Mike Shinoda

Linkin Park-Musiker verarbeitet Trauma mit Album: «Ich werde Chesters Tod nie verstehen»

«Ich konnte in den ersten Wochen das Haus so gut wie gar nicht verlassen.» Mittlerweile hat sich Mike Shinoda zurück ins Leben gekämpft.

«Ich konnte in den ersten Wochen das Haus so gut wie gar nicht verlassen.» Mittlerweile hat sich Mike Shinoda zurück ins Leben gekämpft.

Nach dem Suizid von Linkin-Park-Sänger Chester Bennington verarbeitet sein Freund Mike Shinoda den Tod im neuen Album.

Am 20. Juli 2017 nahm sich Chester Bennington, Sänger der erfolgreichen US-Rockband Linkin Park, das Leben. «Post Traumatic» ist nun der Versuch seines Freundes und langjährigen Frontmannkollegen Mike Shinoda (41), die Tragödie künstlerisch aufzuarbeiten. Das gelingt ihm. Man kann Shinoda gewissermassen zuhören, wie er seine Trauertherapie angeht. Die «Nordwestschweiz» unterhielt sich mit ihm in Los Angeles.

Mike Shinoda, wann haben Sie beschlossen, Chesters Tod künstlerisch aufzuarbeiten?

Mike Shinoda: Sehr bald. Mir war vollkommen klar, dass ich das tun musste. Für mich kam keine andere Option infrage, mich mit dem, was passiert ist, auseinanderzusetzen. Kunst war immer schon der Ort, an den ich ging, wenn ich Probleme hatte oder schwierige Situationen durchmachte.

Ihr ganzes Leben lang?

Ja. Beim Malen, Zeichnen und Songschreiben fühle ich mich sicher – in diese Welt habe ich mich bereits als Kind sehr gern geflüchtet. Für mich funktionierte diese Art des Eskapismus immer schon besser, als zum Beispiel einen Film zu gucken. Wenn du selbst etwas machst und kreativ bist, dann ist das ein wirklich wertvolles Ventil. Ich würde mir wünschen, dass sich alle Menschen zutrauen würden, etwas zu malen oder mit den eigenen Händen zu erschaffen. Du musst kein Rembrandt sein, um dich gut und stärker zu fühlen, nachdem du irgendetwas zu Papier gebracht hast.

Haben Sie nach Chesters Suizid auch eine klassische Psychotherapie gemacht?

Nein. Ich habe darüber nachgedacht, aber dann keinen professionellen Therapeuten besucht. Ich habe ein sehr gutes Netzwerk von Freunden, einige von ihnen sind tatsächlich Psychiater von Beruf, die haben mich natürlich unterstützt. Viele meiner Freunde sind sehr einfühlsam und klug und haben mir sehr geholfen.

Wer zum Beispiel?

Rick Rubin. Er hat in seinem Leben alles gesehen, besitzt einen wundervollen Geist und hält sich in Gesprächen nicht mit Unsinn auf. Rick hat ein paar unserer Platten aufgenommen, er kannte Chester gut. Und er wusste natürlich, dass er lange schon unter Depressionen litt. Wir sprachen darüber, dass du den meisten Menschen mit schweren Depressionen ansehen kannst, wie extrem unwohl sie sich in ihrer eigenen Haut fühlen. Und dass es bei Chester eben nicht so war. Er kam ganz gut mit sich selbst zurecht. Chester hatte immer einen Draht zu seinem Inneren. Wir kamen zu der Einsicht, dass wir keine Antworten bekommen werden. Natürlich frage auch ich mich «Warum?». Aber niemand kann diese Frage beantworten. Ich gehörte zu den Menschen, die ihn sehr gut und sehr lange kannten, aber ich werde es nie verstehen.

Wenige Monate vor seinem Tod haben wir noch in Berlin über das damals neue Linkin-Park-Album «One More Light» gesprochen. Chester war gut drauf, sehr reflektiert, und er sprach offen über seine Probleme, seinen Alkoholrückfall, seine Wut und seine seelischen Nöte.

Ich weiss. Er hat sich so sehr geöffnet, wie sich Menschen mit dieser Krankheit nur selten öffnen. Er zeigte sich so ehrlich und so verletzlich. Chester hatte seit vielen Jahren mit Süchten zu kämpfen, es war ein Auf und Ab. Während der Arbeit an «One More Light» hatte er eine schlechte Phase, aber wir dachten, es ginge bergauf. Viele Menschen unterstützten ihn, viele haben ihn aber auch regelrecht fertiggemacht, weil sie nicht einverstanden waren mit den klanglichen Entscheidungen, die wir auf «One More Light» getroffen hatten. Er war sauer, weil die Leute so widerlich zu ihm waren. Die Verrisse des Albums haben ihn sehr verletzt.

Hatten Sie Angst um ihn?

Wir haben stets versucht, so gut es ging aufeinander aufzupassen. Im Hinterkopf ist die Sorge immer da. Doch manches, was in einem Menschen vorgeht, bekommst du nicht zu Gesicht.

Fünf Songs, die jetzt auf dem «Post Traumatic»-Album enthalten sind, haben Sie bereits im Januar auf der gleichnamigen EP veröffentlicht. Wie haben die Fans reagiert?

Unglaublich berührend. Die Musik ist bewusst so konzipiert, dass ich so wenig Distanz wie möglich zwischen den Fans und mir aufbaue, ich will die Leute hineinlassen in meine Welt. Und ich bin von Anfang an überwältigt gewesen, was für ein liebevoller, tröstender Ort meine Seiten in den sozialen Medien sind. Viele meckern ja immer, dass die Kids nur noch am Handy sind, anstatt zu reden, dass sie ausgestöpselt sind vom Leben. Meine Erfahrung des letzten Jahres ist eine komplett andere: Die Fans haben sich in den sozialen Netzwerken wirklich mitfühlend um mich, aber auch umeinander gekümmert. Ich finde das so wundervoll.

Auf «Place To Start» hört man, wie Freunde von Ihnen auf den Anrufbeantworter sprechen, um sich nach Ihnenzu erkundigen.

Ja, es haben sich unheimlich viele Menschen gemeldet. Die Fragen waren immer «Was ist passiert?» und «Wie geht es dir?». Wenn ein Familienmitglied oder enger Freund stirbt, dann erkundigt sich normalerweise ein enger Kreis nach dir. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst und die ganze Welt Bescheid weiss, dann ist dieser Kreis grösser. Ich habe diese Fragen also sehr, sehr oft beantwortet. Meist online. Ich konnte in den ersten Wochen das Haus so gut wie gar nicht verlassen.

Place To Start - Mike Shinoda

Warum nicht?

Zum einen wollte ich Zeit für mich und meine Trauer haben. Und einmal ging ich mittagessen, und es kamen die Paparazzi. Sie umstellten mein Auto und belagerten mich. Ich konnte nicht mehr weg, ohne die Leute mehr oder weniger umzufahren. Und dann dieses «Mike, erzähl mal», «Mike, bist traurig?». Ich habe nur gesagt, dass sie sich schämen sollten, und mich daheim verkrochen.

Wann sind Sie wieder rausgegangen?

Du hältst so etwas nicht ewig durch. Ich musste meine Kinder zur Schule bringen, zu Geburtstagspartys anderer Kinder. Logisch, alle anderen Eltern fragten dort wieder «Mike, wie geht es dir?», «Können wir dir helfen?». Das ist alles sehr süss und gut gemeint, aber es wirft dich immer wieder zurück. Sobald mich jemand auf Chester ansprach, war ich im Kopf sofort wieder an dem Moment, als ich davon hörte. Ich dachte mir, wenn ich diese Fragen schon nicht beantworten kann, dann will ich mich wenigstens künstlerisch mit ihnen auseinandersetzen. «Post Traumatic» ist ein sehr persönliches Statement über diese Phase.

Die frühen Songs wie «Watching As I Fall» sind viel düsterer und verzweifelter als jüngere Nummern, wie etwa das Hip-Hop-Stück «About You». Ist Ihnen das bewusst?

Ja. Ich habe immer versucht, das Gefühl, das ich gerade hatte, in der Musik einzufangen. Die Phasen der Trauer kommen nicht immer in der klassischen Reihenfolge, sie passieren eher nach dem Zufallsprinzip. Aber grundsätz- lich war mein Jahr eine Reise von einem sehr dunklen, traurigen Ort zu etwas Hellerem und Neuem. Chester lebt nicht mehr. Er war ein ganz besonderer Mensch mit einer der besten Stimmen unserer Zeit. Wir waren alle glücklich, ihn gekannt zu haben.

Wie wichtig ist Humor bei der Trauer?

Viel wichtiger, als ich dachte. Wir sassen und sitzen oft zusammen, Chesters Frau Talinda, meine Frau Anna und ich. Manche unserer Gespräche waren sehr düster, aber viele waren auch ziemlich lustig. Innerhalb dieses «Was machen wir eigentlich hier?»-Gefühls haben wir sehr viel zusammen gelacht. Chester konnte so witzig sein. Er war ein Mensch, der gern auf andere zuging. Er liebte es, sich mit wildfremden Leuten zu unterhalten.

«Sometimes you say Goodbye over and over and over again» sagen Sie in «Over Again». Also: manchmal verabschiedest du dich immer und immer wieder. Wie meinen Sie das?

Die erste Strophe schrieb ich am 27. Oktober, dem Tag unseres Tribute-Konzerts im «Hollywood Bowl» in Los Angeles. Die zweite Strophe schrieb ich am Tag danach. In dieser Zeit erinnerte mich einfach alles an Chesters Selbstmord, an die Tragik, an die komplette, fundamentale Zerstörung so vieler Dinge, die Teil der Struktur unseres Lebens waren.

Over Again - Mike Shinoda

Worum geht es in «Lift Off»?

Um den puren Eskapismus. Wenn mir alles zu viel wird, mache ich auch Sachen, die nichts mit all dem hier zu tun haben. «Lift Off» ist ein positiver Song, es geht letztlich auch um Utopien. Mein Vater ist Raumfahrtingenieur. Für ihn hat alles eine technische Lösung, das ist bewundernswert. Als Kind war ich manchmal bei Raketenstarts dabei, auch mich fasziniert das, ich möchte aber nicht ins All. Ich denke, die Zukunft der Menschheit wird auf der Erde entschieden.

Sind Sie hoffnungsvoll für die Zukunft?

Total. Weil ich sehe, mit was für einem hartnäckigen, unerschütterlichen Optimismus sich junge Leute aufmachen, die Probleme zu lösen, über die wir reden. So eine Energie, auch so ein konstruktives Angepisstsein habe ich noch nie erlebt. Ich bin Jahrgang 1977, ich habe die Proteste gegen den Vietnamkrieg nicht erlebt, aber damals war es ähnlich. Die Kids waren motiviert und leidenschaftlich, sie wollten die Welt verändern und haben es geschafft. Heute haben sie mit dem Internet ein spektakuläres Werkzeug in der Hand.

Sind Sie mit 41 noch Teil davon?

Ich habe das Gefühl, ich habe mehr Gemeinsamkeiten mit vielen 20-Jährigen als mit den meisten 40-Jährigen.

Wie wird Ihr Liveprogramm aussehen?

Ich werde solo auftreten und Musik von meinem Livealbum, von meinem Projekt Fort Minor und von Linkin Park spielen.

Ob und wie es mit Ihnen und Linkin Park weitergeht, ist weiter unklar, oder?

Ja. Wir haben keine Pläne. Ab und zu treffen wir uns zum Essen oder im Studio, wir machen dann auch Musik, aber nur für uns, ohne das Ziel, etwas zu veröffentlichen. Wir müssen uns noch an die Situation gewöhnen, eine neue Stabilität finden und neue Versionen von dem kreieren, was unser Leben war. Das braucht Zeit. Und egal, wie es mit Linkin Park weitergeht, als Gemeinschaft werden wir immer eng verbunden bleiben. Ich liebe diese Jungs, und ich glaube, sie lieben mich auch.

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