ein hierzulande selten gehörtes Werk, das aber ein tolles dramatisches Potenzial hat. Man muss damit allerdings so umgehen wie der britische Gesamtleiter Marcus Creed: Er wusste vom nüchternen Rezitativ bis zum betörenden Kriegsgeschrei des Chores wahrhaftig alle Register zu ziehen. Als dann nach mehr als zwei Stunden der babylonische Herrscher endlich mit dem berüchtigten «Mene, Mene, Tekel Upharsin» überrascht wurde, war das für alle erlösend und packend zugleich.

Heute schon Karfreitagszauber

Nicht nur an diesen zwei Abenden wurde der Beiname «Zu Ostern» bei Lucerne Festival diesen Frühling erfreulicherweise sehr ernst genommen. Selbst ein heidnisches Frühlingsopfer hatte gestern Abend zwischen all den geistlichen Werken Platz, dirigierte doch Gustavo Dudamel Strawinskys «Sacre du printemps». Heute Abend erklingt dann der Karfreitagszauber, wenn der 3. Aufzug von Richard Wagners «Parsifal» gespielt oder, vielleicht eher, gefeiert wird.

Andris Nelsons, am Sonntag noch Dirigent des Gedenkkonzertes für Claudio Abbado, kehrt damit bereits wieder ins KKL zurück. Im Sommer dann wird er erst als «Nachfolger» Abbados viermal vor dem Lucerne Festival Orchestra stehen, später dann zweimal vor seinem Orchester aus Birmingham.

Dieses Detail zeigt, wie enorm die Dichte an Grossartigkeiten im abgespeckten Sommerprogramm heuer ist: Vom 15. August bis 14. September vergeht kaum ein Lucerne-Festival-Tag, an dem Luzern für Musikfreunde kein Magnet wäre. Jene, die sich klugerweise bereits am 10. März ihre sommerlichen Festspielwünsche online erfüllten, wissen, was wir meinen: Wer sich sagte, «2014 bloss fünf Konzerte», hat bestimmt zehn gebucht. Diese Art des Über-die Stränge-Schlagens wird den Musikfreunden hoffentlich niemand als Fastenzeit-Verfehlung übel nehmen.

Lucerne Festival: Heute, 18. 30 Uhr, «Parsifal», 3. Aufzug, mit Andris Nelsons (Karten ab 60 Franken); Sonntag, 11 Uhr: Rossinis «Petite Messe solennelle».

Sommer 15. August bis 14. September www.lucernefestival.ch

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