Wettinger Kammerkonzerte

In Wettingen gehen sie mit Enthusiasmus in die Schlaflosigkeit

Angestellt für die inhaltlichen Träume des Wettinger Konzertlebens: Cristoforo Spagnuolo.

Angestellt für die inhaltlichen Träume des Wettinger Konzertlebens: Cristoforo Spagnuolo.

Die Wettinger Kammerkonzerte gehen mit Cristoforo Spagnuolo in ihre 67. Saison – und mit Stargast Isabel Karajan.

Welcher Konzertveranstalter ausserhalb eines musikalischen Zentrums kann sich bei einer Kammermusikreihe «67. Zyklus» auf die Fahne schreiben? Kaufen können sich die die Wettinger Kammerkonzerte, die «W:KK», damit allerdings nichts. Was heisst heute schon «Tradition» oder «lokale Identität», wo ein rasch skizzierter Crossover-Konzertevent in der Nachbarstadt mehr Aufmerksamkeit generiert als ein sorgfältig gestaltetes Kammermusik-Jahresprogramm am Rande Wettingens?

Von den einst 200 W:KK-Abonnenten sind noch knapp 100 übrig geblieben. 200 Abonnenten das war mehr als die halbe Miete. «Kaum ein Abonnent, der stirbt, wird erneuert. Jetzt kämpfen wir bei jedem Konzert um jeden Platz», sagt Cristoforo Spagnuolo. Aber der W:KK-Leiter tut das nicht jammernd, sondern ruhig entschlossen mit einem Schuss Sarkasmus: «Wir bieten dem Untergang die Stirn», fügt er an. Und lächelt.

Stars dank Freundschaften

Spagnuolo will trotz schwindender Stammgäste und sinkender finanzieller Zuwendung nicht das Klagelied des Kulturuntergangs anstimmen. Nur dank freundschaftlichen Banden ists möglich, nach wie vor ganz grosse und teure Namen wie Tenor Christian Behle oder Pianist Oliver Schnyder in Wettingen zu erleben.

Das ist Spagnuolo nicht egal, aber er macht weiter, lobt seinen neuen jungen Geschäftsführer Daniel Pérez, der neuen Wind bringe und ihm die Augen für unternehmerische Dinge öffne. «Ich bin ja nur für die inhaltlichen Träume angestellt.»

Diese Träume haben es in sich, da sich Spagnuolo treu bleibt. «Zu den Sternen» hiess sein erstes Saisonthema vor drei Jahren, dorthin ist er immer noch unterwegs. Will heissen: Er hat drei Saisons lang sein Konzept durchgezogen, machte keine Spass-Konzerte und passte sich nicht dem netten Zeitgeist an: «Wir bieten etwas an, das generell im Kulturbetrieb am Aussterben ist: gehaltvolle Kammermusik, nicht irgendwelche Crossover-Projekte. Ich will lieber gute Gespräche über Musik anstatt eine Party nach dem Konzert. Wir biedern uns nicht mit bekömmlichen Programme an: Die W:KK richten sich an Kenner, Liebhaber und Angefressene. Durchaus in der Hoffnung, dass es davon immer noch ein paar gibt.» Da ist er wieder, der sympathisch lächelnde Zyniker Spagnuolo.

Er macht auch keine grosse Geschichte aus seinem Saisonthema «Insomnia», der Schlaflosigkeit. Aber gerade weil er ohne Zwang darangeht, darin ein Zückerchen fürs Publikum sieht, kommts am Schluss so gut rüber. «Insomnia» zieht sich klug durch die fünf Konzerte – nicht nur die Schlaflosigkeit, sondern auch das Thema Nacht, der Liebesschmerz, die politische «Nacht in Europa» in den Zeiten des 2. Weltkrieges gehören dazu.

Repertoire und Schmankerl

Das anspruchsvolle Programm zeigt: Spagnuolo vertraut seinem Publikum – und er mutet ihm einiges zu. Immer wieder kombiniert er die Meilensteine des Repertoires mit «Schmankerl», wie er es nennt: Das sind allerdings Repertoire-Trouvaillen und Ausgrabungen, ja, bisweilen durchaus auch nährhaftes Klassikbrot, an dem man kauen muss. Von jenen Leuten, die nach Wettingen kommen, erntet er dafür aber viel Zuspruch, auch wenn darüber viel diskutiert wird. Und so werden die W:KK im Idealfall ein Ort der Begegnung und des Austausches. Spagnuolo schafft es immer wieder auch, Künstler zusammenzuführen, die sich sonst nie treffen würden. Nächste Saison weicht er auch ab von den altbekannten Informations-Einführungen, er sucht vielmehr Begegnungen mit redegewandten Menschen: mal mit einer Lokalpolitikerin, mal mit einem Schriftsteller, mal mit einem Musiker. Und er, der durchaus an neue Konzertformen denkt, träumt davon, diese Gespräche direkt ins Konzert zu integrieren.

Un-Ort Margeläcker

Zukunftsmusik. Erst geht’s um die nahe Zukunft. Immer wieder kommt die Rede auf das Un-Konzerthaus, das Margeläcker. Der Saal ist gut, aber die Umgebung, das Entree, zum Vergessen. «Wenn Kochschul-Tag war, riechts den ganzen Abend nach Pasta.» Keine Konzertreihe der Welt könnte an diesem Un-Ort zu einem gesellschaftlichen Anlass werden. Kein Wunder, ist man auf der Suche nach einem neuen Konzertort. Doch die sind rar im Aargau.

Wer zur Saisoneröffnung Ende Oktober will, muss noch ins Margeläcker fahren. Dann aber wird der Gast überrascht sein, den Saal vielleicht nicht mehr wiedererkennen: Isabel Karajan, Tochter des legendären Dirigenten, frass nämlich einen Narren am «Sommernachtstraum», machte daraus ein abendfüllendes Spektakel. Die W:KK erleben zur revolutionären Änderung des Konzertbeginns, neu 19.30 Uhr!, also eine zweite, eine künstlerische. Spagnuolo schmunzelt. Wer ihn kennt, merkt: Er freut sich diebisch auf eine schlaflose Nacht nach einem expressiven Konzertabend.

Wettinger Kammerkonzerte: Freitag, 30. Oktober, 19.30 Uhr, Margeläcker: Klavierduo Luisa Imorde und Eung-Gu Kim und Isabel Karajan zeigen mit einer szenischen Aufführung den «Sommernachtstraum» von Felix Mendelssohn.
Weitere Konzerte: 20.11., 4.12, 29.1.2016, 11.3.2016.

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