Doch so lässt sich nun nicht nur die schöne Aussicht auf See und Landschaft geniessen, sondern auch Musik hören, live gespielt vom Badener Pianisten Oliver Schnyder – auf einem Flügel, der das Fliegen gelernt hat.

«Gipfelwerke» heisst die neue Reihe, die an den kommenden drei Wochenenden sechs Konzerte mit Klaviermusik von Ludwig van Beethoven präsentiert. Numa Bischof, der Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters, hat sie erdacht und für dieses neue Konzertformat Oliver Schnyder angefragt – einen Pianisten, der für jedes Abenteuer zu haben ist. Zumindest musikalisch.

Zu Hause in Baden, zu Gast auf den Konzertbühnen der Welt, und nun auch auf dem Pilatus zu erleben: Der Pianist Oliver Schnyder.

Zu Hause in Baden, zu Gast auf den Konzertbühnen der Welt, und nun auch auf dem Pilatus zu erleben: Der Pianist Oliver Schnyder.

Im letzten Sommer hat er bereits zwei Klavierkonzerte von Mozart im Wald gespielt. Die Sandsteinhöhle Gränichen diente als Bühne; das Rauschen der Baumwipfel und das leise Vogelgezwitscher in der Abendsonne mischten sich nahtlos in die Klavier- und Orchesterklänge. Ein Open-Air-Konzert der besonderen Art.

Schnyders Konzerte auf dem Pilatus sind freilich nicht Open Air – bereits jetzt liegt eine zarte Schneedecke auf dem Gipfel. Dafür finden die Konzerte im historischen Saal des Restaurants Queen Victoria statt, mit Blick auf die berühmte Aussicht. «Ich hoffe auf dichten Morgennebel», sagt Schnyder und lacht. Denn wenn im fahlen Morgenlicht die aufsteigenden Wolken an den Fenstern des Saals vorbeiziehen, dann hat Schnyder genau jenes Bühnenbild, das er sich für den langsamen Satz des dritten Klavierkonzerts von Beethoven wünscht.

Schnelle Tempi für Panoramablick

Schnyder spielt zwar auf einem modernen Flügel, doch sein Ansatz ist in mehrfacher Hinsicht historisch informiert. Einerseits orientiert er sich an den Tempoangaben, die von Beethovens Schüler Carl Czerny erhalten sind. Diese Tempi realisieren nicht viele Pianisten, denn: «Sie sind für heutige Ohren ungewohnt schnell», sagt Schnyder. «Langsamere Tempi sind nicht selten einem übertriebenen Blick durch die Lupe geschuldet. Das kann vielen Details überproportionales Gewicht verleihen und das grosse Ganze gefährden», sagt er. «Ich bevorzuge den Panoramablick, sprich: Beethovens rasche Tempi. Sie machen die formale Struktur, die Topografie des Werks, besser fassbar.»

Der zweite historische Ansatz von Schnyders Pilatus-Konzerten bezieht sich auf die Besetzung: Der Pianist lässt sich nicht von einem grossen Orchester, sondern von einem Streichquintett begleiten. Solche kammermusikalisch besetzten Aufführungen waren in den Salons der Wiener Klassik gang und gäbe und wurden vom Bildungsbürgertum auch als Hausmusik geschätzt. «Zu Beethovens Zeit hat jede höhere Tochter Klavier gelernt, und in den Bibliotheken standen die Klavierauszüge der grossen sinfonischen Werke der Zeit. Und da hat man sich dann durchgearbeitet», erzählt Schnyder.

Für die Streicher sei es natürlich eine Herausforderung, die vielen Orchesterstimmen zu imitieren, sagt er. Die Luzerner Konzertmeisterin Lisa Schatzmann etwa habe als erste Geige im Streichquintett viel mehr Akkorde und Doppelgriffe zu spielen als im Orchester. Dafür sei die Arbeit im Kammermusikensemble von unschätzbarem Wert für die Interpretation: «Normalerweise stehen für ein Konzert nur zwei Orchesterproben zur Verfügung», sagt Schnyder. «Als Kammermusikensemble hingegen können wir viel intensiver arbeiten.» Und das Publikum könne in dieser kleinen Besetzung ganz andere Aspekte in der Musik entdecken, selbst wenn man die Konzerte bereits sehr gut kenne, ist Schnyder überzeugt.

Dieses Engagement hat seinen Grund, denn Schnyder hat Grosses vor: eine Gesamteinspielung aller fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven, gemeinsam mit James Gaffigan und dem Luzerner Sinfonieorchester. Der Clou: Das Publikum kann über die Saison hinweg an der Entstehung hautnah beteiligt sein.

Die Gipfel-Konzerte auf dem Pilatus dienen als erste interpretatorische Arbeit mit den Stimmführern des Luzerner Sinfonieorchesters. Im März 2017 folgt ein «Prima Vista»-Konzert: Das Publikum kann bei der allerersten Orchesterprobe dabei sein. Und im Juni 2017 werden alle fünf Klavierkonzerte aufgeführt und für die CD-Einspielung mitgeschnitten.

Nahe am Autograf

Und bei all dem kommt Schnyders dritter historischer Ansatz zum Tragen: Er spielt aus der neuen Ausgabe von Jonathan Del Mar. Sie ist deutlich näher an Beethovens Handschrift, druckt beispielsweise die originalen Artikulierungszeichen, die über die Jahrhunderte angepasst worden waren. «Das Notenbild beeinflusst uns Musiker enorm», sagt Schnyder. «Wenn in den Noten vier Sforzati hintereinander verzeichnet sind, spielen wir anders, als wenn da nur die Buchstaben ‹cresc.› stehen.»

Wer ganz und gar in den Beethoven-Kosmos eintauchen mag, der kann am Vorabend der jeweiligen Matinee im Nachtkonzert auf dem Pilatus Oliver Schnyder allein am Klavier erleben: Mit Klaviersonaten von Beethoven aus der Entstehungszeit der Konzerte. Für Schnyder selbst kann es nie genug Beethoven sein: «Beethovens Klaviermusik ist ein musikalisch-philosophisches Kompendium», sagt er. «Und die Sonaten sind sein musikalisches Tagebuch. Nirgendwo sonst kommt man seiner Persönlichkeit so nah.»

Gipfelwerke Nachtkonzert am Sa, 15. 10., 22 Uhr. Matinee am So, 16. 10., 10:30 Uhr. Weitere Konzerte an den Wochenenden 22./23. und 29./30.10. Jeweils im Hotel Pilatus-Kulm, Queen-Victoria-Saal.

Infos zu den Kombi-Angeboten für alle Konzerte inkl. Nachtessen und Übernachtung: www.sinfonieorchester.ch