Klassiksommer
Klassik in höheren Sphären: Eine Tour durch 3 Schweizer Alpenfestivals

Eine Alpenfestivaltour von Gstaad über Verbier nach Ernen ist hoch spannend – und fordernd.

Christian Berzins
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Charme lässt sich durchaus mit Glamour verbinden, wie Saanen zeigt.

Charme lässt sich durchaus mit Glamour verbinden, wie Saanen zeigt.

Switzerland Tourism

Es ist machbar. Rückschlägen wie dem nicht abgewarteten Anschluss in Spiez zum Trotz. Gstaad, Verbier und Ernen sind unsere Ziele für das verlängerte Wochenende, dort buhlen Alpenfestivals um Gäste aus der Deutschschweiz, die oft meinen, diese Dörfer lägen am Ende der Welt. Im Falle Verbiers haben sie irgendwie Recht, doch dieses Ende ist auch nicht mehr als drei öV-Stunden von Olten entfernt. Und die Stunden, in denen der Flachlandbewohner im «GoldenPass» Gipfel, Seen, Wiesen und Kühe guckend mit der Nase am Fenster klebt, kann man gleich abziehen.

Nicht nur die Musik erfrischt. In Saanen lässt am Donnerstagabend ein angenehmes Lüftchen die drückende Mittellandhitze vergessen. Hier steht am Anfang das Wort und das Wort ist beim Pfarrer – so will es die Festivaltradition und so spricht denn zur Eröffnung des Menuhin Festivals Gstaad Pfarrer Bruno Bader, schenkt den Musikern das Gastrecht in seiner Mauritius-Kirche und verleiht dem weltberühmten Festival damit einen provinziellen Farbtupfer. Gott sei dank, denn Festivals können ihren Charakter bei allen ausgefeilten Programmen und jetsettenden Stars nur halten, wenn sie ihre lokalen Eigentümlichkeiten bewahren: Das ist bei den Salzburger Festspielen genauso.

Krawatte zu Hause lassen

Einen Dresscode gibts in den Alpen nicht, im Gegenteil. Umso mehr fällt beim Menuhin Festival Paradiesvogel Jean-Ives Thibaudet auf. Sein Klavierspiel ist halb so schillernd wie sein Outfit. Ravels G-Dur Konzert spielt er präzis – aber auch schwarz-weiss, geheimnislos. Der Glamourpianist ist Artiste in Residence, wird auch mit der Cellistin Sol Gabetta ein Kammerkonzert bestreiten – auf eigenen Wunsch. Den erfüllte ihm Festival-CEO Christoph Müller, Partner Sol Gabettas, gerne.

Mit dem Kammerorchester Basel wirkt noch ein Rädchen aus Müllers weitreichendem Beziehungsnetz mit. Man spielt Joseph Haydns 94. Sinfonie unter der Leitung von Umberto Benedetti Michelangeli engagiert packend, historisch informiert gedacht. Zwei Tage in Verbier später werden wir der Sinfonie ganz anders begegnen . . .

Müllers Festival ist heute breiter abgestützt als je zuvor, der Weggang des Hauptsponsors 2014 ist kompensiert, man steuert trotz Frankenstärke einen Rekord an, die 60 Konzerte werden von 23 000 Gästen besucht. Und alles wartet auf den 17. August, wenn Tenorstar Jonas Kaufmann im Gstaader Festivalzelt auftreten wird. Zurzeit gibts eine Warteliste.

Aufregung wegen eines Stars? Das kennt man in Verbier nicht, die Klassik-Gourmands hier verschlingen sie täglich: Andras Schiff heute, morgen Valery Gergiev, Daniil Trifonov und Dennis Matsuev im Russen-Paket, bald Angela Gheorghiu, Mischa Maisky, Grigory Sokolov, Thomas Quasthoff (Bachs «Matthäuspassion» dirigierend!), Khatia Buniatishvili, Zubin Mehta ...

Ein Narr aber, wer hier bloss die Stars abgrast! Der Gesangspädagoge Claudio Desderi geht im Meisterkurs mit Studenten Puccinis «La Bohème» durch. Jeder, der da mitgeht, merkt wieder einmal, wie viel genauer man doch Opern hören könnte. Und in einer halben Stunde im Meisterkurs mit der 81-jährigen Pianistenlegende Ferenc Rados erfährt man mehr über das Geheimnis des Musizierens als in zehn Konzerten. Rados stellt wegweisende Fragen, auf die es keine Antworten gibt. «Gibt es faule Noten?», löchert er einen verzweifelten Geiger.

Rados war in Budapest einst Lehrer von Meisterpianist András Schiff. Ebendieser Schiff sitzt am Abend im Festivalzelt, spielt Béla Bartóks 3. Klavierkonzert. Bis vor kurzem hätte der Ungar nie daran gedacht, in die Glamour-Welt Verbiers einzutauchen. Aber Landsmann Gabor Takacs-Nagy hat ihn überredet. Dass Schiff ihm gefolgt ist, versteht jeder, der diesen Dirigenten erlebt: Wie er mit dem bestens besetzten Festival-Kammerorchester Haydns 94. Sinfonie zum Leuchten und Atmen bringt, ist unglaublich: Ebenso bewundernswert, wie man dem pünktlich zu Konzertbeginn einsetzenden Gewitter trotzt, dem aufs Zelt prasselnden Regen Schönheiten entgegensetzt.

Dafür, dass es in der rauen Zelt-Atmosphäre für einmal nach Rosen duftet, sorgt am Freitag Joyce DiDonato. Magisch, wie die Amerikanerin in Hector Berlioz’ «Les Nuits d’été» jedes Wort lyrisch ausgestaltet – und unheimlich, wie das in jedem Register überragende Festivalorchester, eine Hundertschaft Studenten, unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen sie begleitet.

Berühmter als Lucerne Festival

In England ist das Verbier Festival fast bekannter als jenes in Luzern. Zum 22. Mal findet es statt – und verblüfft auch uns immer wieder. Und das nicht wegen der leckeren Fleisch- und Käseplättchen im Pausenzelt. Vielmehr ist das musikalische Menü unglaublich: Von 9.30 Uhr bis nach Mitternacht gibts täglich Musik: Proben, Studenten- oder späte Jazzkonzerte, Meisterkurse ... vieles ist gratis. Wer sich intensiv mit Musik beschäftigen will, ist erstaunlicherweise genau in dieser eigenartigen Welt am richtigen Platz.

Wir könnten tagelang bleiben, doch in Ernen ist ein Tisch im «St. Georg» reserviert. Von Verbier nach Ernen sinds erneut drei Stunden, die letzten Meter sitzen wir im Postauto, erreichen so den schönsten Dorfplatz der Schweiz. Francesco Walter, der umtriebige Festivalleiter, steht auch schon da, begrüsst einen ankommenden Musiker. Die Wege sind kurz. Braucht Walter den Gemeinderat, kann er mit sich selbst sprechen. Keine 540 Einwohner zählt das Dorf mitsamt den fusionierten Nachbarn. Luxushotels gibts nicht, für Grosssponsoren ein Graus, fürs normale Publikum eine Freude. Mehr als 350 Leute mitsamt Ernen-Fan Donna Leon sitzen am Sonntag dennoch in der prächtigen Pfarrkirche, geniessen diese andere Welt: lieblich – und doch ambitioniert. Walter weitet das Festival Jahr für Jahr aus. Nach der erfolgreichen Klavierwoche startete am Sonntag «Barock», ehe man zu den «Kammermusik Plus»-Wochen übergeht.

In den zwei aktuellen Barockwochen musiziert eine sich laufend erneuernde Ernen-Familie, die sich rund um die Zürcher Opernhaus-Geigerin Ada Pesch gebildet hat. Der Ensemblegeist ermuntert den Entdeckergeist. Im Konzert staunt man denn bald über die Frühbarockmeister H. I. F. Biber und J. H. Schmelzer, aber auch über das harmonische Zusammengehen dieser uneitlen Schar Musiker. Solistische Pfauen sind in Ernen fehl am Platz.

In der Pause stehen wir zwischen den Gräbern, am nächsten Morgen am Bahnhof. Die Wandervögel fliegen aus, wir fahren heim: 13 Stunden Zugfahrt locker hinter uns gebracht, haben wir doch 13 Stunden Musik im Kopf.

Verbier Festival: bis 2. August; Menuhin Festival Gstaad: bis 5. September; Musikdorf Ernen: bis 15. August.

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