Klassik
«Wandern, um anzukommen»: Pianist Ivo Haag wird künstlerischer Leiter bei den Wettinger Kammerkonzerten

Im 72. Zyklus machen die Wettinger Kammerkonzerte eine musikalische Wanderung. Reiseleiter ist der neue Intendant Ivo Haag.

Anna Raymann
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Die Wettinger Kammerkonzerte spielen unter neuer künstlerischer Leitung.

Die Wettinger Kammerkonzerte spielen unter neuer künstlerischer Leitung.

Bild: Michael Würtenberg

Die Wettinger Kammerkonzerte – WKK – sind eine Instanz. Erst 2019 feierte man noch den 70. Geburtstag der Konzertreihe, wenige Monate vor dem Ausbruch einer Pandemie ging das noch im voll besetzten Margeläckersaal in Baden-Wettingen. Es ist eine traditionsreiche Kammerkonzertreihe, die umsorgt werden will. Im 72. Zyklus wird sie dies unter neuer Leitung.

Daniel Surber prägte im Präsidium ganze 15 dieser 70 Jahre. Nun gibt er sein Amt an die Konzertveranstalterin und Musikerin Madlen Donadio ab. Und damit nicht genug. Auch in der künstlerischen Leitung kommt es zum Wechsel: Michael Schneider, der das Programm von 2000 bis 2012 sowie seit 2019 noch einmal – und diesmal gemeinsam mit Argovia Philharmonic Intendant Christian Weidmann – formte und schärfte, überlässt Pianist Ivo Haag die Bühne. Haag war mit seinem renommierten Klavierduo Soós Haag bereits einige Male zu Gast in Wettingen, nun wird er der Konzertreihe seine programmatische Handschrift verleihen.

Wettinger Tradition statt Revolution

Ivo Haag ist der neue künstlerische Leiter der Wettinger Kammerkonzerte

Ivo Haag ist der neue künstlerische Leiter der Wettinger Kammerkonzerte

Priska Ketterer

Schneider als Geschäftsführer und Haag im Stiftungsrat arbeiteten bereits in Boswil eng zusammen. Die Anfrage für die Nachfolge kam denn auch auf persönlichem Weg. «Ich plane vorerst keine grossen Revolutionen. Die Fussstapfen von Michael Schneider sind gross, ich möchte in seinem Sinne fortfahren. Mir ist es wichtig, jetzt die Reihe und vor allem das Publikum kennen zu lernen», so Haag, der sogleich ergänzt, «gewisse programmatische Akzente ergeben sich natürlich automatisch durch andere Vorlieben einer neuen Persönlichkeit.»

«Ich plane vorerst keine grossen Revolutionen.»

Ivo Haag ist in der Aargauer Klassikszene – und darüber hinaus bestens vernetzt. Das Ehepaar Soós Haag ist eines der führenden Klavierduos in der Schweiz, gab Konzerten beim Lucerne Festival, bei den Haydn Festspielen in Eisenstadt oder der Schubertiade in Feldkirch.

Eine musikalische Wanderung in Wettingen

Den Konzertzyklus 21/22 setzt Ivo Haag unter das Motto «Wandern». Wandern? Wie passt das zum Ankommen? «Bevor man ankommt, muss man wandern», schmunzelt Haag, das Thema beziehe sich aber natürlich nicht auf seinen Beginn als WKK-Intendant. Gewandert wird stattdessen in allen Interpretationen des Begriffs, mal lustvoll ins Grüne, mal schwermütig ins Exil.

Ende Oktober singt als Erstes der international bekannte Tenor Werner Güra Franz Schuberts «Winterreise D 911», die Sinnbild wurde für das Fremdsein als tragisches Lebensgefühl: «Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus», heisst es dort etwa. Schubert als Eröffnung mag kein Zufall sein, der Komponist ist zentral für Haags künstlerische Arbeit. Im Duo mit Adrienne Soós initiierte er 2011 eine der ersten Gesamtaufführungen des vierhändigen Klavierwerkes von Franz Schubert im Künstlerhaus Boswil.

Internationales Renommee und regionales Können

Das Programm ist gesetzt: «Ich freue mich auf jedes einzelne Konzert: Sei es die weltbekannte Geigerin Julia Fischer, die mit Nils Mönkemeyer und dem Oliver Schnyder-Trio spielt, oder Benjamin Engeli, der einen Klavierabend gibt. Seien es die Quartette Merel und Belenus oder das Azahar Ensemble, der Tenor Werner Güra oder der Hornist Olivier Darbellay – alle werden sie eine spezielle Note nach Wettingen bringen.»

Auch in diesem Zyklus kommen internationales Renommee und regionale Künstler zusammen. Künftig will Haag mit den Wettinger Kammerkonzerten den Blick nicht nur international schweifen lassen, sondern auch andere Schweizer Landesteile erkunden.

Alle Konzerte werden nachgeholt

Angekommen in Wettingen ist Ivo Haag bereits 2020 – mitten in der pandemiegeplagten Saison. Nur gerade das Eröffnungskonzert der Saison 20/21 mit der deutschen Klarinettistin Sabine Meyer und dem Alliage Quartett durfte gespielt werden, danach blieb es im Margeläckersaal wie in allen Konzertsälen und Orchestergräben des Landes still. Eine Stille, die einen Konzertveranstalter schmerzt:

«Natürlich war das kein einfacher Start mitten in einer Pandemie. Es gehörte zu meinen ersten Aufgaben, Konzerte zu verschieben und abzusagen. Diese nun nachzuholen, stand für mich ausser Frage.»

So werden im aktuellen Zyklus nicht nur die üblichen fünf, sondern ganze neun Konzerte gespielt – mit unter den Nachholkonzerten auch sein eigens mit Bach, Frank Martin und Raritäten wie der 4. Symphonie von Johannes Brahms. Ein persönliches Ausläuten des eigenen, ersten Zyklus in Wettingen.

1. Abokonzert: Franz Schuberts «Die Winterreise». 24.10. Margeläckersaal, Baden-Wettingen. www.w-kk.ch