Das Stimmen-Festival ist eines der ältesten Open Airs in der Region und das einzige in Europa, das in drei Ländern spielt. Dem Festival gelingt es immer wieder, Topacts auf seine Bühnen zu holen. Dieses Jahr beispielsweise ZZ Top. Festivalleiter Markus Muffler erklärt, wie er das schafft und welche Strategien er damit verfolgt.

Herr Muffler, Sie stehen vor Ihrem fünften Stimmen-Festival. Der Newcomer-Bonus ist vorbei. Sind Sie angekommen in Lörrach?

Markus Muffler: Ja, ich denke, dass ich mich von meinem Vorgänger Helmut Bürgel emanzipieren konnte und meine Handschrift sichtbar geworden ist. Ich stehe auf Rock, Pop, Jazz und Black Music, Kristina Danwerth, die sich mit mir ums Programm kümmert, liebt wie ich die experimentellere Pop- und Rockmusik. Das kommt nun rüber.

Finde ich auch. «Stimmen» spricht ein urbaneres Publikum an als früher, und anglophile Künstler haben an Gewicht gewonnen.

Ja, das hat mit unseren Interessen zu tun, unserer Absicht, mehr «Coolness» – verzeihen Sie den Ausdruck – ins «Stimmen»-Programm zu bringen. Exzellente Musik, die zeitgemäss ist und von hoher Qualität. Viele Open Airs müssen nehmen, was grad verfügbar ist. Wir können es uns leisten, ein Festival für interessante Musikerinnen und Musiker zu sein, die weltweit Aufsehen erregen. Der Brite Benjamin Clementine hat noch nie in dieser Region gespielt, ebenso verhält es sich mit Elbow, die im deutschsprachigen Raum gerade mal zwei Konzerte geben. Eines davon bei uns in Arlesheim.

Wie schaffen Sie es, eine Band wie Elbow oder jemanden wie Grace Jones ans «Stimmen» zu holen? Mit Charme – mit Geld?

Machen wir uns nichts vor: Die Gage ist immer der grösste Überzeugungsgrund. Auch bei Traditionsfestivals wie Montreux kann man sicher nicht mehr nur mit seinem Namen und seiner Geschichte punkten, um die Stars an den Genfersee zu locken.

Wie können Sie sich das leisten?

Wir haben das Glück, dass das Stimmen-Festival Teil des Ganzjahres-Betriebs Burghof ist, also in dessen Bilanz einfliesst. Und der Burghof wird von der Stadt Lörrach unterstützt. Wir können uns also eine schwarze Null auch einmal leisten – und können vor allem daher auch die Preise so festsetzen, dass sich alle Musikfans im Dreiland ein Ticket leisten können.

Was heisst das konkret?

Wir können das Elbow-Konzert für 54 Euro anbieten – und das in der Schweiz …

… einem Hochpreisland – profitieren Sie davon, dass «Stimmen» in Deutschland zu Hause ist?

Ja, unsere Produktionskosten sind tiefer als bei einem Schweizer Festival. Zugleich betonen wir aber auch gegenüber den Agenturen unseren Standortvorteil: Wir sind das einzige Festival, das in drei Ländern stattfindet.

In unserer Region sind in den letzten zehn Jahren neue Open Airs entstanden: Das Open Air Basel aus der Kaserne, das Z7 macht Open-Air-Konzerte in Pratteln und Augst, zudem gibt es Summerstage in Münchenstein und Summersound in Schopfheim, die allesamt mehrere tausend Musikfans erreichen. Spüren Sie die Konkurrenz?

Inhaltlich stehen wir uns nicht so auf die Füsse, am ehesten gibt es Überschneidungen mit dem Open Air Basel. Aber dies ist ein Zweitages-Festival mit einer Bühne, hat also ein anderes Konzept.

Das Open Air Basel brachte aber im letzten Jahr die Beginner, die Sie nun programmiert haben.

Ja gut, die Beginner sind eine deutsche Band, die ein dickes Brett liefert und die man einfach machen muss. Damit können wir leben. Was aber nicht ginge: Wenn ZZ Top in der Region gespielt hätten. Von einer solchen Band verlange ich Exklusivität, auch, weil wir wissen, dass wir mit ihr einen ausverkauften Platz haben, damit also unsere Kasse füllen können und uns so Experimente leisten können.

Grace Jones tritt auch in Montreux auf.

Das ist für uns kein Problem, im Gegenteil. Wir fühlen uns ein wenig seelenverwandt mit Montreux, da wir wie Montreux künstlerisch die Fahne hochhalten wollen. Nur sind wir deutlich günstiger und können Grace Jones zu einem günstigeren Eintrittspreis zeigen. Und sie wird den Coolness-Faktor des Stimmen-Festivals nochmals erhöhen, was uns helfen wird, weitere Künstler wie sie zu kriegen in der Zukunft. Nein, was die Konkurrenzsituation angeht, war ich nur wegen einer Band ein bisschen verschnupft…

Welcher?

Den Pixies. Die spielen an der Foire aux Vins in Colmar, ich hätte sie auch gerne nach Lörrach gebracht. Wir waren in Verhandlungen über ein Engagement der Band, und als wir sahen, dass sie auch schon in Colmar gebucht waren, ging das nicht mehr. Der englische Agent dachte wohl: Frankreich und Deutschland, zwei verschiedene Länder, kein Problem. Ist es aber in Ländern in unmittelbarer Grenznähe.

Sie haben Montreux erwähnt: Benjamin Clementine spielt dort wie bei «Stimmen» Indoor. Zufall?

Nein, ganz bewusst. Er gehört zu den Künstlern, die Saalkonzerte bevorzugen. Das ist ein Vorteil für uns: Wir sind kein klassisches Open Air, sondern können Künstlern, die lieber in Konzertsälen spielen, auch eine solche Bühne bieten im Burghof. Und: Unsere Spielorte bieten eine Unmittelbarkeit und Dichte, ob Burghof Lörrach, Domplatz Arlesheim oder der Lörracher Marktplatz, auf dem 5500 Leute Platz haben. Massive Attack spielen beim Dreitagesfestival vor 20'000 Leuten, bei uns konnte man ihr Konzert dichter, näher erleben.

Dieter Bös von Koko Entertainment, der in den letzten 20 Jahren viele Konzerte für den Marktplatz buchte, hat sich zurückgezogen. Mehr Arbeit für Sie?

Ja, denn er verfügte über viele Kontakte, ist auch immer noch als externer Partner für uns tätig. Das ist gut so, denn er kennt die Agenten von Bob Dylan oder ZZ Top, ist schon lange im Geschäft. Aber es ist so: «Stimmen» wird mittlerweile ausschliesslich inhouse programmiert. Das war früher anders.

Stehen Sie dadurch stärker unter Druck? Es ist ja nicht einfach, grosse Hauptacts zu bekommen, der Marktplatz hat keine Stadiongrösse, ist aber zu gross für Newcomer.

Wir sind sehr transparent. Der Agentin von Chaka Khan habe ich offen gesagt, dass ihr Konzert nicht ausverkauft sein wird, dass da keine 5000 Leute kommen werden. Muss auch nicht sein, der Marktplatz hat zum Glück auch schon bei 2000 Besuchern eine tolle Stimmung, das reicht atmosphärisch.

Sie breiten bei den Verhandlungen also nicht nur den roten Teppich aus?

Nun, der rote Teppich ist gepflastert mit Dollarnoten, das ist am Ende für die Agenten wichtig, denn diese leben ja von der Provision. Wir zahlen gut, aber wir haben mehr zu bieten – und wer mal bei uns war, will auch wiederkommen. Mir war klar, dass ZZ Top ausverkauft sein würden, ebenso, dass die Beginner den Platz gut füllen werden. Mit solchen Abenden können wir dann andere quersubventionieren, einen Tom Odell, eine Chaka Khan oder die Konzerte im Lörracher Rosenfelspark.

Verraten Sie uns einen Namen auf Ihrer Wunschliste?

Seit Jahren ganz oben: Nick Cave and The Bad Seeds.

Nach Manchester leider wieder aktuell: die Sicherheitsfrage. Welche Konsequenzen ziehen Sie?

Die Fachleute haben die Gefahrenlage analysiert. Wir werden in diesem Jahr einige Sachen anders machen, eine wesentliche Neuerung ist dabei, dass Rucksäcke, Taschen und sonstige Behältnisse nur noch bis zu einer maximalen Grösse von 30×20×15cm (ca. DIN A4) auf dem Gelände der Spielorte Marktplatz Lörrach, Rosenfelspark Lörrach und Domplatz Arlesheim erlaubt sein werden.