Rock

Lauter, monströser, krasser: Die radikale Umkehr von Arcade Fire

Normal zu sein, ist verrückt: Arcade Fire. HO

Normal zu sein, ist verrückt: Arcade Fire. HO

Wer von Arcade Fire bisher das Bild einer violinenbestückten Folkband hatte, muss diese Vorstellung mindestens teilweise revidieren. Auf dem neuen Album lassen es die Musiker krachen.

Der Titelsong «Reflektor» dauert krachende sieben Minuten, und die Band hat sich alle Mühe gegeben, ihren folkigen Charme an die Wand zu fahren. Die meisten Songs sind nun länger als sechs Minuten, kommen bombastisch und gar brutal daher. Der neue Sound zeigt alle Anzeichen einer radikalen Umkehr – wie einst bei «Achtung Baby» von U2 oder Radioheads «Kid A».

Ja, es sind dieselben, verzweifelt jubelnden Stimmen: Win Butler, seine Frau Régine Chassagne, sein Bruder und drei weitere Musiker. Und ja, es ist David Bowie, der im Titelsong als Gaststar singt. Aber sonst steht alles kopfüber im Hause Arcade Fire.

«Reflektor» ist lauter, monströser und kündigt eine krasse, neue Richtung an. «Wenn das der Himmel ist» deklariert Win Butler, «dann brauch ich etwas Grösseres.» Todesmutig, wie einer, der mitten im grössten Glück beschliesst, sich in eine Schlacht zu werfen. In einem etwas lichteren Moment verrät er: «Die Freude an der Musik ist 2013 die: Man kann heute im selben Song Anteile von den Sex Pistols und Abba gleichzeitig hören. Es ist eine musikalische Explosion im Gange und alles, was gut ist, kommt an die Oberfläche.»

(Quelle: YouTube/ArcadeFireVEVO)

Arcade Fire - Reflektor

Nicht von Sinnen

Was hat diese Band geritten? Ganz von Sinnen ist sie nicht. Sie stellt sich existenzielle Fragen, etwa im Song «Flashbulb Eyes»: «What if the camera really do take your soul? Und wenn die Sonne untergeht? Denn jetzt kommt die Nacht. Schau nur: Dies ist die Nacht.»Oder die Band fragt: «Was ist ein normaler Mensch?» Und sie versucht, normal zu sein – um dann festzustellen: Normal zu sein, ist crazy.

Arcade Fire spielen mit ihren Grundfesten – und dies mindestens so radikal wie damals U2. Sie hätten Kings of Leon oder auch Muse werden können. Aber diese Band will weiter, will vorstossen, ins Ungewisse. In die Nacht. Wenn in den letzten zehn Jahren je eine junge Band an einem Scheideweg stand, dann wohl diese sechs wagemutigen, jungen Menschen.

Arcade Fire hätten hübsche, kleine Popsongs komponieren können und wären heute zum Erbrechen reich. Wär diese Band 1982 jung, schön und stark gewesen, wäre die Musikgeschichte anders verlaufen.

Arcade Fire Reflektor. Universal.

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