Es ist «Whole Lotta Love», die diesem grossgewachsenen, langhaarigen Mann entgegenschwappt, als er am Sonntagabend die Bühne betritt. Robert Plant wird auf dem Lörracher Marktplatz von 4800 Menschen frenetisch begrüsst. Nicht wie ein Rock-Star, sondern ehrfürchtiger, wie ein Rock-Gott. Immerhin hat Plant als Sänger von Led Zeppelin den Stadionrock erfunden und den Mythos bewahrt. Er hat Geschichte geschrieben und Geschichten, wie jene vom «Stairway to Heaven».

Für all das gebührt ihm Respekt, ebenso für seine Haltung, mit der er seit der Stillegung der Supergruppe (1980) weitermacht. Er schlägt Angebote für Welttourneen aus (200 Millionen Dollar sollen schon geboten worden sein) und geht lieber seinen eigenen Weg, auf dem er seine musikalischen Wurzeln mit Weltmusik verknüpft.

Doch auch wenn er den Zeppelin im Hangar geparkt hat, heisst das nicht, dass er ihn gar nicht mehr aufsteigen lässt. Das Konzert eröffnet Plant mit dem «Lemon Song», einer herrlich lasziven Bluesnummer vom zweiten Zeppelin-Album. Im schnellen Rock’n’Roll-Mittelteil schüttelt Plant den Schellenring und seine Locken. «Squeeze me baby, ’till the juice runs down my leg» singt er, und das wirkt keineswegs peinlich. Denn der Mann, der in drei Wochen seinen 70. Geburtstag feiert, ist in beneidenswerter Verfassung, nicht nur physisch, wie sein körperbetontes T-Shirt erahnen lässt, sondern auch gesanglich.
Seine Stimme ist ausdrucksstark und durchdringend, die Intonation sitzt so gut wie die Lederhose. Und Klassiker wie «Babe I’m Gonna Leave You» singt er so hinreissend und mitreissend wie vor 50 Jahren.

Dass Robert Plant alles andere als altbacken wirkt, hat nicht nur mit seiner Vitalität zu tun, sondern auch mit seiner musikalischen Souveränität, seiner steten Lust auf Veränderung. Statt den sicheren Stillstand zu zelebrieren, sucht er immer wieder neue Kombinationen. Daran erinnert an diesem Abend nicht nur das Lied «Please Read the Letter», das er einst mit Jimmy Page schrieb und vor zehn Jahren mit der Bluegrass-Sängerin Alison Krauss neu auflegte.

Geliebte Welt- und Volksmusik

Ein herausragendes Beispiel liefert Plant mit «Black Dog». Das weltberühmte Rock-Riff wird von seiner sechsköpfigen Band The Sensational Space Shifters gespalten und mit obskuren Trip-Hop-Synthies unterlegt. Dadurch erhält das Stück eine zeitgenössischere Note, ohne dass dies bemüht oder aufgesetzt wirkt und an Kraft verliert.

Plant baut zwei gelungene Songs seines aktuellen Soloalbums «Carry Fire» ein, in denen hinter dem Folk und Blues auch seine Liebe zur orientalischen Musik durchschimmert, eine Liebe, die allerdings weniger stark zur Geltung kommt als in früheren Jahren. Eher zieht es Plant in den amerikanischen Süden oder in ein irisches Pub: Auffallend etwa, wie viel Raum die Fiddle derzeit einnimmt. Hm. Sagen wir mal: Geschmackssache.

Seine Liebe zur Volksmusik manifestiert sich aber auch im herrlichen Spiritual «Satan Your Kingdom Must Come» oder im wunderbar hippiesken Folksong «Going to California».
Doch all das heisst nicht, dass sein Konzert nur atemberaubend ist. Da bleibt noch etwas Luft nach oben. Das Traditional «Gallows Pole» etwa berührt nicht so wie in der dynamischeren Version von Led Zeppelin. Und dass Plant nach 100 Minuten das unverwüstliche «Whole Lotta Love» in ein Medley einklemmt – nun, das zeigt, dass Gott auch nur ein Mensch ist.