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Kiss-Frontmann Gene Simmons: «Wir Männer sind einfach Idioten»

«Ein Kiss-Konzert ist wie eine grosse Portion Nachtisch»: Gene Simmons – hier, ganz rechts, auf dem Cover des Albums «Monster».ho

«Ein Kiss-Konzert ist wie eine grosse Portion Nachtisch»: Gene Simmons – hier, ganz rechts, auf dem Cover des Albums «Monster».ho

Sänger und Bassist Gene «die Zunge» Simmons (65) von Kiss zum 40. Geburtstag der amerikanischen Erfolgsband.

Können wir dieses Interview auch auf Deutsch führen?

Gene Simmons: Ich kann sprechen ein bisschen Deutsch, ich habe gelernt auf der Schule, und du weisst, ich kann sprechen Ungarisch, Hebräisch, ein bisschen Japanisch und Englisch auch. But let’s do it in English, if that’s okay!

Klar.

Und wie war mein Akzent?

Sie sprechen erstaunlich gut Deutsch, obwohl Sie es kaum noch benutzen dürften.

Well, wenn man nach Deutschland geht und die «Fräuleins» trifft, muss man Deutsch sprechen können! (Lacht)

Gene Simmons und sein berühmtes Zungenspiel

Die Zunge von Gene Simmons (1975)

Sie waren ursprünglich Lehrer, sind aber Musiker geworden. Was verbindet diese Berufe?

Man geht auf die Bühne, und alle schauen einen an. Die Schüler tun es, weil auch ein guter Lehrer eine Show abzieht. Nur wird nicht geklatscht, und es warten keine Groupies in deinem Hotelzimmer. Du verdienst auch nicht viel Geld. Lehrer sind selbstlos. Sie machen ihren Job, weil sie etwas zurückgeben wollen.

Und weshalb sind Sie bei Kiss?

Das ist viel egoistischer! Ich darf auf die Bühne gehen und alle schreien meinen Namen. Ich bekomme viel Geld, Ruhm und Mädchen. In beiden Berufen hast du also eine Bühne, aber Lehrer sind viel wichtiger als Rockstars, denn seien wir ehrlich: Wenn es uns nicht gäbe, würde sich die Welt kaum verändern.

Haben Sie mit Kiss auch eine Botschaft?

Kiss ist eine sehr einfache Sache. Es geht weniger um Bildung als um Genuss. Man kann das mit einer Mahlzeit vergleichen: In die Schule zu gehen ist, als würde man Gemüse, Proteine und alle die anderen Dinge, die einem gut tun, essen. Dagegen ist ein Kiss-Konzert wie eine grosse Portion Nachtisch! (Lacht)

Viele Bands zerbrechen an Streitigkeiten unter den Hauptpersonen. Wie funktioniert die Chemie zwischen Ihnen und Co-Leader Paul Stanley?

Wir hatten den Vorteil, aus den Fehlern anderer lernen zu können. Wir haben beobachtet, wie sich die engsten Freunde Jagger und Richards manchmal streiten und nicht miteinander reden können. Wie sich Lennon und McCartney, die zusammen aufgewachsen sind, nicht verstanden und gegeneinander wendeten. Die Gallagher-Brüder sich hassten oder Ray und Dave Davies von den Kinks. Unsere grösste Stärke ist es zu wissen, dass wir uns ergänzen – wie die zwei Seiten einer Medaille. Zusammen gibt dann eins und eins vielleicht drei ...

Sie stehen auch privat auf Kontinuität. Aber weshalb haben Sie Ihre Frau erst nach 29 Jahren geheiratet?

Als unsere Kinder Nick und Sophie 2011 zu Hause ausgezogen sind, schauten Shannon und ich uns an. Ich sagte: «Okay, jetzt sind es nur noch du und ich. Was willst du tun?» Sie antwortete: «Ich glaube, ich habe genug davon, immer nur die Freundin zu sein. Vielleicht ist es für uns Zeit, eigene Wege zu gehen.» Da habe ich realisiert, dass wir Männer einfach Idioten sind. Wir brauchen lange, bis wir endlich merken, wie leer das Leben wäre, wenn uns der Mensch, den wir lieben, verlassen würde. Das Geld, der Ruhm, die Mädchen haben dann nicht viel Bedeutung. Hier steht die Frau, die 29 Jahre lang an meiner Seite geblieben ist, ohne mich je wegen irgendetwas unter Druck gesetzt zu haben. Da habe ich mich mit offenen Augen und klarem Herzen beschlossen, Shannon als 62-Jähriger zu heiraten.

Wie haben Sie es geschafft, trotz Ihrem enormen Erfolg Bodenhaftung zu bewahren?

Ich bin in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Mutter und ich kamen aus Israel in die USA, als ich acht Jahre alt war. Mein Vater hatte uns verlassen. Ich sprach kein Englisch und wir hatten kein Geld. Der Anfang war sehr hart. Deshalb wollte ich meiner Mutter als ihr einziges Kind nie das Herz brechen und habe bis heute nie Drogen genommen, mich betrunken oder auch nur geraucht. Und das ist ein Vorteil, denn all diese Dinge verändern den Menschen – wie in «Dr. Jekyll und Mr. Hyde». Ich weiss das, da ich von Leuten umgeben bin, die dumme Dinge tun, die sie nüchtern niemals machen würden ...

Bei Kiss sind Sie «The Demon». Haben Sie neben der Bühne auch eine dämonische Seite?

Wir alle haben unsere dämonische Seite, aber man versucht, sie zu kontrollieren.

Welches sind die Momente auf Tournee, die Sie am meisten geniessen?

Auf der Bühne zu stehen – es gibt kein vergleichbares Spektakel. Die Masse Menschen, der Geruch, die Farben. Niemand wird so bejubelt wie Musiker an einem Rockkonzert. Politiker kennen das nicht, der Papst hat keine Groupies, es ist reine Magie!

Wie nutzen Sie heute Ihre freie Zeit zwischen den Auftritten?

Wir geben im Durchschnitt viereinhalb Konzerte pro Woche. Ich bin Mitbesitzer des American-Football-Teams LA Kiss, Teilhaber der Restaurantkette «Rock & Brews» und habe eine Produktionsfirma, deren erster Film im Juni gedreht wird. Neben diesen Geschäften bleibt nicht mehr viel Zeit.

Wollen Sie mit 65 in diesem Tempo weitermachen?

Ich möchte sogar noch härter arbeiten! Ich kann mir nichts Besseres vorstellen als weiter zu erleben wie die Fans bei unseren Konzerten wie verrückt abgehen.

Welche Stars haben Sie so mitgerissen, als Sie ein Teenager waren?

Als ich die Beatles zum ersten Mal in der «Ed Sullivan Show» sah, war ich 13 Jahre alt und fand, dass sie seltsame Haarschnitte hätten. Als meine Mutter ins Zimmer kam und ebenfalls fand, dass sie komisch aussehen würden, fand ich sie cool! Und als ich sah, dass alle Mädchen wegen ihnen kreischten, dachte ich: Das will ich auch!

Haben Sie erreicht, was Sie sich gewünscht haben?

Fast alles. Ich könnte niemals einen Song wie «Across the Universe» schreiben, wie das John Lennon getan hat. Beatles-Kompositionen sind in einer ganz anderen Liga. Dazu stehe ich. Alles andere wäre unehrlich.

Welches war der Schlüssel, um diese berühmte Hardrock-Band Kiss zu werden?

Zu Beginn haben wir uns nicht als Hardrock- oder Metal-Band gesehen. Wir nahmen uns dabei die Beatles zum Vorbild. Alle in der Band haben gesungen, wir hatten zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Wir fühlen uns den Beatles bis heute näher als den Rolling Stones.

Trotzdem verbindet Sie ein Markenzeichen mit den Stones: Ihre Zunge. Welches ist die verrückteste Geschichte, die Sie je über sie gehört haben?

Eines der ältesten Gerüchte war, dass meine Zunge von einer Kuh stammen würde und ich sie mir operativ habe annähen lassen. Was für ein Bullshit!

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