Musikwelt

Leistungsdruck an der Hochschule: «Wenn die ersten 20 Takte nicht perfekt sind, ist man draussen»

Er kennt die klassische Musikwelt: Michael Eidenbenz ist Musikverantwortlicher der ZHdK.

Er kennt die klassische Musikwelt: Michael Eidenbenz ist Musikverantwortlicher der ZHdK.

Der Druck auf Musiker ist gross, das Angebot zum Umgang mit Lampenfieber auch, sagt Michael Eidenbenz, Musikverantwortlicher der Zürcher Hochschule der Künste.

Michael Eidenbenz, im Instrumentalunterricht wird vieles vermittelt, nicht aber der Umgang mit Lampenfieber.

Michael Eidenbenz: Das stimmt so nicht. Lampenfieber wird ganz und gar nicht ausgeblendet.

Was bietet die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) konkret an?

Im Kontext der «Musikphysiologie» bieten wir wöchentliche Pflichtkurse zu Lernstrategien, Körperbildung, Prävention sowie individuelle Beratungen an. Da geht es auch um den trainierten Umgang mit Lampenfieber.

Der «Schweiz am Wochenende» sind aber Fälle bekannt, wo Musikdozenten ihrem nervösen Studenten Betablocker in die Hand drückten, er solle das mal probieren.

Das finde ich blödsinnig, wenn ein Lehrer so vorgeht und auf diese Art den Hinweis auf das Medikament platziert, ausser er tut es in einer Notfallsituation. Schliesslich ist er kein Arzt.

Kann man als Hochschulleiter etwas tun, um die Einnahme von Betablockern präventiv zu verhindern?

Verbieten kann man es nicht. Aber man kann auf Vernunft setzen. Auf Information und Übung. Denn man kann Lampenfieber mit Training bekämpfen. Das ist sicher gesünder und nachhaltiger, als Tabletten zu nehmen.

Die Anforderungen haben extrem zugenommen, was zu vermehrter Angst führt.

Ob die Angst grösser ist, weiss ich nicht. Der Qualitätsdruck ist aber gewachsen. Heute bewerben sich auf eine Orchesterstelle rund 400 Flötisten, 20 werden eingeladen. Wenn dann im Mozartkonzert die ersten 20 Takte nicht perfekt sind, ist man draussen. Technische Qualität und Ansprüche an Perfektion sind gestiegen – steigen noch immer. Aus bekannten Gründen.

Was sind die bekannten Gründe?

Erstens ist die klassische Musikwelt global geworden. Man ist konfrontiert mit Ausbildungen und der Begabtenförderung anderer Länder, die ungleich stärker auf Leistung ausgerichtet sind. Zweitens ist durch die mediale Dokumentation musikalische Perfektion permanent zugänglich.

Daran misst man sich als Musiker – und daran messen einen auch die Hörer. Es gibt aber viele musikalische Felder, wo beispielsweise mehr Experiment und Improvisation gefragt sind. Generell leiden Musikerexistenzen wohl nicht unter mehr Druck als früher.

Ist das Niveau an den Musikhochschulen heute vergleichbar mit jenem von vor 20 Jahren?

Das Niveau ist enorm gestiegen. Man hört manchmal: Was man vor 40 Jahren beim Diplom gespielt hat, wird heute in der Aufnahmeprüfung verlangt. Das ist überspitzt, hat aber einen wahren Kern.

Werden zu viele Leute ausgebildet, ist der Markt übersättigt?

Man könnte ja mal die Frage umkehren: Wie viele Musiker braucht es denn genau? Das lässt sich nicht beantworten, denn Musiker sind keine Rädchen im System, die vorgesehene Funktionen ausüben müssen. Trotz aller Klischees führt die Musikausbildung nicht in die Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil: Der Markt der «Kreativwirtschaft» wächst, auch für die Musik.

Körperliche Beschwerden sind weniger tabu als Bühnenangst: Tenor Jonas Kaufmann sagt Auftritte wegen Kehlkopfentzündung ab. Auch Martha Argerich leidet unter Lampenfieber, meldet sich aber wegen Krankheit ab.

Da geht es um Kommunikation mit dem Publikum. Wenn ein Sänger sagt, er sei krank und bringe keinen Ton heraus, kann man dem nichts entgegensetzen. Aber dass er absagt, weil er vor lauter Angst davonlaufen möchte, würde das Publikum nicht akzeptieren.

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