Opernhaus Zürich

«Jewgeni Onegin»: Liebe auf den letzten Blick

Mit dem Timing klappt es zwischen Tatjana (Olga Bezsmertna) und Onegin (Peter Mattei) nicht so. Mit dem Singen umso mehr.

Mit dem Timing klappt es zwischen Tatjana (Olga Bezsmertna) und Onegin (Peter Mattei) nicht so. Mit dem Singen umso mehr.

So echt und intensiv wie in Barrie Koskys Zürcher Inszenierung war «Jewgeni Onegin» selten.

Zum Schluss geht Onegin ein Licht auf. Entzückt-verzückt steht er im Lichtkegel, seine Mimik hellt sich auf. Der Mann liebt. Endlich. Doch es ist Liebe auf den letzten Blick, Tatjana wird er nicht wiedersehen.

Dabei hätte er sie haben können, damals in diesem Spätsommer, als er durchs Seelenleben dreier Menschen getrampelt ist. Nicht böswillig tat er es, sondern bloss aus totalem Lebensüberdruss heraus, unachtsam den Empfindungen anderer gegenüber. Dass er damit Tatjanas (Olga Bezsmertna) erste Liebe kaputtwalzte, die Verspieltheit ihrer Schwester (Ksenia Dudnikova) in Tragödie verkehrte und die Freundschaft mit Lensky (ausdrucksstark: Pavol Breslik) in einem tödlichen Duell kündigte, lief für ihn in der Kategorie «Kollateralschaden».

Nicht gut Kirschen essen

Nein, mit Jewgeni Onegin war nicht gut Kirschen essen. Dabei geht es genau darum, in Tschaikowskys gleichnamiger Oper, die Starregisseur Barrie Kosky in Zürich auf die Bühne zaubert: ums Kirschen essen und mehr noch, ums Kirschen einkochen. Alles sehr dörflich, alles sehr schlicht. Nicht zufällig lassen der Regisseur und seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst im Opernhaus eine naturalistische Wiese spriessen, die für die Ungekünsteltheit gegenüber den grossen Fragen des Lebens steht, dazu einen Wald, dessen undurchschaubare Tiefe dem Bühnenspiel eine ebensolche verleiht.

Menschen statt singende Figuren

Barrie Kosky ist einer der wenigen Regisseure, dem es gelingt, eine Opernbühne statt mit singenden Figuren mit lebendigen Charakteren zu bevölkern: bodenständig, herzlich, folkloristisch bevölkern die Menschen die Waldlichtung, und so lebendig (etwa mit Margerita Nekrasova als gluckenhafter Amme), dass man zeitweise das stuckbesetzte Opernhaus vergisst und sich tatsächlich in einem russischen Steppendorf wähnt – wenn die Dorfbewohner nicht so grossartig singen würden.

Allen voran Tatjana, von Olga Bezsmertna mit traumwandlerischer Sicherheit, wunderschön hellem Soprantimbre und einer Bandbreite von zartesten Gefühlslagen (bis hin zu deren grosser Aufwallung) gestaltet, sodass man der Ukrainerin erliegen muss.

Anders ergeht es der von ihr dargestellten Figur. Diese liebt ohne Gegenliebe seit jenem Augenblick, als Lebemann Onegin sich aus purer Langeweile etwas zu nahe neben sie gesetzt und einige Worte mit ihr gewechselt hat – was Tatjanas Mädchenruhe im Handumdrehen in amouröse Aufwallung verkehrt. Denn Onegin ist in seinem selbstbezogenen Weltüberdruss wie eine schwarze Sonne, die alles anzieht – und Peter Mattei singt den Protagonisten auch so: Mühelos füllt seine gigantische Stimme jede Ecke des Opernhauses, ist einerseits schön und sich dessen andererseits auch bewusst.

Es geht ans Eingemachte

Und dennoch ist in der Stimme des wohl gefragtesten Onegin-Darstellers ein geheimnisvoller Abgrund hörbar. Ist es Melancholie? Ist es die fragile Seite dieses Lebemanns? Jedenfalls versteht man, dass diese klingende Dunkelheit Tatjanas Verliebtheit wie ein geheimnisvoller Echoraum noch verstärkt. Nicht ganz unschuldig an der emotionalen Intensität ist auch die grossartig plastische Philharmonia Zürich unter der Leitung des jungen Dirigenten Stanislav Kochanovsky.

Und deshalb wird aus dem Früchte-Einmachen sehr schnell etwas, bei dem es ans Eingemachte geht. Wie es Regisseur Barrie Kosky dabei gelingt, Bedeutungsloses mit Bedeutendem zu verschränken, mit Diskretion Dramatik zu bewirken, ist so grossartig wie wunderschön. Gerade, weil es sich in so wenigen, aber wirkungsvollen Mitteln äussert: Einem mühsam beherrschten Gesichtsausdruck, oder ein Paar Händen, die sich im Abstand einiger Jahre in der exakt gleichen Stellung hinter einem Rücken zusammenkrampfen.

Und dann sind da noch die Schlaglichter. Gleissend fallen sie auf Tatjana, die mit ihrem ganzen unschuldigen Wesen liebt, und es ist kein Zufall, dass Onegin stets abseits der Helligkeit agiert. Bis zum Schluss. Da geht ihm ein Licht auf. Entzückt, ja verzückt steht er im Scheinwerferkegel. Der Mann liebt. Aber es ist Liebe auf den letzten Blick. Denn das Mädchen Tatjana ist nun die Frau des Fürsten Gremin. Onegin kommt zu spät.

Jewgeni Onegin. Opernhaus Zürich. Nächste Vorstellungen am 27. und 30. 9. sowie unter www.opernhaus.ch

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