Herr Bardill – sind Sie ein Träumer?

Linard Bardill: Ich bin sogar ein luzider Träumer. Das heisst, dass ich während des Träumens plötzlich merke, dass ich träume. Es gibt übrigens eine lustige Verifizierungsmethode, wie man sich davon überzeugen kann, dass man träumt: Schaut man sich während des Träumens die Hände an, haben die im Traum nie fünf Finger.

Warum?

Ich weiss es nicht. Ein weiteres Indiz: Wenn man sich im Traum umdreht, dann dreht sich die Landschaft mit. Man kann sich im Traum Dinge wünschen. So kann man fliegen, Personen sehen oder mit dem toten Grossvater reden. Dieses Traumgebiet, in das man auf diese Weise vorstösst, kann aber unübersichtlich und heikel sein. Das hat mich, gemeinsam mit meiner Tochter, die etwa zehn Jahre alt ist und sehr viele Wünsche hat, dazu inspiriert, einmal etwas über das Wünschen und Träumen zu schreiben.

Wie ist es zum Singspiel geworden?

Franziskus Theurillat vom Sinfonierochester Basel hat mich angefragt, ob ich eine Geschichte für ein Singspiel hätte, da brachte ich meine neue Traumgeschichte ein. Wir haben schon zwei grössere Projekte miteinander gemacht. Das hat mir überhaupt erst den Mut gegeben, das Märchen über den Traum aufzuschreiben.

Die Geschichte dreht sich um ein Mädchen namens Carol.

An der Fasnacht, die musikalisch eine Basler Fasnacht geworden ist, begegnet Carol einem Narr im Schellenkostüm, einem Ueli. Sie hat ihre Eltern verloren im Gewühl und er sagt, er könne sie wieder herzaubern. Das macht er und sie fragt, ob er auch noch anderes zaubern kann. Er sagt ja, sie müsse ihn nur in der Nacht vor dem Einschlafen rufen. Er heisse «Millistrade.» Das heisst «1000 Wege». Er ist damit der Joker im Spiel, der alle Stationen und alle Möglichkeiten in sich trägt. Bevor Carol einschläft, ruft sie ihn und er fragt sie, was sie ihm gibt, wenn er ihre Wünsche erfüllt. Sie bietet ihm alles Mögliche an, den Teddy, den Schulranzen, aber Millistrade will ihren Wecker. Den gibt ihm Carol gern. Er gibt ihr eine Traube zu essen, dann schläft sie ein und erwacht in ihrem Traum. Sie wünscht sich zu fliegen, unter Wasser atmen zu können, und immer singt sie ein Lied dazu. Ich selbst gebe auf Bühne und CD den Erzähler.

Was passiert mit Carol in der Geschichte?

Sie bleibt in ihrem Traum hängen, weil sie keinen Wecker mehr hat. Wie sie sich wieder befreit, möchte ich nicht verraten, aber es gibt ein Happy End.

Im Normalfall schreiben Sie Ihre Lieder selber. Wie war das im Singspiel?

Das Singspiel hat Marius Felix Lange komponiert. Ich habe ihm die Lieder in Form von Text und Vertonungen dazu geschickt. Er hat das Material dann verarbeitet. Es sind sehr schöne Lieder geworden.

Sind Traum und Wirklichkeit für Sie Gegensätze?

Nein, für mich ist der Traum in diesem Fall ein Spielfeld, wo man ausprobieren kann, was passiert, wenn alles, was man sich wünscht, in Erfüllung geht. Die Erfüllung von Wünschen zu träumen, genügt aber nicht. Ich glaube, ein musikalischer Mensch, der Musik im Kopf hat, aber nie ein Klavier zur Verfügung, wird wahnsinnig. Wünsche müssen sich an der Realität reiben können.

Ist Musik ein Verbindungsstück zwischen Traum und Wirklichkeit?

Das habe ich mir noch nie so überlegt. Marius Felix Lange hat das aber sehr schön umgesetzt: Es gibt jeweils eine Erkennungsmelodie von «Millistrade», vom Wasser oder Fliegen. Musikalisch ist es, wenn man sich das ein paarmal anhört, hoch gescheit und doch sehr einfach. Die Erzählung führt die Kinder hindurch, mit der Musik lässt sich der Inhalt direkt empfinden.

Am Samstag ist Uraufführung. Aber ich nehme an, Sie sind schon einen Schritt weiter. Woran arbeiten Sie nun?

An einem Hans im Glück-Spiel. Das gibt eine Art Zen-Märchen. Am Anfang hat Hans ja einen Klumpen Gold, den tauscht er ein gegen ein Pferd, dieses in eine Kuh, die in ein Schwein und dieses in eine Gans und jene in einen Wettstein. Glücklich ist Hans aber erst, als er den ganzen Plunder im Brunnen versenkt und sich befreit. Mit diesem Spiel bin ich mit einer kleinen Band unterwegs.

Und dann geben Sie noch einen Kurs «Sterben für Anfänger». Was ist das?

Ich mache häufig Sterbebegleitung. Aus dieser Erfahrung entwickelte ich den Kurs «Sterben für Anfänger». Wir sind aus den kollektiven Vorstellungen, was nach dem Tod kommt, herausgefallen. Es gibt kaum noch gemeinsame Vorstellungen über das, was nach dem Tod kommt. Damit beschäftigen wir uns. Die Vorstellungen des Todes haben auch einen Einfluss auf das Leben.