Klassik
Klangfarben-Delirium und Spannungs-Ekstasen

Sechs Stunden Musik entfalteten das «Universum Debussy-Ravel» im Künstlerhaus Boswil.

Anja Wernicke
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Das Duo Cristina Barbuti und Alexander Lonquich spielte den «Boléro» von Maurice Ravel verwegen und leidenschaftlich. HO/Künstlerhaus Boswil

Das Duo Cristina Barbuti und Alexander Lonquich spielte den «Boléro» von Maurice Ravel verwegen und leidenschaftlich. HO/Künstlerhaus Boswil

Das Abtauchen in ein anderes Universum, am vergangenen Wochenende war dies auf der «Insel» des Künstlerhauses Boswil möglich. Doch wie schafft man den Absprung in eine andere Welt? Nicht immer braucht es dazu die grossen Kulissen und Kostüme, manchmal reicht auch ein kleines Detail, um das andere Universum plastisch werden zu lassen und den Unterschied zu unserer heutigen Zeit zu begreifen. Dass eine Komposition bei ihrer allerersten gedruckten Veröffentlichung in einer Mode-Zeitschrift erscheint, ist ein solches Detail.

Heute wäre das nur schwer vorstellbar. Im Beispiel von Maurice Ravels «Frontispice» zeigt sich, dass es vor fast 100 Jahren nicht nur möglich war, sondern noch dazu ein avantgardistisches Bekenntnis darstellte. Denn das nur zwei Minuten lange Stück, das 1919 in der Pariser Mode- und Luxus-Zeitschrift «Feuilles d’art» als Beilage mitgeliefert wurde, fasziniert mit einer aus insgesamt fünf unabhängigen Stimmen aufgebauten Polyrhythmik. In gleich drei verschiedenen Versionen war dieses Kuriosum am Wochenende in der Alten Kirche in Boswil sozusagen als «Pflichtstück» zu hören.

Darüber hinaus gab es in der von dem Musikforscher Walter Labhart gestalteten Ausstellung in der angrenzenden Odilokapelle unter anderem eine Vitrine zur Geschichte dieses Werks. Eine Original-Ausgabe der «Feuilles d’art», zahlreiche Abbildungen sowie natürlich die Partitur waren da zu sehen. Anlass dazu gab das Projekt «Universum Debussy-Ravel». Ein Konzert-Marathon von insgesamt sechs Stunden reiner Musik, in dem das gesamte Werk für zwei Klaviere oder für Klavier zu vier Händen von den französischen Impressionisten Claude Debussy und Maurice Ravel zur Aufführung gelangte.

Internationale Verstärkung

Die Initianten, das Klavier-Duo Adrienne Soós und Ivo Haag, hatten sich dazu internationale Unterstützung geholt. Das italienisch-deutsche Duo Cristina Barbuti und Alexander Lonquich sowie das russisch-französische Duo Ludmila Berlinskaia und Arthur Ancelle sorgten in den leicht-verdaulichen Konzertteilen, die jeweils nie länger als 75 Minuten dauerten, immer wieder für frischen Wind und Abwechslung. Spannend war dabei vor allem, die Entwicklung der Komponisten nachzuvollziehen. Frühe, unbekanntere Werke von Claude Debussy gab es da ebenso zu hören wie die Klassiker «La mer» (1903–1905) von Debussy oder den «Boléro» (1928) von Ravel.

Diese Höhepunkte waren jeweils dramaturgisch klug positioniert und die Vorfreude stieg von Konzert zu Konzert. Als Erstes entfalteten Soós und Haag das impressionistische Klangfarben-Delirium «La mer». Intensiv bis geradezu obsessiv entsteht hier eine wahre Sogwirkung. Vor allem der unheilvoll in den Tiefen beginnende dritte Satz, der eine beharrliche Steigerung enthält, lässt eine starke Suggestionskraft spüren. Soós und Haag glänzen mit einem fein abgestimmten Spiel, das von Klarheit und Einheit gekennzeichnet ist.

Verwegen und leidenschaftlich kam dagegen das Duo Barbuti-Lonquich daher. Mit dem «Boléro» hatten sie dafür auch das passende Stück im Programm. Hypnotisch wirkte «Prélude à l’après-midi d’un faune» (1891–1894) von Debussy in ihrem Programm, das den Durchbruch des Komponisten darstellt. Stolz und drängend, doch ohne dabei aufdringlich zu sein, entsteht hier ein Zauber mit deutlich reduzierteren und filigraneren musikalischen Mitteln im Vergleich zu den früheren Stücken, die eher etwas stoisch wirken. Wie beispielsweise in «Triomphe de Bacchus» (1882) – im Programm von Berlinskaia und Ancelle – lässt sich bei Debussy oft die impressionistische Veranlagung im Duktus der Werke bereits spüren. Die Orientierung an den kompositorischen Übervätern wie Tschaikowsky oder Fauré scheint jedoch noch übermächtig.

Über den Impressionismus hinaus

Anders dagegen stellt es sich bei Ravel dar, der schon früh zu seiner eigenen musikalischen Sprache fand und mit Werken wie «La Valse» in gewisser Weise bereits über den Impressionismus hinaus deutet. Natürlich durfte dieses orchestrale Meisterwerk in einer eigens von Ravel erstellten Fassung für zwei Klaviere nicht fehlen. Ähnlich wie bei «La Mer» wurden hier jedoch auch die Grenzen der Möglichkeiten eines Klavier-Duos deutlich. Sind es doch in den klangfarblich so reichen Originalen vor allem die wechselnden Instrumente, die Zwischentöne, das fast Unbewusste, eine Art unterschwellige Bewegtheit, die diese Stücke ausmachen.

Diese unerfüllten Erwartungen liessen sich dank der Kombination von Vorträgen (Iso Camartin und Walter Labhart), Ausstellung und den interpretatorisch auf höchstem Niveau dargebotenen Konzerten jedoch leichter verkraften. Erkenntnis und Erlebnis wurden hier zu einem Gesamtereignis verbunden, das für die zeitreisenden Besucher einen reichhaltigen Mehrwert bereithielt und die Expedition in das «Universum Debussy-Ravel» als seltenes Privileg im heutigen Konzertbetrieb unvergesslich machte.