Anna Kardos, Klassikkritikerin

Es rauscht der Wind, es rascheln die Blätter, es schlägt die Trommel zum Marsch. Sherwood Forest, der sagenumwobene Heimatwald von Robin Hood, erhebt sich geradewegs vor den Ohren des Publikums – und das mitten im Kultur- und Kongresshaus Aarau. Oha, denkt man. Was ist hier los? Die Frage müsste wohl heissen: Wer ist hier los? Denn die Antwort ist: Wayne Shorter. Der 84-jährige Jazzmusiker ist eine lebende Legende, die mit den Grössten ihres Fachs zusammenspielte und nun im Auftrag des Argovia Philharmonic ein klassisches Klarinettenkonzert komponiert hat: «Sherwood Forest».

Und Shorter ist hier gewissermassen tatsächlich los. Denn für einmal wandelt er abseits seiner angestammten Jazz-Pfade, wenn er mit Sinfonieorchester und Soloklarinette Neuland betritt. Darum hört man zunächst mit etwas bangen Ohren hin. Aber nicht lange. Denn wie gesagt: Dieser Wald rauscht und berauscht – und das erst noch klanglich überzeugend. Dafür sorgen die Streicher mit tiefen Trillern und die kurzen Bläserakkorde, die den organischen Sound strukturieren. Sein Gespür für aussergewöhnliche Toneffekte hat Wayne Shorter nicht verloren, als er das Reich der Klassik betrat. Wie die Klarinette bei ihrem ersten Solo als Sopranstimme auf der Welle der Orchesterinstrumente surft und geradezu mit Robin Hoodschem Räubertalent mit der Umgebung verschmilzt, ist grossartig und kann beinahe schon als Statement für jene Gleichberechtigung gehört werden, für die Robin einst kämpfte. Sympathischer war der Auftritt einer Soloklarinette (mit Sorgfalt und Souveränität gespielt von Julian Bliss, engagiert und exakt begleitet vom Argovia Philharmonic unter Douglas Bostock) jedenfalls selten.

Auch als sich die Klarinette vom Orchester löst und ihre kurzen Motive weiterspinnt, entwickelt sich die Musik ähnlich ästhetisch weiter. Allerdings auch: ästhetisch ähnlich. Denn nur zu gerne arbeitet Komponist Shorter mit Motivketten oder Akkordfolgen, instrumentiert zwar mit einem Sinfonie-Orchester, was aber strukturell wenig an der Abfolge von Motiven und Akkorden ändert. Ob hier der Einfluss des Jazz durchschlägt? Denn auch wenn Shorters Klarinettenkonzert ein klassisch durchkomponiertes Werk ist, so ist und bleibt es immer auch eine Art «Wayne’s World». Und die ist nun mal der Jazz. Das darf sie auch sein. Denn von einer Jazzlegende zu erwarten, 84-jährig auch noch zur Klassiklegende zu werden, das wäre nicht Robin Hood, sondern eher Kategorie «Dick und doof».

Stefan Künzli, Jazzkritiker

Zunächst gilt es, ein Missverständnis aufzuklären: «Sherwood Forest», das Klarinettenkonzert des grossen Jazzmusikers Wayne Shorter, hat nichts mit Jazz zu tun. Es ist auch kein Cross-Experiment, in dem der Komponist versucht, Elemente beider Genres miteinander zu kombinieren. Und zum Glück hat es auch nichts mit Third Stream zu tun, jener dritten Strömung, die Neue Musik mit modernem Jazz verbindet und eine Musik jenseits von E- und U-Musik hervorbringen sollte. Jede Note von Shorters knapp zwanzigminütigem Werk ist aufgeschrieben. Keine Improvisation, kein Freiraum für spontane Interaktion. Der Jazzmusiker hat ein klassisches Werk geschrieben.

Nur nach rund drei Minuten spielt Solist Julian Bliss eine aufwärtsgaloppierende Melodiephrase, die man als swingende Linie betrachten kann. Doch das war es auch schon in Sachen Jazz. Wohl auch besser so. Wie der britische Klarinettist in Aarau beweist, ist er zwar ein virtuoser, Klarinettist. Als Interpret von traditionellem Jazz ist sein Können aber doch sehr durchschnittlich. Das beweisen Videos auf Youtube.

«Sherwood Forest» ist ein gefälliges, kurzweiliges Stück. Der unvoreingenommene, unbelastete Hörer lässt sich gern in den Wald von Robin Hood führen und fühlt sich wohl darin. Man entdeckt seine typischen Melodiebewegungen, und auch Melodiekürzel für den Solisten erinnern da und dort an Shorters Spielweise auf dem Saxofon. Der klassische Shorter hat erfüllt.

Doch seine Komposition ist auch relativ konventionell. Gerade im Vergleich mit seinen avanciertesten Jazz-Stücken. Vermisst wird in «Sherwood Forest» aber Shorters Vorliebe für parallel oder gegenläufig verlaufende, polyphone Melodielinien. Auch die Hierarchie bleibt weitgehend gewahrt: Wenn der Solist spielt, beschränkt sich das Orchester auf seine begleitende Funktion. Nur in den Pausen des Solisten übernimmt es das Zepter. Der Jazzfan sehnt sich nach Shorters abenteuerlichen Einwürfen mit dem Sopransax. Wie wäre es wohl, wenn der Meister selbst die Solistenrolle besetzen würde?
Wayne Shorter nutzt die Möglichkeiten des grossen Klangkörpers viel zu wenig. Schade. Chance verpasst. Hatte der klassische Debütant doch zu grossen Respekt vor dem klassischen Fach? Wohl kaum. Denn der Meister arbeitet bereits an seinem zweiten klassischen Streich. Einer Oper, die in zwei Jahren fertiggestellt sein soll. Wir wünschen ihm viel Mut und mehr Risikobereitschaft.