Klassik
Jungstar Daniil Trifonov: «Wissen Sie, wann ich geboren wurde?»

Kein junger Pianist wird derzeit mehr bejubelt als der Russe Daniil Trifonov. Der 22-jährige Pianist, der 500 Kilometer östlich von Moskau in Nizhny Novgorod gross wurde, spielt Tschaikowskys 1. Klavierkonzert so spektakulär wie lange keiner mehr.

Christian Berzins
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Ein Pianist hebt ab: Daniil Tifonov in New York.

Ein Pianist hebt ab: Daniil Tifonov in New York.

Dario Acosta/DG

Wo steckt dieser Russe bloss? Trotz Zusicherung, dass es klappt, ist bei unserer Verabredung in Genf vom jungen Genie Daniil Trifonov nichts zu sehen. Bereits machen wir via Zürich der Deutschen Grammophon in Berlin Beine, damit jemand aus Moskau Trifonov in seinem Genfer Hotel anruft. Doch kaum das Chaos angerichtet, schlendert der Klavier-Triumphator gesenkten Hauptes die Rue Hornung hoch. Die Schultern scheinen gar nicht recht am Körper zu halten, der reglose Blick geht ins Leere. Immerhin: Auf der Bühne kann Trifonov diese Melancholie in einen Klangsturm verwandeln, den er jeweils mit einem Lächeln quittiert.

«Gehen wir in den Konzertsaal», murmelt er nach einer halben Begrüssung, um dann stumm durch die Gänge der Victoria Hall zu schleichen. Am Podium angelangt, legt er die Noten auf den Flügel und nimmt alsbald in einem der Klappsitze im Parkett der prächtigen Konzerthalle Platz. Für viele Künstler bleibt sie als Auftrittsort ein Traum.

Skrjabin und Eishockey

«Wovon träumten Sie, Herr Trifonov, als Sie zehn Jahre alt waren?», fragen wir zuerst und überrumpeln damit den 22-Jährigen. Er überlegt, lächelt gequält, überlegt wieder und sagt dann: «Ich träumte vom Alexander Skrjabins Klavierkonzert.» Und das Leuchten in seinen Augen unterstreicht den Wahrheitsgehalt der verrückten Worte. Als habe er aber gemerkt, dass eine solche Frage in einem Interview nicht auf seine Klavierkunst zielen kann, fügt er an: «Und klar, ich spielte damals oft Fussball und Eishockey, träumte folglich auch davon.»

Wir ahnen, dass die Frage nach seinen Fussballhelden von damals gar nichts bringen würde. Mit neun Jahren nämlich hatte sich sein Leben bereits völlig verändert, es gab nichts anderes als das Klavier. Seine Eltern hatten beschlossen, mit dem Sohn nach Moskau zu ziehen, damit er dort am legendären Gnessin-Institut studieren konnte. Die Pädagogin Tatiana Zelikman lenkte nun acht Jahre lang die Bahnen von Trifonovs Spiel. Als er siebzehn war, konnte sie ihm nichts mehr beibringen, er wechselte nach Cleveland in die Kleinklasse von Sergei Babayan – einem Russen, in dessen Unterricht der Anzug Pflicht war.

Als Trifonov von Moskau nach Cleveland zog, vermisste er Russland und schrieb voller Nostalgie und Heimweh eine «Rachmaniana».

Doch trotz Heimatliebe lässt er sich nicht auf eine russische Klaviertradition festmachen. «Ich hatte Einflüsse aus der ganzen Welt, auch im Repertoire. Die Russen waren nicht an erster Stelle, Bach und Beethoven waren wichtiger.»

Wenig über die Kinderjahre

Von den Kinderjahren im 500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Nizhny Novgorod will Trifonov nicht viel erzählen. Vielleicht liegts auch an seinem Englisch. Zwar hat er die Geschichte mit dem Milchzahn, den er als Achtjähriger während eines Mozart-Klavierkonzertes verlor, gut drauf, doch nach den gut eingespielten Phrasen sagt er immer wieder: «Schwierig zu erklären.»

Nizhny Novgorod war in sowjetischer Zeit nach dem proletarischen Schriftsteller Maxim Gorki benannt, wurde schlicht Gorki genannt. Später war die Stadt ab und zu ein Tagesschau-Thema, da Atomphysiker Andrei Sacharow dorthin verbannt worden war. Doch diese sowjetische Geschichte ist nicht jene von Trifonov. Erst betont er, dass Nizhny Novgorod auch eine musikalische Stadt mit Konservatorium und Philharmonie sei, und dann fragt er: «Wissen Sie, wann ich geboren wurde? 5. März 1991», sagt er gleich selbst und beendet das Thema: «Die Sowjetunion war nicht mein Leben.»

Erstaunlicherweise begann er nicht mit Klaviergeklimper, sondern der Fünfjährige komponierte. Er eiferte damit dem Vater nach, einem Kirchenmusiker. Wie schnell und wie weit es mit seinem Aufstieg als Pianist gehen würde, konnte sich damals weder der Vater noch der Sohn erträumen.

2010 gewann Trifonov den 3. Preis beim Chopin-Wettbewerb in Warschau, 2011 den 1. Preis beim Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv und beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Doch wer die Namen anderer Gewinner kennt, weiss, dass diese Siege ausser ein paar Dutzend Einladungen für Konzerte noch nicht viel bedeuten: Wettbewerbszauberer sind noch lange keine Konzerthaustitanen. Trifonow aber packte die Chance, machte seine Auftritte überall zum Ereignis. Heute gibt er 100 Konzerte pro Jahr und die Deutsche Grammophon nahm ihn unter Vertrag. Womit wir bei seinem grössten Problem angekommen wären: Es bleibt ihm vor lauter Konzerten kaum Zeit, sich neues Repertoire anzueignen. Auf die Tourneen nimmt er jeweils ein kleines Keyboard mit. Besteht keine Möglichkeit, am Klavier zu proben, komponiert er.

Komponieren, Reisen, Konzerte geben, CD-Aufnahmen, üben, ein Leben zwischen Cleveland und Moskau ... etwas gar viel? Er zuckt mit den Schultern, sagt: «Es ist einfach wichtig, dass ich mich nach den Konzerten erholen kann. Die emotionale Kraft muss immer neu aufgebaut werden.»

Spontaner Künstler

Wohin seine Reise geht, weiss er nicht, sagt dann einen harmlos scheinenden, aber überaus gefährlichen Satz: «Ich bin ein sehr spontaner Künstler, ich kann heute nicht wissen, wie ich morgen spiele. Da gibt es bei mir viel Intuition, Spontaneität.» So müsste es sein, denken wir. Aber jedem Künstler ist auch klar, dass er die Kontrolle verlieren kann, wenn er sich zu sehr seinen Emotionen hingibt. Wer Trifonov schon öfters spielen hörte, wird die Aussage bestätigen. Dieser Pianist stürzt sich so spektakulär in Tschaikowskys 1. Klavierkonzert, dass er in den Notenwogen zu ertrinken scheint. Dann aber merkt man, wie mirakulös er sich von ihnen befreit, sie besiegt – und jubelnd triumphiert.

Was soll so einer noch träumen, einer, der noch immer Aufnahmen seiner Konzerte mitnimmt zu seinem Lehrer in Cleveland, um sich von ihm kritisieren zu lassen, obwohl das Publikum in der New Yorker Carnegie Hall bereits tobte? Trifonov wartet lange mit der Antwort, sagt dann aber nach den üblichen Floskeln: «Für mich steht nun mein eigenes Klavierkonzert im Mittelpunkt, im Frühling soll es uraufgeführt werden. Da steckt viel Arbeit drin. Ich hoffe, dass ich mit dem Resultat zufrieden sein werde.» Einst träumte er vom Klavierkonzert Skrjabins, jetzt von seinem eigenen.

Konzerte: 23.11., Boswil, Alte Kirche (ausverkauft); 25. 11. Tonhalle Zürich, Tonhalle, Schostakowitsch Klavierkonzert Nr. 1, Strawinsky «Feuervogel» (solo).

CD: Trifonov, The Carnegie Recital, DG 2013; Tschaikowsky, Klavierkonzert Nr.1, Mariinsky Orchestra, Gergiev, Mariinsky 2012; Trifonov plays Chopin, Decca 2012.