Klassik

Im Namen des Vaters und des Sohnes: Musiker-Familien

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Familienbanden sind in der Klassikwelt berüchtigt, bisweilen problematisch, gewisse weltberühmt.

Der Grossvater Landwirt, der Vater Landwirt, der Sohn Landwirt. Alle drei mit einer Bauerntochter verheiratet. Klischee? Wie wäre es mit dem: Vater Komponist – fünf Söhne Komponisten? Bei Johann Sebastian Bach (1685–1750) war das tatsächlich so, Carl Philipp Emanuel, Wilhelm Friedemann, Johann Christian, Johann Christoph Friedrich und Johann Gottfried Bernhard hiessen die fünf «Nachfolger». Drei von ihnen waren zu Lebzeiten berühmter als der Vater. Kurz darauf machte ein wackerer «Hof- und Cammer-Componist» aus seinem Sohn den berühmtesten Komponisten der Welt: aus Wolferl den riesenhaften Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791). Spannend ist die Frage, was aus der Schwester Maria Anna Mozart (1751–1829) geworden wäre, wäre sie ebenso stark wie ihr Bruder gefördert worden. 

Die Versager-Söhne der Stars

Mozarts Sohn Franz Xaver Wolfgang (1791–1844) versuchte sich auch als Komponist und Klaviervirtuose – ohne viel Eigenes zu hinterlassen. Richard Wagners Sohn Siegfried erging es ähnlich. Oder kennen Sie die Oper «Der Bärenhäuter»? Neben den Bachs sind Vater (1804–1849) und Sohn (1825–1899) Johann Strauss das populärste und ausgeglichenste Familiengespann der letzten Jahrhunderte.

Bei den nachschaffenden Künstlern scheinen bisweilen alle zusammen eine grosse Familie zu bilden: der mit dem, die mit ihm, er mit ihr. Nicht immer sind die Verwandtschaften völlig problemlos.

Der grosse Name des Vaters ist bei Künstlerkindern allerdings kein Karrierehindernis, oft öffnen die Kollegen des Vaters schwungvoll die Türen: Dimitri Ashkenazy, Philippe Jordan, Michael Barenboim, Lili Maisky, Vladimir Jurowski, Igor Oistrach, Michael Sanderling oder Adriana Marfisi (Tochter Nello Santis), Paavo (1962) und Kristjan (1972) Järvi machten allesamt auch dank der Väter Karriere. Auffällig oft werden Kinder von berühmten Dirigenten auch Regisseure oder Schauspieler (Böhm, Konwitschny, Abbado, Karajan). Bisweilen geschieht es, dass der Vater vom Musikerberuf abrät. So geschehen beim legendären Dirigenten Carlos Kleiber (1930–2004), zudem soll Carlos sein Leben lang darunter gelitten haben, nicht das zu erreichen, was sein Vater Erich (1890–1956) vor ihm erreicht hatte.

Achtung, Verwechslung!

Ein eher vergnügliches Problem von Musikerfamilien ist die Verwechslungsgefahr. Die beiden Schweizer Cellisten Patrik (1962) und Thomas Demenga (1954) leiden darunter. «Wir sind Brüder», sagt Thomas, «wir spielen beide Cello, sogar bisweilen zusammen. Da passiert es halt, dass wir verwechselt werden. Wir nehmen es meist gelassen: Es gibt nun mal einfach zwei von uns.» Man profitiert bisweilen auch, wird im Duo-Pack an Cello-Festivals eingeladen.

Nett tönts auch bei Mona Asuka Ott (1991), die offenbar von ihrer Schwester Alice Sara (1988) nur profitiert. Aber hier gab es einst einen entscheidenden Schnitt, damit die beiden nicht verwechselt werden: Alice Sara musste sich vor einigen Jahren die langen Haare abschneiden. Bis die beiden 17 bzw. 20 waren, zogen sie gemeinsam in den Unterricht, schliesslich in die Klavierwelt hinaus. Doch dort hat nur Schwester Alice Sara den wahren Durchbruch mitsamt Vertrag bei der Deutschen Grammophon geschafft.

Die 365-Tage-Beziehung

Geschwister können völlig getrennte Wege gehen – ausser sie sind als Klavierduo zusammengewachsen. Dagegen wehren sich die Otts noch. Alice Sara zeigt sich zurzeit allerdings gerne im Duo mit schönen Klavierspielern, unter anderem mit Tristano. Womit wir beim Künstler-Ehepaar wären, einer völlig neuen Anforderung: Beim Klavierduo Yaara Tal/Andreas Groethuysens wurde aus zwei Individuen eins. Das Duo hat nun eine 365-Tage Beziehung. «Für viele andere Paare ein Horrorszenario», sagt Tal trocken. Und Groethuysen ergänzt: «Ein Albtraum. Bei uns aber muss diese Nähe die Beziehung aushalten. Wenns gelingt, verbindet es enorm. Wir sind sieben Tage die Woche zusammen. Wir gehen wirklich durch dick und dünn.» Ernst fügt Groethuysen dann an: «Wir sind keine siamesischen Zwillinge, die man nicht trennen kann. Ehepartner können sich auch scheiden lassen. Wir haben unsere künstlerische Existenz aneinandergebunden. Es wäre nicht einfach, alleine neue Wege zu gehen.»
Wie angetönt: Oft sind es Geschwister, die zu Klavierduos werden – bisweilen gar eineiige Zwillinge wie etwa Güher und Süher Pekinel (1952). Das weltberühmte Klavierduo Katia und Marielle Labeque liegt allerdings zwei Jahre auseinander (1950 und 1952). Nebenbei: Marielle ist mit dem Dirigenten Semyon Bychkov verheiratet, dessen Bruder der verstorbene Dirigent Yakov Kreizberg war...

Für Tal hat diese Klavierduo-Spezies zwei Seiten: «Zwei kleine Kinder auf dem Klavier finden alle süss. Ob es künstlerisch nachher etwas bringt, ist nicht immer klar. Aber Zwillinge oder Geschwister haben eine ähnliche musikalische Genetik, das hilft durchaus für eine spätere Karriere.»

Schmerzhafte Trennungen

Bisweilen kann die familiäre Beziehung auch schmerzlich sein, das Hineinwachsen in eine Musikerfamilie voller Entbehrungen. Arianna Savall (1972), Tochter des legendären Alte-Musik-Spezialisten Jordi Savall (1941) und Montserrat Figueras (1942–2011) spricht sehr ehrlich darüber. Über zehn Jahre lang hat sie mit den Eltern professionell Musik gemacht, bis man sich 2008 gemeinsam entschied, musikalisch eigene Wege zu gehen. «Das war eine schwere Entscheidung.» Zu viel Eigenes war da am Wachsen, immer nur die «Tochter» zu sein, das ging auf die Länge nicht gut. «Beide müssen atmen können.» Und noch etwas macht sie traurig. «Als Kind war es nicht leicht zu verstehen, warum meine Eltern mich und meinen Bruder nach den schönen Sommerferien so oft mit dem Kindermädchen allein in der Schweiz liessen und erneut auf Tourneen gingen.» Obwohl in der Familie, schon von den Grosseltern her, die Musik sehr präsent war, gab es nur phasenweise eine trotzige Gegenbewegung.

Selbst die zwei Jahre, die Arianna Kunstgeschichte studierte, sind zur Fussnote geworden.

Eine der erstaunlichsten Künstlerfamilien lebt heute in Salzburg: Die Hagens. Vater Hagen war Solobratschist des Mozarteum Orchesters Salzburg – und dann wuchsen ihm vier famose Streicher ins Haus, die alsbald das Hagen Quartett gründeten, rasch bedeutende Preise gewannen und weltberühmt wurden. Heute allerdings sinds im Quartett «nur» noch drei Hagens: Lukas, Veronika und Clemens. Angelika Hagen verliess im Alter von 20 Jahren als zweite Geige die Geschwister, da sie dieses vom Leben abgekapselte Geigerinnenleben im engsten Familienkreis nicht mehr aushielt. Sie wurde Ethnologin – und berührte ihre Geige 20 Jahre nicht mehr.

Lichtblick für die Gescheiterten

Die Kinder der grossen Eltern wurden auch von Schriftstellern besungen. Franz Grillparzer schrieb im Nachruf auf W. A. Mozarts unglücklichen Sohn Franz Xaver melancholisch: «Du warst die trauernde Zypresse/An deines Vaters Monument.» Er schloss aber: «Wer dann den Namen Mozart stammelt/ Hat ja den deinen auch genannt.» Grillparzer erkennt selbst für die gescheiterten Söhne und Töchter einen Lichtblick.

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