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Linkin Park will keine harmlose «Schafsmusik» machen

Linkin Park über ihren Auftritt von Donnerstagabend am Greenfield in Interlaken, ihre neue CD «The Hunting Party» und Fussball.

Reinhold Hönle, Berlin
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Heute treten sie am Fuss der Jungfrau in Interlaken auf: Linkin Park.

Heute treten sie am Fuss der Jungfrau in Interlaken auf: Linkin Park.

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Welche Erfahrung haben Sie zur hitverdächtigen Single «Until It’s Gone» inspiriert?

Mike Shinoda: Manche Bands kommen ins Studio und schreiben einen Song in einem Tag. Bei uns dauert das Monate. Wer bedenkt, wie viele verschiedene Ideen und Stimmungen man in einer solchen Zeitspanne hat, kann sich vorstellen, wie viele Schichten ein solches Lied bekommt. Neben dem Allgemeinplatz, dass man nicht weiss, was man hat, bis man es verloren hat, ergab sich aus dem Umstand, dass viele von uns schon Kinder haben, noch ein zweiter Bezug.

Welchen meinen Sie?

Shinoda: Als Väter kamen wir auf den Gedanken, dass wir erst wissen, wer unsere Kinder sind bzw. werden, wenn sie ihr Elternhaus verlassen haben, um als eigenständige Persönlichkeiten ihr volles Potenzial entwickeln zu können. Dieser zusätzliche, unerwartete Aspekt wertet den Song in unseren Augen enorm auf.
David «Phoenix» Farrell: Wir sind jetzt seit zwei Wochen auf Tournee. Live hat der Song noch mehr Atmosphäre. Ich hatte nicht erwartet, dass es so viel Freude machen würde, ihn zu spielen. Die Leute haben ihn sehr gut aufgenommen, wohl auch, weil sie ihn im Gegensatz zu den meisten anderen Songs der neuen CD schon gehört hatten.

Hatten Sie nach dem letzten Album «Living Things» das Gefühl, dass auf dem Weg zu einer der grössten Rockbands unserer Zeit gewisse Dinge verloren gegangen sind, die Sie zurück wollen?

Shinoda: Das gibt es überall, ob man nun in einer so speziellen Situation ist wie wir in dieser Band oder ob man einen normalen Beruf hat. Ich bin jedoch dankbar, dass wir unseren Zusammenhalt nicht verlieren mussten, um ihn zu schätzen – und dies wurde uns bewusst, als wir bei diesem Album erstmals mit Gastmusikern zusammenarbeiteten: Page Hamilton von Helmet, Daron Malakian von System Of A Down und Tom Morello von Rage Against The Machine. Sie alle haben bedauert, wie in ihren Bands Spannungen in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurden, und bewundert, wie wir zusammenhalten. Natürlich gibt es auch bei uns Streitigkeiten, aber wir haben es geschafft, dank gegenseitigem Respekt und Verständnis aus diesen Phasen herauszukommen.

Weshalb haben Sie den Einsatz von elektronischen Instrumenten zurückgeschraubt und sich in Sachen Gitarrenriffs und Schlagzeug auf Ihre Anfänge besonnen?

Farrell: Wir haben verschiedene Sounds und Arten, Songs zu schreiben, ausprobiert, kamen jedoch an einen Punkt, an dem Mike als Produzent nicht mehr die Musik gefunden hat, die er hören wollte – oder zumindest nicht in dieser Interpretation. Wir hatten uns nicht mehr so weit gepusht, dass wir wussten, wie wir klingen, wenn wir wütend sind. So haben wir nachgeforscht und kamen zum Schluss: Es klingt anders als vor 15 Jahren, als wir unser Debütalbum «Hybrid Theory» machten, hoffen jedoch, auf «The Hunting Party» eine Form gefunden zu haben, die ehrlich und verständlich ist und die Leute berührt.

Welche Parallelen gibt es zwischen Linkin Park und einer «Jagdgesellschaft»?

Shinoda: Wir haben den Artikel einer japanischen Journalistin gelesen, die sich sorgt, weil viele junge Männer in ihrer Kultur «Schafsjungen» wären, das heisst Pflanzen- und nicht Fleischfresser. Statt selbst etwas zu unternehmen, würden sie nur noch warten, dass Jobangebote oder Mädchen auf sie zukämen. Da wir uns als Jäger verstanden, die eine aggressive und energiegeladene Rockplatte machen wollten, passte der Titel. Harmlose und passive «Schafsmusik» gibt es schon genug.

Weshalb malen Sie ein düsteres Bild der Gesellschaft? Sehen Sie für die Zukunft der Menschheit schwarz oder soll das ein Weckruf sein?

Shinoda: Finden Sie die neue CD düsterer als «A Thousand Suns»? Dort ging es um die Apokalypse, um die Menschheit, die sich auf jede nur erdenkliche Art selbst zerstört. «The Hunting Party» ist weniger von diesem Thema als von der Musik getrieben, die in vielen Fällen den Text inspiriert hat. Die Wut ist noch da, aber man regt sich über andere Dinge auf, wenn man erwachsener ist. Ich schreibe meist über Sachen, die anderen Leuten passieren, etwa über Menschenhandel oder Sexsklaverei mit Kindern – das fühlt sich ekelhaft an, wenn man es nur schon sagt. Es gibt jedoch viele Leute, die mit so etwas zu tun haben – und Opfer. Das ist sehr beunruhigend. Und je mehr man realisiert, dass das existiert, desto wütender wird man.
Farrell: Vielleicht sage ich das nur, weil ich mich selbst nicht als negativ denkenden Menschen sehe, aber ich denke, wenn man über so schwere Themen wie Menschenhandel schreibt, kann das nicht nur Wut auslösen, sondern auch viele positive Reaktionen. Ein Tanzlied wie «Happy» tut das nicht. Es hat mich zwar fröhlich gestimmt, zumindest die ersten 1000-mal, als ich es gehört habe, aber diese Art von Musik würde mich nie dazu bewegen, etwas verändern zu wollen.

Beim Greenfield Festival werden Sie vor einer grandiosen Bergkulisse auftreten. Würde es Sie reizen, dort wandern zu gehen?

Shinoda: Ich bin damit aufgewachsen, mindestens zweimal pro Jahr von Los Angeles in die Sierra Mountains zu fahren, um Wintersport zu treiben oder zu zelten und zu fischen. Ich habe das immer geliebt.
Farrell: Wir sind dort sehr verwöhnt, weil wir in der richtigen Jahreszeit nur zwei Stunden in die Berge fahren müssen, um snowboarden und abends im Pazifik noch ein Bad nehmen zu können. Aber die Schweiz ist einmalig und wunderschön. Der Filmer, der uns begleitet, war schon einmal in Interlaken und redet ständig davon, wie grossartig es dort sei, welche tollen Dinge man machen kann und wie riesig er sich auf seine Rückkehr freue.

Was würden Sie denn an einem freien Tag auf Tournee zusammen unternehmen?

Shinoda: Ausser naheliegenden Dingen wie ins Kino oder Shoppen zu gehen, haben wir schon viele ungewöhnliche Sachen gemacht. Meine neueste Idee ist, ein Auto zu mieten und damit Berlin und Umgebung zu erkunden – hoffentlich ohne Unfall. Vor ein paar Jahren sind wir mit Fahrrädern durch die Stadt gefahren. Das war toll. Der Typ sagte, es würde 2 bis 3 Stunden dauern und es wurden 6 Stunden (lacht).
Farrell: Mike musste auch schon mehrere Male mit mir Golf spielen ...
Shinoda: Obwohl ich ein miserabler Golfer bin (lacht).
Farrell: ... und wir haben gegen Leute von unserer Plattenfirma Fussball gespielt.

Dann werden Sie an der Fussball-WM mit dem US-Team mitfiebern ...

Farrell: Das ist momentan ein wundes Thema für mich. Ich bin sehr aufgeregt und fürchte schon die Enttäuschung, falls wir nicht weiterkommen sollten. Dabei bin ich mir bewusst, dass unsere Gruppe brutal schwierig ist. Zuerst Ghana, dann Portugal und zuletzt Deutschland. Worst-Case-Szenario: Wir verlieren alle Spiele und müssen wieder vier Jahre warten. Das wäre deprimierend.

Vielleicht können die USA auch diesmal schon Deutschland ärgern?

Farrell: Ich hoffe eher, dass Deutschland die ersten beiden Spiele gewinnen und sich gegen uns etwas schonen wird. Dann können wir vielleicht mit 1:0 gewinnen. Aber es ist auch möglich, dass die USA und Ghana weiterkommen – es wäre nicht das erste Mal, dass im Fussball verrückte Dinge passieren. Es ist ein verrückter Sport.

Mike, kannten Sie den kürzlich verstorbenen Schweizer Künstler H. R. Giger, der wie sie Grafikdesign studiert hat?

Shinoda: Ja, ich liebte sein Artwork! Nachdem ich «Alien» gesehen hatte, habe ich diese Figur oft gezeichnet. Aus meiner Teenager-Perspektive waren seine gotischen, sexuellen Wesen sehr düster und bizarr. Er selbst hat einmal etwas gesagt wie «Nur Spinner und Rockstars mögen meine Kunst». Als Spinner von einem Rockstar muss man einfach ein Fan von H. R. Giger sein (lacht).

Linkin Park «The Hunting Party» (ab 13. 6. im Handel). Live: 12. 6. Interlaken Greenfield Festival (weitere Headliner: Iron Maiden, Soundgarden, Eluveitie. www.greenfieldfestival.ch

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