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James Blunt: «Ich stehe nur auf der Bühne, weil ich nicht so gross bin»

Der erfolgreiche Singer-Songwriter James Blunt (39) outet sich im Interview als Schweiz-Fan und spricht über Selbstzweifel, Motorräder und sein neustes Album «Moon Landing»

Als ich kurz vor diesem Interview zufällig «You’re Beautiful» im Radio hörte, hat mich das berührt. Wie geht es Ihnen, wenn das passiert?

James Blunt:Lustigerweise komme ich nicht oft zum Radiohören, ich gebe mehr Interviews fürs Radio. Als mich kürzlich mein Manager anrief und schwärmte, meine Single «Bonfire Heart» gehöre zu den meistgespielten Songs, dachte ich: Und ich habe sie kein einziges Mal gehört. Ich bin einfach zu oft unterwegs.

Welche Rolle spielte das Radio in Ihrer Jugend?

Meine Eltern hörten nicht viel Musik. Nur auf langen Autofahrten stellten sie für uns Kinder das Radio an. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt Musik gehört habe. Mit 14 begann ich Gitarre zu lernen, um die Lieder im Radio nachspielen zu können.

Woher kommen Ihre in Songs wie «Bones» und «Always Hate Me» beschriebenen Selbstzweifel?

Ich schreibe nicht über mein schnelles Auto oder meine teure Uhr, weil das Dinge sind, die nicht inspirierend sind. Oder darüber, wie hart ich bin – obwohl ich das wahrscheinlich könnte, da ich sechs Jahre in der Armee war und mich in Kriegsgebieten wie dem Kosovo bewegte. Ich finde es viel mutiger, Tausenden meine innersten Ängste und Hoffnungen einzugestehen, die nicht anders sind als bei meinen Fans. Momente grosser Selbstsicherheit und Zuversicht wechseln mit Trauer und Unsicherheit darüber, weswegen zum Teufel wir hier sind.

Haben die 20 Millionen verkauften Alben Ihre Zweifel nicht beseitigt?

Nein, denn ich rette nicht Leben wie eine Krankenschwester, unterrichte nicht wie ein Lehrer oder baue Länder wieder auf wie ein Arbeiter. Ich bin Musiker. Die Magie steckt in der Musik. Ich stehe nur auf der Bühne, weil ich nicht so gross bin.

Und in letzter Zeit wollten Sie wieder zurück zu Ihren Wurzeln?

Ich wollte wieder Lieder schreiben, die von Herzen kommen und mir etwas bedeuten. Als ich sie beisammen hatte, ging ich ohne meine Band zu «Back-To-Bedlam»-Produzent Tom Rothrock. Ich verliess mich nicht mehr darauf, dass andere Musiker für mich spielten, sondern liess zu, dass meine Fehler auf der Platte hörbar sind. Ich wollte genügend Raum haben, dass man Sänger und die Person, die den Song geschrieben hat, erkennt. Wir nahmen mit «Moon Landing» sozusagen das Independent-Album auf, dass wir gemacht hätten, wenn sich «Back To Bedlam» nicht millionenfach verkauft hätte.

Weshalb starten Sie die CD mit einem Motorengeräusch?

Ich mag es, verschiedene Klänge zu nehmen und sie ins Album einfliessen zu lassen. Der Klang des Motorrads, das vorbeifährt, soll signalisieren, das ich die Zuhörer mit meinen Liedern auf eine Reise durch meine Gedankenwelt und das Leben mitnehmen will.

Wie wichtig war es Ihnen, einmal mit einem fröhlichen Lied einen Hit zu landen?

Das Album handelt von beiden Seiten des Lebens, von den helleren und den dunkleren. «Blue On Blue» ist ein Synonym für den militärischen Ausdruck «friendly fire», wenn Soldaten bei einem Angriff irrtümlich eigene Truppen unter Feuer nehmen. Das gibt es auch in Beziehungen. Oft verletzen wir diejenigen, die wir lieben, am meisten. Ich kenne das aus eigener Erfahrung und habe in den letzten drei Jahren einige extrem schmerzhafte Momente erlebt. Deshalb ist das Album wohl so ehrlich.

Bei «Miss America» wurden Sie von Whitney Houston inspiriert. Was hat sie Ihnen bedeutet?

Vermutlich dasselbe wie Ihnen. Sie war eine unglaublich schöne Person und hatte die Stimme eines Engels, aber wir alle wurden über die Jahre Zeugen, wie sich ihre private Tragödie entwickelt hat. Ich verspüre eine gewisse Traurigkeit darüber, wie wir es auf gewisse Weise genossen haben, das mitzuverfolgen. Ähnlich wie bei Prinzessin Diana, Amy Winehouse oder Michael Jackson. Wir lesen diese Geschichten online oder kaufen Hefte, weshalb immer mehr Paparazzi losgeschickt werden und es für die Stars in ihrem Goldfischglas immer enger wird. Wir sollten uns also auch über uns selbst Gedanken machen.

Wie haben Sie es geschafft, dass nur wenig über Ihr Privatleben bekannt ist?

Ich passe gut auf. Die Schweizer sind aber auch respektvolle Leute. Hier zu leben, ist ein Vergnügen. Die Leute reden mit mir wie mit einem normalen menschlichen Wesen, nicht wie mit einem Tier im Käfig oder einem Spinner. Ich habe als Indie-Musiker begonnen und fühle mich immer noch unwohl, wenn ich mit einer zu grossen Entourage auftauche. Ich trage auch keine besonderen Kleider, Frisuren oder Make-up. Bei mir soll es vor allem um die Musik gehen.

Wie denken Sie über Künstler wie Lady Gaga?

Worüber redet man, wenn es um sie geht: über ihre Songs oder über das Fleisch? Vielleicht macht Lady Gaga performative Kunst? Das wäre ein Niveau, das ich nicht beherrsche, und daneben geht es in der Musikindustrie nur noch um die Konstruktion eines Images.

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