Musik

«Heute finde ich die Klarheit geil»: Rapperin Steff la Cheffe über ihr neues Album und ihre musikalische Sprache

«Mehr vom Gleichen reizt mich nicht», sagt Steff La Cheffe.

«Mehr vom Gleichen reizt mich nicht», sagt Steff La Cheffe.

Die Bernerin Steff La Cheffe hat ihre eigene musikalische Sprache gefunden. Das beweist sie mit «PS:» nun erneut.

Es sei grossartig, dass man jetzt in dieser Coronazeit die Interviews spazierend machen könne, lacht Steff La Cheffe, 33. Und ab geht es auf einen Rundgang durch ein Berner Quartier.

Man muss in dieser Zeit ja fragen: Wie geht es Ihnen?

Steff La Cheffe: Es geht mir gut. Beruflich wurde ich jetzt auch nicht so hart getroffen. Das eine oder andere ist ausgefallen, aber alles im Rahmen. Privat ist eine Reise ausgefallen. Ich war viel im Garten und habe da meine kreative Ader ausgelebt. Und mit dem neuen Album habe ich Glück im Unglück.

Warum?

«PS:» war eigentlich gar nie als Album gedacht, sondern als EP. Darum muss ich keine Plattentaufe absagen und auch keine Tour canceln. Eigentlich dachte ich, 2020 werde ein ruhiges Jahr. Erst während der Aufnahmen ist es zu einem Album ausgewuchert. Durch den Verzicht hatten wir auch keine Liveproben, die jeweils viel Zeit fressen. Klar dachte ich einmal: Hey, jetzt hast du ein Album, aber keine Tour. Aber irgendwie macht das ja jetzt alles Sinn (lacht).

Sie waren jetzt gerade bei der Fernsehsendung «Sing meinen Song». Die wurde vor Corona aufgezeichnet und jetzt ausgestrahlt. Eine bessere Promo gibt es kaum. Und dann drückt die Welt den Pausenknopf.

Das wusste man am Anfang ja nicht. Aber klar ist es schade. Dass so eine Welle kommt, konnte man aber wirklich nicht erwarten. Ich hatte wohl noch nie so viel Aufmerksamkeit wie aufgrund dieser Sendung. Ich hatte aber wirklich auch so genug zu tun. Ich bin gerade noch umgezogen. Da war ich voll absorbiert mit Packen, Zügeln und Einleben. Es ist für mich auch eine neue Situation: Ich habe lange alleine gelebt, und jetzt bin ich mit einer Freundin und ihrem Sohn zusammengezogen.

Sing meinen Song TV24 S1E6_Ritschi_Performance

Berührend: Ritschi singt bei "Sing meinen Song" "Chrieg i dim Chopf" von Steffe la Cheffe.

Dafür jetzt mit Garten.

Nein, den hatte ich schon vorher. Das ist ein Schrebergarten.

Wenn man ein ruhiges Jahr will, dann veröffentlicht man aber eigentlich auch keine EP.

Wir haben gedacht, für eine EP interessiert sich eh niemand.

Warum macht man sie dann?

Weil ich coole Songs hatte.

Aber die kann man ja aufsparen.

Für was?

Für ein Album.

Das habe ich ja jetzt (lacht). Einige der Lieder hatte ich schon bei «Härz Schritt Macherin» geschrieben, und sie passten entweder thematisch oder stilistisch nicht aufs Album. Ich fand die Songs aber immer super und wollte ihnen so noch etwas Freilauf geben. Dann sind während des Aufnahmeprozesses rasch neue Songs entstanden – teilweise auch aus alten Texten. Wir kamen so richtig in einen Flow.

Fällt Ihnen das Songschreiben lockerer jetzt?

Definitiv. An «Härz Schritt Macherin» haben wir zwei Jahre gearbeitet. An dieser Platte zwei Monate.

Weil Sie ihren Stil gefunden haben?

Ich habe vor allem mich selbst wieder neu gefunden. Und auch ein neues Selbstbewusstsein nach der langen Pause. Es war ein bisschen wie bei einem alten Auto, das man lange nicht mehr gestartet hat. Es dauert ein Weilchen, bis der Motor wieder läuft. Aber wenn er mal läuft, dann läuft er.

Dann flucht man doch vor allem drüber, dass man den Motor so lange nicht mehr gestartet hat.

Überhaupt nicht.

Also brauchte es die Pause?

Unbedingt. Ich habe mich ja in dieser Phase auch menschlich weiterentwickelt, und das schlägt sich in der Musik nieder. Die Musik ist immer ein Spiegel meiner selbst und zeigt, wo ich grad stehe.

Wenn Sie heute in den Spiegel sehen, was sehen Sie?

Ich sage es auch auf dem Album: Ich bin mittlerweile erwachsen.

Das sagt man aber eigentlich auch nicht so gerne.

Ich habe lange damit gehadert, mir das einzugestehen. Ich hatte zwar das Gefühl, dass ich erwachsen sein sollte, wollte es aber nicht werden. Jetzt habe ich Freude daran, erwachsen zu sein. Und wenn ich mit Zwanzigjährigen am Tisch sitze, merke ich, dass ich an einem ganz anderen Punkt stehe als sie. Ich will nicht mehr dahin zurück.

Nie?

Nein, wirklich nicht. Ich vermisse vielleicht manchmal den Ausgang mit meinen Freundinnen. Aber dann vermisse ich das Tanzen und nicht den Absturz, der oft damit verbunden war. Heute finde ich gerade die Klarheit geil. Ich bin geerdeter und spüre mich besser.

Wo zum Beispiel?

Nach meinem Konzert am Gurtenfestival 2018 hat mir jemand gesagt, dass er mich noch nie so unsicher gesehen habe. In Wahrheit habe ich mich noch nie so sicher gefühlt. So konnte ich all die Unsicherheiten zulassen. Vorher habe ich jede leere Sekunde, jede Pause mit Witzchen und Moderationen überspielt, um der Unsicherheit keinen Platz zu geben.

Wann haben Sie diesen Punkt erreicht?

Wohl erst mit diesem Album.

Warum?

Auf dem letzten Album habe ich noch Rücksicht genommen auf andere.

Zum Beispiel?

Etwa mit der Wut. Ich habe auf «Härz Schritt Macherin» der Wut ganz bewusst keinen Platz gegeben. Ich wollte ihr keinen Raum geben und diese Phase im Verarbeitungsprozess einfach überspringen. Ich fand, dass Wut unsouverän wirkt.

Stimmt doch gar nicht.

Doch. Vielleicht ist es ein Genderding. Einen wütenden Mann versteht jeder. Der haut jetzt mal auf den Tisch. Wenn eine Frau wütend ist, dann gilt sie schnell als Furie. Eine wütende Frau gilt als hysterisch. Der spricht man jede Kompetenz ab.

Ist es nicht einfacher, einen wütenden Song zu schreiben? Da geht man doch einfach raus und schreit ein bisschen rum.

Als Teenie war ich wütender. Das drückte sich auch im aggressiveren Rap aus, nicht unbedingt im Text, aber in der Betonung. Dafür konnte ich mir die Trauer damals nie eingestehen. Ich habe auch traurige Musik verachtet und dachte oft: «Hey, hör uf zu gränne». Und dann mache ich ein Album, auf dem ich ständig nur «rumgränne».

Vielleicht ist dies das Erwachsenwerden.

Vielleicht.

Ihr aktuelles Album heisst «PS:». Das ist immer das Letzte, das man unter einen Brief schreibt. Ist das jetzt auch ein Abschluss, und man hört bald eine neue, andere Steff?

Ja. Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht. Bei «Härz Schritt Macherin» und «PS:» geht es ja eigentlich ums gleiche Thema: die unerfüllte romantische Liebe. Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass ich dafür maximal ein Album brauche (lacht). Dann hat sich herausgestellt, dass ich noch nicht alles gesagt habe. Ich will dieses Kapitel jetzt endlich mal beenden.

Aber unerfüllte Liebe schreibt noch gute Musik, oder?

Das mag stimmen. Aber ich habe das jetzt sehr ausgiebig thematisiert. Mehr vom Gleichen reizt mich nicht. Ich suche immer eine neue Herausforderung.

Was wäre mehr vom Neuen?

Ich habe den Humor entdeckt, und ich breche öfter die Regeln und die Form. In letzter Zeit habe ich viele Gedichte geschrieben. Auch solche, die sich nicht um Reimformen scheren. Also da sind noch Reime drin, aber sie leben nicht mehr vom Reim. Bei Gedichten kann ich mehr spielen als beim Rap, kann Gedanken angedacht lassen und muss nicht immer alles erklären.

Wer liest die Gedichte?

Im Moment niemand.

Und was erzählen Sie uns auf dem nächsten Album?

Ich habe schon ein paar Ideen. Ich bin aber auch zu abergläubisch, um das jetzt alles schon zu verraten. Ich glaube, dass es Unglück bringt, wenn man alles schon erzählt.

Aber so ein bisschen: Was erwartet uns? Ein Album oder eine EP? Oder eine EP, die zu einem Album auswuchert?

Ich weiss es wirklich nicht. Ich habe lange mit meinem Label gesprochen. Eigentlich hören die Menschen ja gar keine EP oder Alben mehr, sondern Songs. Mein Ziel wäre es, dass man wieder die Neugier und den Hunger auf neue Musik herstellen kann, die ich früher hatte, wenn eine Platte von einem meiner Lieblingsmusiker erschienen ist. Das macht man heute aber wohl nicht mehr mit dem Format Album.

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