Einen schöneren Abschied als diesen ausgestreckten Mittelfinger im Geiste des Punk könnte man sich von Iggy Pop nicht wünschen. «I’ve had enough of you», so die Message des grandiosen dreiminütigen Wutanfalls, mit dem er das Album «Post Pop Depression» ausklingen lässt.

Wie Pop gegenüber der Zeitschrift «New Music Express» angetönt hat, könnte sein neues Album zugleich sein letztes sein. Tatsächlich wirkt «Post Pop Depression» wie ein Vermächtnis.

Immer wieder besingt Pop darauf das Ende seines Rockstar-Daseins: «I follow my shadow tonight/out of the light», heisst es etwa im Refrain von «In the Lobby». Musikalisch erinnert es zuweilen an die grössten Momente seiner Karriere.

Iggy Pop - Gardenia | #PostPopDepression

Iggy Pop - Gardenia | #PostPopDepression

 

Um diesem Schlusspunkt musikalischen Nachdruck zu verleihen, hat sich Pop mit einem prominenten Fan zusammengetan. Obwohl «Post Pop Depression» ein Soloalbum ist, hat Josh Homme, bekannt als Sänger und Gitarrist der Queens of the Stone Age, auf Augenhöhe mitgewirkt. Unzählige einfallsreiche Riffs, das differenzierte Songwriting und die kristallklare Produktion tragen seine unverkennbare Handschrift. Ausserdem hat Homme mit dem Multiinstrumentalisten Dean Fertita (Queens of the Stone Age, Dead Weather) und Matt Helders, dem Schlagzeuger der Arctic Monkeys, so etwas wie eine Supergroup zusammengestellt.

Iggy Pops grosser Einfluss

Den Anstoss zur fruchtbaren Zusammenarbeit gab vor etwa einem Jahr eine knappe Textnachricht von Pop an Homme; ob sie bei Gelegenheit nicht etwas zusammen komponieren und aufnehmen sollten, so lautete sie sinngemäss. Das spontane Angebot liess Homme bestimmt nicht kalt, hatte Pop doch einen entscheidenden Einfluss auf seine musikalische Karriere.

Mitte der 90er-Jahre entdeckte Homme die beiden Meisterwerke «The Idiot» und «Lust for Life», die Pop Ende der 70er-Jahre zusammen mit David Bowie in Berlin aufgenommen hatte. Alles, was er damals musikalisch habe ausdrücken wollen, sei auf diesen Alben bereits gesagt worden, wie Homme kürzlich zur «New York Times» sagte. Diese Einsicht habe ihn dazu bewegt, seine Stoner-Rock-Band Kyuss aufzulösen.

Iggy Pop - Break Into Your Heart | #PostPopDepression

Iggy Pop - Break Into Your Heart | #PostPopDepression

 

Die Zusammenarbeit der beiden Musiker begann als kurze Brieffreundschaft: Per Post tauschten sie zuerst nur ein paar Gedichte, Lyrics und halb fertige Songs aus. Auf Hommes Wunsch legte Pop auch ein paar Notizen zu seiner Zusammenarbeit mit Bowie bei.

Sie einigten sich darauf, das Album nach dem Do-it-Yourself-Prinzip aufzunehmen, verzichteten auf ein Label und finanzierten die gesamten Aufnahmen aus der eigenen Tasche. Weil die Aufnahmen in Hommes beiden Studios in Kalifornien stattfanden, konnte das Projekt bis zum ersten gemeinsamen Auftritt in Stephen Colberts Late Night Show Ende Januar geheim gehalten werden.

Mehrere Höhepunkte

«Gardenia», eines der bei Colbert vorgetragenen Stücke, in dem Pops Gesang stark an Bowie erinnert, ist nur ein Höhepunkt auf «Post Pop Depression». Das Album bewegt sich durchgehend auf hohem Niveau. Ein paar hinreissende Gitarren- und Bass-Licks finden sich in den am stärksten durch Homme geprägten Songs «German Days» und «In the Lobby». Im akustischen «Vulture», dem düstersten und rohsten Stück des Albums, kann sich Pops charakteristische Bariton-Stimme, die er immer wieder an den Rand des Wahnsinns treibt, wunderbar entfalten.

Seinen vielleicht schönsten Moment erreicht das Album ziemlich genau in der Mitte, als das lässig vorantreibende Riff von «Sunday» unerwartet in einen schwärmerischen Orchesterpart ausläuft. Nur ein paar Background-Sängerinnen verbinden die völlig verschiedenen Teile des Songs.

Vor allem in den stürmischen drei letzten Minuten des Albums hallt etwas von der brachialen Energie der Proto-Punk-Band The Stooges nach, als deren Sänger Pop Ende der 60er-Jahre bekannt wurde.

Auch wegen seiner exzessiven Liveauftritte hat man ihm irgendwann den Titel «Godfather of Punk» verliehen. Nachdem Pop 1967 ein Konzert der Doors gesehen hatte und sofort begeistert war von Jim Morrisons intensiver Bühnenpräsenz, ging er bald noch viel weiter als dieser. Er sprang wie wild durch die Gegend, kotzte auf die Bühne und beendete manchen Auftritt blutüberströmt. Bezeichnend, dass Pop als Erfinder des Stagedivings gilt.

Obwohl der Rock ’n’ Roll und Pops langjährige Alkohol- und Heroinsucht deutliche Spuren an seinem Körper hinterlassen haben, wirkt er nicht, als sei er am Ende seiner Kräfte. Sein letzter Sprung ins Publikum sei noch kein Jahr her, antwortet er Colbert mit einem verschmitzten Lächeln. Wenn «Post Pop Depression» tatsächlich sein letztes Album ist, dann scheint das nicht daran zu liegen, dass ihm die Luft ausgeht. Der 68-Jährige hat wohl einfach keine Lust mehr.

Iggy Pop Post Pop Depression. Universal, 2016. Erscheint am 18. März.