«Schweizer Pop wird weiblich», «Aufstand der Schweizer Pop-Sängerinnen» lauteten die Schlagzeilen in dieser Zeitung vor 10 Jahren. In der Schweizer Musikszene herrschte eine weibliche Aufbruchstimmung. Neue Sängerinnen wie Stefanie Heinzmann, Sophie Hunger, Heidi Happy, Caroline Chevin, Lea Lu, Anna Rossinelli und andere rüttelten an den über Jahren gefestigten Hierarchien des Schweizer Pop und Rock. Musikalisch und stilistisch lagen sie relativ weit auseinander, doch alle waren sie jung, hochtalentiert, ehrgeizig und eigenwillig. Kurz darauf eine zweite Welle mit ähnlichen Qualitäten: Steff la Cheffe, Anna Känzig, Nicole Bernegger, Valeska Steiner (Boy) und Eliane. Sie alle waren angetrieben von einem neuen Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Die Schweizer Pop-Sängerinnen waren erwacht und im Vormarsch.

Eine Dekade später ist von dieser Aufbruchsstimmung nicht mehr viel zu spüren. Der Hype um die neue weibliche Generation ist gebrochen. Katerstimmung macht sich breit. Eliane («Slow Motion», Jahres-Hitparade Platz 69) und Sandee («Zrügg zu mir», Platz 81) waren die einzigen Musikerinnen, die im letzten Jahr bei einem breiteren Publikum von sich reden machten.

Der Frauen-Notstand war so gross, dass die Prix-Walo-Jury über die Einführung einer Frauenquote diskutierte. Noch schlimmer bei den Swiss Music Awards: Die Jury hatte sogar Mühe, drei Sängerinnen für die Kategorie «Best Female Solo Act» aufzustellen. Mit dem Ergebnis, dass neben Eliane und Sandee die weitgehend unbekannte Phanee de Pool auf der Nominationsliste der erfolgreichsten Schweizer Sängerinnen des Jahres 2017 auftauchte. «Hat die Schweizer Popmusik ein Frauenproblem?», fragen die Swiss Music Awards und führen nächste Woche zum ersten Mal ein Panel zu diesem Thema durch.

Die Pionierinnen

Schweizer Pop- und Rockmusikerinnen hatten schon immer einen schweren Stand. Die Lady-Beats waren die erste und einzige Schweizer Girl-Group der Sixties (ab 1966 The Ladys), die es sogar zu einer Profi-Karriere schafften. Die Frauen-Punkband Kleenex (später Liliput) wurde 1978 sogar international wahrgenommen und gilt heute als Kultband. Es blieb aber eine kurze Episode. Frauenbands blieben in der Schweiz eine Seltenheit.

Den ersten Solo-Künstlerinnen erging es nicht besser. Die Glarner Sängerin und Pianistin Betty Legler war die erste Rocklady, die in der Schweiz den Durchbruch schaffte. Ihr Debüt von 1981 erreichte Goldstatus. Es folgten Vera Kaa, die es 1982 mit Hochdeutsch in der Neuen Deutschen Welle versuchte, und Sandra Goldner, die 1985 mit Polo Hofer und «Giggerig» einen Hit landete und 1991 verstarb. Natacha und Sina waren führend im Mundartbereich. Die Bernerin war die erste Frau, die 1992 ein Mundartalbum veröffentlichte. Die Walliserin war dagegen die erste Frau, die sich 1994 in der Schweizer Hitparade platzieren konnte.

Alle genannten Künstlerinnen haben als Pionierinnen grosse Verdienste. Sina ist aber die Einzige, die auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurückblicken kann. Zuerst hochgejubelt und gefeiert, verschwinden viele wie auch Kisha (1998), Mia Aegerter (2003), Carmen Fenk (2004), Salome (2005) und Börnie (2006) wieder in der Versenkung. Ist es das Schicksal von Schweizer Pop-Frauen? Ist der Aufschwung gebrochen? Oder wo liegt das Problem?

Sina, die First Lady des Schweizer Pop, hat sich mit diesen Fragen auseinandergesetzt und betont, dass das «Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern» nicht nur ein Schweizer Phänomen ist. «Es wird zwar viel über Rihanna und Beyoncé gesprochen, in den Top 20 der Topverdiener hat es jedoch nur fünf Frauen», sagt sie, «die Musikindustrie wirkt nach aussen modern und cool. In Wahrheit ist sie von Anfang an männlich geprägt, die meisten Entscheidungsträger sind Männer.» In den Schaltzentralen fehle manchmal «das Bewusstsein für das Ungleichgewicht. Männer fragen Männer.»

Die Frau als Kreative müsse sich «oft mehr beweisen». «Ich werde bis heute gefragt, wer meine Songs und Texte schreibt», sagt Sina. Oft entscheiden sich Frauen dann gegen das toughe Musikbusiness, weil es schwierig sei, «Familienplanung an den unregelmässigen Arbeitszeiten und der oft schlechten Entlöhnung vorbeizubringen». Dann sind die CD-Verkäufe eingebrochen durch Spotify und illegale Download-Portale. Es ist schwieriger geworden, von der Musik leben zu können.

Traditionelles Rollenverhalten

Frauen sind allzu oft noch gefangen in diesem traditionellen Rollenverhalten. «Die Erziehung spielt eine entscheidende Rolle. Mädchen werden von klein auf dazu angehalten, sich zurückzunehmen und Platz zu machen. Sie zweifeln öfter an ihren Fähigkeiten», sagt Sina. «Ich erinnere mich gut, wie ich mich als junges Mädchen zum Schellenring oder ans Mikrofon stellen liess, während die Jungs sich selbstverständlich eine Gitarre oder einen Bass schnappten», erzählt sie.

«Nicht jede ist eine Beth Ditto», sagt Sina. «Frauen haben oft weniger das Bedürfnis und das Selbstbewusstsein, sich öffentlich darzustellen und die Leute von sich zu überzeugen.» Aber genau dieses Selbstbewusstsein brauche es, um zu sagen: Das kann ich genauso gut. Dazu brauche es «Ausdauer und Risikobereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen. Darin sind Männer besser», räumt Sina ein. «Frauen brauchen mehr Mut, wenn sie als Schlagzeugerin oder Ton-Ingenieurin arbeiten wollen. Auch werden wir häufiger über unser Aussehen definiert. Mehr als einmal habe ich mir anhören müssen, ich sei zu alt für dieses oder jenes Festival.»

Männer geben im Musikbusiness also immer noch den Ton an. Nicht nur in der Schweiz. Bei den Grammy Awards hat die Sängerin Janelle Monáe «ein Ende der männlichen Vorherrschaft in der Musikindustrie» gefordert. «Die Zeit der ungleichen Bezahlung, der Diskriminierung ist um», sagte sie. «It’s a man’s man’s man’s world». Hat sich also seit James Brown 1966 wirklich nichts geändert?

Es braucht Vorbilder

Sina ist trotz allem zuversichtlich. In der aktuellen Baisse der Pop-Frauen sieht sie eine Wellenbewegung, die in der Schweiz umso mehr ins Gewicht fällt, als der Markt sehr klein ist. Diese Einschätzung deckt sich mit jener von Uli Heinzler, Hauptfachlehrer E-Bass an der Pop-Abteilung der Zürcher Hochschule der Künste. Beim Elektro-Bass- und Gesangsstudium liegt der Frauenanteil inzwischen bei 50 Prozent. Bei andern Instrumenten hapert es dagegen noch: beim Schlagzeug (100 Prozent Männer), bei der Gitarre (98 Prozent) und Keyboard (95 Prozent).

«Vor allem braucht es weibliche Vorbilder, damit sich das Rollenverhalten ändert. Eltern sollten Téchter schon früh ermutigen, sich auszuprobieren», glaubt Sina und fordert einen Gratis-Instrumental-Unterricht an Schulen. Wichtig sind auch Netzwerke, wo sich Frauen untereinander austauschen können. «Helvetia rockt» ist hier eine wichtige Anlaufstelle für junge Musikerinnen. Der Verein setzt sich für einen höheren Frauenanteil ein, besonders für Instrumentalistinnen. «Ziel muss sein, dass Frauen mitgestalten, auch in Führungspositionen. In einer Plattenfirma, als Produzentinnen, Texterinnen», sagt Sina.

«Es ist eine Frage der Zeit, bis sich der Anteil der Frauen erhöht. Das ist ja nicht nur in der Musik so. Dafür braucht es ein Umdenken, und das dauert», so Sina. Denn eines ist klar: Es gibt sie, die innovativen, talentierten Musikerinnen in der Schweiz. Zum Beispiel Blanka Inauen von der Elektro-Pop-Band Len Sander, die soeben ein Album von internationalem Format veröffentlicht hat («Schweiz am Wochenende» vom 27. 1.). Die Bassistin und Sängerin Vanja Vukelic, die mit ihrer erfrischend rotzigen Band Mama Jefferson am One Of A Million Festival rockt (8. 2., Stanzerei Baden). Phanee de Pool, die Camille aus Biel, die es überraschend auf die Nominationsliste der Swiss Music Awards (SMA) geschafft hat. Die vielversprechende Veronica Fusaro (20), die beim m4music-Festival gleich in zwei Kategorien siegte und jetzt an den SMA ihre neue EP «Ice Cold» vorstellt. Die soulige Sängerin Carla Fellinger in der Band Klain Karoo (Debüt-EP «Lights Down Low») sowie Andrina Bollinger, die es in den letzten beiden Jahren mit ihren Bands Eclecta und JPTR jeweils in die Jahresbestenliste dieser Zeitung schaffte.

Ja, es gibt sie, die neuen Schweizer Pop-Frauen: Sie sind jung, hochtalentiert, ehrgeizig und eigenwillig. Wie damals, vor 10 Jahren, als der Aufstand begann. Doch sie rocken im Untergrund, abseits der aktuellen Heimweh-Seligkeit. Doch Mann findet sie. Mann muss bloss hinhören und ihnen eine Chance geben.

Swiss Music Awards presents: Panel zum Thema, 7. Februar, 19 Uhr im Kosmos Zürich.
Swiss Music Awards, 9. Februar, Hallenstadion Zürich.