Die digitale Revolution erleichtert nicht nur die Verbreitung von neuer Musik, sondern auch den Zugang zu historischen Aufnahmen. Perlen der Musikgeschichte sind heute auf den Streaming-Portalen nur einen Mausklick entfernt. Die Vergangenheit wird wieder aktuell. Wie auch die damals revolutionäre Musik des Jazzpianisten Lennie Tristano, der am 19. März 100 Jahre alt geworden wäre.

Tristano gilt als Begründer des Cool Jazz, war aber noch viel mehr. Epochal waren etwa die Aufnahmen «Intuition» und «Digression» vom Mai 1949. Der Tonmeister soll das Studio fluchtartig verlassen haben und hielt Tristano für verrückt, denn die Band improvisierte völlig frei und ohne jegliche Vorgaben. Und das notabene rund zehn Jahre bevor der Free Jazz die Szene in Aufruhr versetzte.

Tristano war auch einer der Ersten, die sich mit der Manipulation der Bandgeschwindigkeit sowie mit Overdubbing befassten. Konkret fügte er schon 1951 zu bestehenden Aufnahmen von «Juju» und «Pastime» weitere Aufnahmen hinzu, wodurch polyphone, voneinander unabhängige Melodiekonstrukte entstanden. Das Verfahren, das heute vor allem in der Popmusik Usus ist, blieb zunächst unbemerkt. Fünf Jahre später lösten neue Aufnahmen mit demselben Verfahren heftige Kontroversen aus. Die Jazzkritik warf ihm «Unsportlichkeit» vor. Tristano wolle «noch tüchtiger wirken, als er sei». Absurd, denn Tristano ging es nicht um Angeberei, sondern um die Verdichtung von musikalischen Strukturen mit künstlerischen Mitteln.

Tristano wollte den Bebop mit seinen festgelegten Harmoniestrukturen überwinden und war eher der europäischen als der afroamerikanischen Musiktradition verpflichtet. Die Beziehung zu Charlie Parker war aber von höchstem Respekt geprägt. Als der Bebop-Pionier 1955 starb, schrieb er ihm zu Ehren das Stück «Requiem». Ein wunderbares, berührendes Stück Musik und der einzige Blues im Repertoire von Tristano.

Wie weit Lennie Tristano seiner Zeit voraus war, verdeutlicht das Stück «Descent Into the Maelstrom», das er 1953 aufnahm, aber erst 1978 veröffentlicht wurde. Darin scheint er die radikale Musik von Cecil Taylor vorwegzunehmen. Der Free Jazz-Pianist nannte Tristano denn auch ausdrücklich als einen wichtigen Impulsgeber: «Seine Ideen Interessierten mich, weil er in der Lage war ein Klaviersolo zu konstruieren.»

Künzlis Playlist

  • Intuition (1949 mit u.a. Warne Marsh, Lee Konitz)
  • Digression (1949)
  • Crosscurrent (1949)
  • Juju (1951, Trio mit Peter Ind und Roy Haynes)
  • Pastime (1951)
  • Line Up (1956, Trio mit Peter Ind und Jeff Morton)
  • Turkish Mambo (1956)
  • East Thirty-Second (1956)
  • Requiem (1956, Solo Piano)
  • Descent Into the Maelstrom (1953/1978)
  • Becoming (1961, Solo-Piano)
  • Deliberation (1961, Solo-Piano)
  • Lennie Tristano: Piano Solo Live Paris Jazz Festival 1965