Alles über eine Songzeile
Kinder, das ist richtiger Rock ’n’ Roll

One, two, three, four – und dann ging es los. Ein duseliges Liebeslied holte noch einmal den Rock ’n’ Roll hervor.

christoph bopp
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«Ihr wisst schon, was ich meine»: The Beatles 1963.

«Ihr wisst schon, was ich meine»: The Beatles 1963.

KEYSTONE

Über die Beatles ist schon lange alles gesagt. Mehr noch: Es wurde schon viel zu viel gesagt. Und dass «Sgt. Pepper» trotz allem Kultstatus mit seiner überstrapazierten Ästhetik einen «Willen zur Kunst» demonstriert, der eigentlich allen Zauber kaputtmachen müsste, ist auch wahr. Aber zur Rettung der Beatles: Es ist auch besser, beim stetigen Vorwärtsgehen einmal den berühmten Schritt zu weit zu machen, als einzuschlafen und auf der Stelle zu treten.

Jetzt können wir mit einem weissen Blatt Papier beginnen und dem fulminanten Song den ihm gebührenden historischen Rang geben. «I Saw Her Standing There» war das erste Lied der ersten Langspielplatte der Fab Four. Zur Historie gehören die Umstände. Die Band war auf Tournee durch die Tanzschuppen der Insel, als Supporting Act von Helen Wer-kennt-sie-heute-noch? Shapiro. «Please Please Me» hatte mittlerweile die Single-Hitparade erklommen. Den Moment musste man packen: Die Beatles wurden zurückbeordert, um in drei dreistündigen Sessions am 11. Februar 1963 die LP aufzunehmen.

«I Saw Her Standing There»

«She was just seventeen
You know what I mean
And the way she looked
was way beyond compare
So how could I dance with another
When I saw her standing there.»

«Sie war gerade siebzehn
Ihr wisst, was ich meine
Und wie sie aussah
war weit über jedem Vergleich
Also, wie hätte ich mit einer
anderen tanzen können
Wenn ich sie dort stehen sah?»

Entgegen der heutigen Wahrnehmung entstammten die Beatles der Arbeiterklasse, die Rolling Stones kamen aus bürgerlichem Milieu. Die Boys aus Liverpool waren gewohnt, hart zu arbeiten, wenn es sein musste, und murrten nicht. Aber natürlich war nicht daran zu denken, irgendwelches neues Material zu suchen und zu proben. Man musste auf das gängige Repertoire zurückgreifen. Und George Martin, dem Produzenten, gebührt das ewige Verdienst, gar nicht versucht zu haben, was sowieso nicht funktioniert hätte, sondern nach bestem Wissen und Gewissen der Live-Vitalität der Beatles freien Lauf zu lassen und ihr Raum zu geben.

«Four» oder «F..k»?

So beginnt die Platte mit dem frisch-fröhlichen Anzählen, wie man es von der Bühne her gewohnt ist: «Eins, zwei, drei . . .». Unter den damaligen Eingeweihten hielt sich hartnäckig das Gerücht, der artige Paul hätte jeweils oder manchmal statt «four» auch das ähnlich klingende Four-Letter-Word gebraucht. Nun, wenn es nicht wahr ist .. .

Es war auf jeden Fall eine gute Idee, das Einzählen, auch wenn man später zugeben musste, dass der Einzähler aus einem anderen Take hineinmontiert wurde. Die Post geht auf jeden Fall ab. Und man hört den treibend-rumpelnden Bass (ob kopiert oder nicht, spielt keine Rolle) und den wichtigen Input von George Harrisons Leadgitarre, auch wenn das Solo auf seiner Gretsch Jet Star eher zittrig daherkommt. Ringo hämmert fröhlich mit, bei «A Taste of Honey» auf der gleichen Platte hantiert er hörbar lustlos mit den Besen.

«Herz macht bumm»

Dann die Stimmen: Paul ist voll drauf, man glaubt ihm, dass sein Herz nicht klopft, sondern «bumm» macht, wenn er quer durch den Raum geht zur fremden Schönen. Johns zweite Stimme sucht die Quarten und Quinten statt der begleitenden Terzen, wo es nur geht – das macht das Lied wirklich ziemlich unvergleichlich.

Von der jungen Generation hört man: Ja, gut, aber eure Beatles hatten auch rechte Schmachttexte, mit Händchenhalten und so. Liebe Kinder, das könnt ihr nur sagen, weil euch der historische Abstand fehlt. Der Text ist pure Parodie, das Balz- und Paarungsverhalten wurde damals viel höfisch-gesitteter besungen. Auch wenn Paul beteuert, dass er eben nicht wisse, was gemeint sei, glauben muss man ihm das nicht. Die Jugend damals tat es nicht. Sie wusste schon. Heute wirkt der Sound fast geleckt, aber damals war er aufregend rau. Er brachte den Rock ’n’ Roll der späten 50er-Jahre, fast schon eingeschlafen, zurück.

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