Das sitzt. Die ersten Akkorde von Brahms’ dritter Klaviersonate gehen glatt im Auftrittsapplaus unter, so abrupt hat Khatia Buniatishvili ihr Solo-Rezital im Rahmen der Konzertreihe «Klassiksterne Aarau» begonnen. Es nützt auch nichts, dass Brahms in der Partitur «Forte» mit Akzenten markiert hat. Die junge Starpianistin hat nicht zufällig den Ruf, den Klassikbetrieb etwas eigenwillig auszulegen. Und ihr Hechtsprung in die Werke ist nur ein Aspekt ihres umfangreichen Extravaganzen-Registers, welches sie an diesem Abend im Kultur- und Kongresshaus ziehen wird – den Hechtsprung allerdings noch insgesamt viermal.

12-Zentimeter-Stilettos

Auch mit den von Brahms herrisch aufgetürmten Gesten seiner dritten Sonate geht die Pianistin anfangs in die Vollen. Nein, fragil wirkt Buniatishvili nicht, weder pianistisch noch hinsichtlich ihrer Erscheinung (wobei die 12 Zentimeter hohen Stilettos in letzterem Punkt wohl etwas nachhelfen). Doch wer die 30-Jährige auf Extravaganzen abonnieren will, hat die Rechnung ohne sie gemacht. Das zeigen die übrigen gefühlt tausend Akkorde von Brahms’ Sonate. Denn – Überraschung! – schon das Hauptthema klingt bei Buniatishvili überraschend gesanglich. Und dieses Thema wiederum ist nur Vorgeschmack auf die traumschöne, in sich gekehrte Kantilene der Durchführung, wo die Töne geradezu zu vermeiden scheinen, Boden unter die Füsse zu kriegen.

Die Macht der leisen Töne

Es sind diese introvertierten Passagen, die einen an diesem Abend vollends für die Pianistin einnehmen. In ihnen spannt die Georgierin Bögen von unglaublicher Weite, sodass man mitten im Konzert unwillkürlich aufatmet, als erblicke man eine endlose Landschaft. Und im zarten zweiten Satz von Brahms’ Sonate scheinen die Töne sogar fast surreal zart. So traumumwölkt zieht die Musik selten ihre Kreise.

Dass Khatia Buniatishvili selbstverständlich auch im Fach Virtuosität Atemberaubendes vorzuweisen hat, ist beinahe Voraussetzung angesichts ihrer kometenhaften Karriere: Klavierunterricht mit drei, Orchesterdebüt mit sechs, Debüt in der Carnegie Hall mit 21, Auftritte im Musikverein Wien, im Concertgebouw Amsterdam, in der Scala, sogar Stargeigerin Anne-Sophie Mutter, die fast nur mit männlichen Kollegen zusammenarbeitet, will mit der Pianistin auftreten; und die britische Band Coldplay hat Buniatishvili für das Album «A Head Full of Dreams» ins Boot geholt. Die Georgierin ist die Pianistin der Stunde.

Und vielleicht ist für sie, die neun Zehntel ihres Lebens mit Klavierspielen zugebracht hat, die eigne Virtuosität am selbstverständlichsten. Ob sie wohl darum lässig-nachlässig über kleine Noten hinweg spielt, in Kauf nehmend, wenn ab und zu eine unhörbar bleibt oder rhythmisch nicht ganz gleichmässig gerät?

Extravaganzen-Register

Dass Buniatishvili sich solche Unachtsamkeiten erlaubt, ist vielleicht ein weiteres Register ihrer Eigenwilligkeit. Sicher aber zeichnet es sie aus als eigenständige Persönlichkeit angesichts eines heute so perfektionistisch orientierten Klassikbetriebs. In der Klavier-Suite über Tschaikowskys «Nussknacker» sind die feinen Unregelmässigkeiten am deutlichsten, hier tanzt selbst die Zuckerfee ihren Tanz müder als sonst.

Ob Buniatishvili ihre Kräfte dosiert, da sie einen Tag später mit demselben Programm in Rheinfelden auftreten wird? So oder so, wie anders wirkt wenig später die Tonlage der beiden Bravourstücke «Rhapsodie espagnole» und «Réminiscences de Don Juan de Mozart» von Franz Liszt! Hier geht Buniatishvili wieder aufs Ganze, die Finger fliegen artistisch über die Tasten, die unzähligen Töne souverän und rasant jonglierend – Pardon, lieber Liszt, aber «artistisch» und «jonglieren» ist für einmal durchaus positiv gemeint.

Wie ernst es Khatia Buniatishvili mit der Perfektion ist, erfährt man an diesem Abend indes weniger durch ihre souverän-virtuose Liszt-Interpretation als durch Zufall. Als man nämlich in der Pause des (mit knapp zwei Stunden Dauer geradezu monströs dimensionierten) Solorezitals durch die Gänge des Kultur- und Kongresshauses flaniert. Eben überlegt man sich, wie die Solistin wohl zwischen zwei Stunden pianistischen Hochleistungssports ihre Pause verbringt – da dringen aus dem Solistenzimmer Klänge intensiven Übens in den Gang hinaus.