Peter Bernhard, auf den «Schenkenberg»-Plakaten schauen alle Protagonisten unheimlich grimmig in die Welt. Ist die Rolle des Manrico ein Kampf für den Tenor, für Sie?

Peter Bernhard: «Il Trovatore» ist definitiv kein lustiges Stück. Alle vier Hauptpartien sind in dramatische Verwicklungen einbezogen. Drei davon sterben am Ende des Stückes oder kurz danach. Das wollte unser Werber auch zum Ausdruck bringen. Aber die Rolle des Manrico ist kein Kampf, nein! Es ist ein Genuss, eine solche Partie singen zu dürfen. Allerdings kenne ich keinen Tenor, der nicht grossen Respekt vor der Partie hätte. So auch ich.

Sie singen nicht nur die Hauptrolle, sondern sind auch der künstlerische Leiter der «Oper Schenkenberg». Ist das nicht ein zu grosser Spagat bei einem so riesigen Projekt?

Diesen Spagat mache ich seit sechs Jahren, denn ich singe ja auch während der Vorbereitungen für die Produktionen der Oper Schenkenberg an verschiedenen anderen Häusern. Ich kann mich sehr gut auf eine Sache fokussieren und dann für diese Zeit den Rest abstellen. Meditation hilft durchaus. Dass dadurch mein Privatleben und die Familie manchmal etwas zu kurz kommen, ist leider nicht zu vermeiden. In meiner Funktion als künstlerischer Leiter habe ich soweit alles vorbereitet, dass dies eine gewisse Zeit auch ohne mich weiterläuft. Zudem habe ich mit Mario Bettoli eine hervorragende Persönlichkeit als Stellvertreter eingesetzt.

Zurück zur Oper: Ist der von der Handlung her verworrene «Trovatore» dankbar für eine Freiluft-Produktion auf einer grossen Bühne?

Absolut! Es ist sogar so, als sei diese Oper für Freilicht-Veranstaltungen geschrieben worden. Wir sind ja nicht die Ersten, die diese Oper Freilicht produzieren. Mit unserer Sichtweise auf die Zeit der Prohibition des Alkohols in Amerika in den 20er-Jahren bekommt das Stück sogar eine gewisse Durchlässigkeit und Visibilität, die den Zuschauer tief ergreifen wird. Die fantastische Bühne erlaubt dem Publikum einen ungewohnt nahen Kontakt zu Protagonisten und Sängern, der das Verständnis enorm erleichtert.

Wo sehen Sie die grossen szenischen Herausforderungen?

Die Bühne bietet mit ihren Möglichkeiten viele verschiedene Spielflächen. Ihre Grösse verlangt auch teils immense Wege. Da muss man als Sänger grösstmögliche Kontrolle über seine eigene Technik des Singens bewahren. Für den Zuschauer ein Leckerbissen, für den Sänger eine gute Herausforderung, andere Bedingungen als an einem Staatstheater vorzufinden. Unser Ensemble ist inspiriert und voller Lust an der Arbeit.

Das Stück ist bekanntlich leicht zu besetzen: Man braucht bloss die vier besten Sänger der Welt. Anders gesagt: Ist der «Trovatore» für eine Freiluftproduktion, wo man musikalisch fast immer Abstriche machen muss, nicht undankbar?

Diese «vier besten Sänger» sind tot oder im Ruhestand. Es gibt heute keinen Luciano Pavarotti mehr, auch keinen Franco Corelli oder Franco Bonisolli. Marilyn Horne oder Robert Merrill sind einzigartig. Mit dem Massstab könnte man diese Oper gar nicht mehr aufführen. Die Oper, oder eben das Musiktheater, hat sich weiterentwickelt. Die Zuschauer wollen heute auch szenisch befriedigt werden. Dem müssen wir Rechnung tragen. Heute kann ich sagen, dass unsere Arena akustisch sehr gut ist. Dennoch werden wir eine sanfte Unterstützung durch Mikrofonie einrichten, da sich die Sänger quasi rundherum bewegen müssen, um alle Zuhörer abdecken zu können. Wir haben dafür sehr viel Geld eingesetzt, aus London ein TiMax-System mit GPS-Ortung gemietet, was dem Publikum auf jedem Sitzplatz vollen Klang und die richtige Zuordnung des Sängers garantiert. Dennoch wird man die Stimmen zu 80 bis 90 Prozent direkt hören!

In St. Gallen, Solothurn, Pfäffikon und Avenches spielte man diesen Sommer zum Teil sehr erfolgreich Verdi-Opern. Kann Schinznach da mithalten?

Mary Elizabeth Williams hat in St. Gallen fantastische Kritiken für ihre Odabella erhalten. Sie singt bei uns Leonora (Sopran). Hrachuhi Bassenz (zweite Leonora) kam drei Tage verspätet zu den Proben, weil sie in Busseto, dem Geburtsort Verdis, gerade den zweiten Preis an einem internationalen Wettbewerb gewonnen hat. Ich glaube, dass wir wohl europaweit die einzigen Veranstalter sind, die ein «Freilicht-Opernhaus» in der Grösse aufstellen und nicht eine schon bestehende Arena nutzen. Bregenz läuft sowieso ausser Konkurrenz und Verona ist Tradition pur, das kann man eh mit nichts vergleichen.

22'000 Karten liegen auf. Rund 15'000 – so viele, wie es vor drei Jahren insgesamt gab – müssen verkauft werden, um schwarze Zahlen zu schreiben. Schaffen Sie das?

Mittlerweile brauchen wir eine etwas höhere Auslastung, Die Komfortabilität des Publikums ist uns sehr wichtig, deshalb haben wir noch einige Investitionen zusätzlich getätigt. Weiter muss man eine Abweichung von fünf Prozent im Budget in Kauf nehmen. Bei einem 4-Millionen-Budget weiss man, was das heisst. Mittlerweile sind über 11'000 Tickets verkauft. Die VIP-Gala-Tickets sind gar zu 85 Prozent verkauft. Wir alle sind guten Mutes, dass wir weitere 7000 Karten verkaufen.

2016 steht die nächste Oper an, allerdings nur, wenn Sie tatsächlich am Dreijahresrhythmus festhalten. Oder ist der Zweijahresrhythmus eine Option?

Im Augenblick ist der Dreijahresrhythmus Vorgabe. Wir sind unseren Sponsoren und auch dem Kanton und den Gemeinden unglaublich dankbar für die Unterstützung. Sicher muss man in weiterer Zukunft über Synergien nachdenken, damit der Kanton Aargau sich als Opernfestspielkanton etabliert.

Und an der Doppelrolle von Intendant und Interpret halten Sie auch in Zukunft fest?

Das ist die Frage, die mich am wenigsten interessiert. Schauen Sie, ich entscheide ja nicht, ob und was ich singe. Dafür sind die musikalische Leitung und die Regie zuständig. Auch die Stückwahl ist ein Prozess von unzähligen Diskussionen, die weit wichtigere Aspekte beinhalten, als die Besetzung selber. Stellen Sie mir die Frage in eineinhalb Jahren wieder. Im Moment bin ich wirklich auf Manrico fokussiert, und darauf freue ich mich riesig.