Zucchero erwartet uns in der obersten Etage des Hotels Renaissance in Zürich, 15. Stock. Für ein Interview, das in einem Mix aus Englisch, Italienisch und Deutsch geführt und von einer Übersetzerin begleitet wird. Es funktioniert überraschend gut, der 60-jährige Sänger ist an diesem regnerischen Tag glänzend aufgelegt. Sein neues Album «Black Cat» ist gerade auf Platz 1 der Schweizer Hitparade eingestiegen.

Herzliche Gratulation zu Platz 1 mit «Black Cat».

Zucchero: Ja, das ist wirklich fantastisch. Ich muss den Schweizern dafür danken. Sie haben mich immer gut behandelt. Denn gerade im schnelllebigen Musikbusiness gibt es keine Garantien.

Haben Sie eine Erklärung für den anhaltenden Erfolg in der Schweiz?

Das Schweizervolk hat mich immer geliebt. Schweizer sind treue Menschen. Irgendwie stimmt einfach die Chemie zwischen uns. Ein grosses Glück für mich. Darum habe ich eine Schweizer Freundin. Francesca ist wunderbar. Wir sind seit bald 25 Jahren zusammen.

Sie sind seit rund 30 Jahren erfolgreich, Ihre Alben sind Bestseller. Doch Sie haben seit geraumer Zeit keine grossen Hits mehr wie «Senza una donna» (1991) oder «Baila» (2001).

Ein Album sehe ich als Gesamtkunstwerk. Es geht mir um den Gesamtklang, um ein Gesamtkonzept. Das hat für mich Priorität. Und auch meine Fans sind nicht Hit-geil, sondern kaufen ein ganzes Album von mir. Wenn sich daraus ein Song zu einem Hit entwickelt, umso besser. Aber Hits kann man nicht am Reissbrett kreieren.

Zucchero & Paul Young - Senza Una Donna [Official Music Video]

Zucchero & Paul Young - Senza Una Donna [Official Music Video]

«Black Cat» tönt sehr amerikanisch. So amerikanisch wie noch nie. Wie ist Ihre Beziehung zu den USA?

Das stimmt. «Black Cat» ist ein sehr schwarzes Album. Schon als Kind hat mich die afroamerikanische Musik stark angezogen. Die Musik aus New Orleans, aber mehr Blues als Jazz. Der Delta-Blues aus dem Süden der Vereinigten Staaten.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige politische Situation in den USA?

Sollte wirklich Donald Trump nächster US-Präsident sein, dann wäre das beängstigend, für die ganze Welt. Trump ist ein gefährlicher Spinner, der mit einer sehr rechten Politik ausser Kontrolle geraten ist, Es wäre eine sehr unamerikanische Wahl, die Amerikaner, die ich kenne, ticken anders.

Was sagen Ihre amerikanischen Freunde?

Sie sind sehr besorgt. Aber die meisten glauben nicht, dass es Trump wirklich schafft. Sie wollen sich das nicht mal vorstellen. Aber Sie sehen, dass Trump immer noch da ist und gewinnt.

Kennt man Sie in den USA?

Ich war mit «Senza una donna» und «Misere», dem Duett mit Luciano Pavarotti, in den Charts. Dazu mit der Duett-Compilation «Zu & Co.». Ich bin nicht so berühmt wie hier, aber ich habe 2014 in den USA 38 Konzerte gegeben.

Andrea Bocelli & Zucchero - Miserere

Andrea Bocelli & Zucchero - Miserere

Vielleicht sollten Sie in den USA nur in Englisch singen?

Eben nicht. Früher habe ich bei Konzerten in Grossbritannien und den USA zur Hälfte englisch gesungen. Ich habe aber gemerkt, dass die Leute dort die Originalität der italienischen Sprache, die auch die Musik prägt, schätzen. Alles andere haben sie ja schon. Ich bringe ihnen den italienischen Blues. Heute singe ich höchstens ein Stück englisch. Schuld ist Miles Davis. Er hat mich darin bestärkt, in meiner Muttersprache zu singen.

Aha, Sie haben mit dem Grossen Miles Davis gearbeitet. Erzählen Sie.

Das ist eine lustige Geschichte. Miles Davis sass 1988 nach einem Konzert in Italien mit seinem italienischen Promoter in einem Restaurant, als mein Lied «Dune mosse» aus dem damals aktuellen Album «Blue’s» lief. «Wer ist das?», fragte er, «ich liebe den Song und möchte darauf spielen.» Unglücklicherweise war ich zu jener Zeit mit meiner damaligen Frau auf den Malediven, um meine Ehe zu retten. Um vier Uhr in der Nacht erhielt ich einen Telefonanruf von diesem Promoter. Er teilte mir mit, dass ich in den nächsten drei Tagen in New York sein sollte, um mit Miles Davis den Song neu einzuspielen. Ich kannte den Promoter gut, dachte, dass er mich verarschen will, und hängte den Hörer auf. Er rief nochmals an und versicherte mir, dass es kein Witz sei. Ich wusste, wenn ich jetzt gehe, dann ist es mit meiner Ehe aus.

Dann ist Miles Davis schuld, dass es zur Trennung kam?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Die Ehe war nicht mehr zu retten. Miles war nur noch der auslösende Faktor. Ich musste mich zwischen meiner Frau und der Musik entscheiden. Ich habe mich für die Musik entschieden und habe den Entscheid nie bedauert. Mit Miles Davis zu spielen, war ein Höhepunkt in meiner Karriere.

Sie haben jetzt mit einer anderen Legende zusammengearbeitet. Mit der Produzenten-Legende T-Bone Burnett. Was ist so speziell an ihm?

T-Bone Burnett hat die Musiker in Nashville ausgewählt. Er wusste genau, welcher Musiker für welchen Song geeignet ist. Wer welche Klangfarbe, welchen Groove, welche Stimmung beitragen kann. Das ist unglaublich. Er bevorzugt einen analogen, warmen Sound.

Zucchero - Voci

Zucchero - Voci

Würden Sie sich als politischen Künstler bezeichnen?

Ich habe immer versucht, direkte Einmischung zu vermeiden, auch in meinen Songs. Ich möchte nicht auf die Kanzel steigen, den Mahnfinger erheben oder auf jemanden zeigen. Aber soziales Engagement und Solidarität sind mir wichtig, das habe ich immer wieder thematisiert. Ich singe oft von Idealen, von Freiheit. Aber immer mit einer Portion Humor und einem Schuss Ironie. Man kann Wichtiges oder Richtiges auch ohne tierischen Ernst rüberbringen. So etwa im Song «Partigiano Reggiano», der die Widerstandsbewegung der Partisanen im 2. Weltkrieg mit einem Wortspiel verbindet: meiner Heimat Reggio beziehungsweise dem Käse Parmigiano Reggiano.

Der Song ist aber ernst?

Ja, er handelt von der Sehnsucht nach einem einigenden und universellen Ideal. Meine Vision des Partisanen ist sehr romantisch, so wie ihn mir meine Grosseltern im Krieg schilderten: ein starker, mutiger junger Mann, der in die Berge geht, um von dort aus den Widerstand zu unterstützen und die Schwachen zu schützen. Die wirkliche Geschichte überlasse ich den Historikern. Schliesslich war Krieg.

Die Regierung Matteo Renzi ist seit zwei Jahren im Amt und er hat mehr Reformen durchgesetzt als seine Vorgänger zusammen. Die eigene Partei und die gesamte Linke werfen ihm vor, keine wirklich linke Politik zu betreiben. Was halten Sie von ihm?

Er gibt vollen Einsatz, hat Energie und macht den Eindruck, selbst daran zu glauben, dass er Italien verändern kann. Aber die anderen tun alles, um ihn wieder nach Hause zu schicken, sie werfen ihm vor, ein Schwätzer zu sein. Ich mach mir aber nicht um Renzi Sorgen.

Sondern?

Um die tägliche Korruption. Mafia, wo man hinschaut, der Skandal in der Stadtverwaltung Roms hat gezeigt, dass sogar die Hauptstadt infiltriert wurde.

Belastet Sie das?

Es zieht einen runter, nimmt Enthusiasmus, Inspiration. Sind wir Italiener einfach schwer zu regieren? Natürlich, wir sind Künstler, etwas anarchistisch, Fantasten. Ja, die Regionen sind einfach zusammengesetzt worden, ohne wirkliche nationale Einheit. Aber trotzdem frage ich mich jeweils: Ist es menschenmöglich, dass praktisch jeden Tag wieder etwas passiert?

Sie kommen aus einer der glücklichen Regionen, der Emilia Romagna, die hier wohl wegen Spaghetti Bolognese, Parmaschinken, Tortellini und Parmesankäse bekannt ist. Weniger aber als Heimat bekannter Künstler wie Pavarotti, Vasco Rossi oder Federico Fellini. Auch Sportwagen wie Ferrari, Lamborghini und Ducati kommen von dort. Was macht die Emilia
für Sie besonders?

Ich habe nun lange in der Toskana gewohnt, mich dort aber nie integriert, obwohl ich Freunde habe. Aber ich habe tiefe Wurzeln in der Emilia. Und je älter ich werde, desto tiefer werden sie. Vielleicht fehlt sie mir auch, weil ich lange nicht dort gelebt habe und sie immer noch so in Erinnerung habe, wie ich sie als Kind und Jugendlicher sah.

Was hat die Emilia, was Ihnen die Toskana nicht geben kann?

Ich fühlte mich von Wärme umgeben. Im Städtchen kannte man sich, es gab Solidarität, man machte Witze im Dialekt. Leute, die nicht viel schwatzen, sondern anpacken. Lieber einen vollen Kühlschrank als einen neuen Anzug. Verstehen Sie?

Die Emilianer gelten in Italien als die sympathischsten.

Es ist diese Sympathie, die Offenheit, die Wärme, diese typische Kameradschaft, die Goliardia, wie wir sie nennen. Die Emilianer arbeiten hart, wissen aber wie sonst niemand zu feiern.