Was läuft eigentlich mit The Bianca Story? Nichts mehr, diese Basler Band ist Geschichte. Ihre Mitglieder aber sind noch immer aktiv: Keyboarder Fabian Chiquet und Sängerin Anna Gosteli haben kürzlich die erste Single ihres neuen Duos Chiqanne veröffentlicht. Das ist die Gegenwart. In der Zukunft gar spielt Elia Rediger. Der Sänger ist Teil einer Berliner Formation, die utopische Stimmung versprüht: Sie heisst Brigade Futur III.

Brigade bitte was?!

Richtig gelesen: Brigade Futur III. Dahinter stehen Berliner Musiker, zu denen sich auch Elia Rediger zählen kann, seit er seinen Lebensmittelpunkt in die deutsche Hauptstadt verlegt hat. Den Austausch mit anderen Musikern pflegt er schon länger: 2017 brachte er am Theater Bern das Stück «Oh Boyoma» auf die Bühne, das er mit Künstlern aus der Demokratischen Republik Kongo entwickelt hatte. Und ein Jahr zuvor lud er mit der Basel Sinfonietta zur Uraufführung seiner LSD-Oper «Oh Albert».

Politisch konnotierter Inhalt

Rediger scheint Gefallen gefunden zu haben an Grossformationen. Denn das neue Musikprojekt Brigade Futur III vereint sagenhafte 18 Leute. Eine Bigband, auch, wenn man sich die Besetzung anschaut: 13 Blasinstrumente vereint, Flöten, Klarinetten, Saxofone, Trompeten und Posaunen. Spielvereinigung Sued heisst dieses Ensemble aus Leipzig, das den Jazz-Saxofonisten Benjamin Weidekamp für ein gemeinsames Projekt angefragt hatte. Weidekamp unterhielt sich mit gleichgesinnten Individualisten, wodurch das Projekt Formen annahm und einen inhaltlichen, politisch konnotierten Kern erhielt. «Am Anfang waren Gespräche», sagt Elia Rediger im Ferngespräch. Über den Zustand der Welt, über die Auswüchse des Kapitalismus und über die Möglichkeiten jedes Einzelnen, dem etwas entgegenzuhalten.

Von Jean Ziegler bis Frank Zappa

Nebst Weidekamp und Rediger bilden noch Seeed-Posaunist Jérôme Bugnon und Produzent Michael Haves den Kern der Band. Einer Band, die sich grosse Gedanken über die Zukunft gemacht hat. So hat Rediger zum Beispiel Texte von Jean Ziegler gelesen, diese auseinandergenommen und neu collagiert: «Schokoladenlied» heisst ein Resultat davon, das von Ziegler wie auch Brecht/Weill inspiriert zu sein scheint, als melancholischer 6/8-Takt-Swing beginnt, furios an Fahrt gewinnt und schlagkräftige Zeilen enthält wie «Was ist schon braunes Gedankengut, wenn es so lecker schmecken tut?»

Schokolade. Ein Beispiel für die Widersprüche, mit denen unsere westliche Gesellschaft lebt, wie Rediger am Telefon ausführt: Die Schokolade sei doch so günstig, weil auf den Kakaoplantagen modernes Sklaventum herrsche und die Waren, denen wir als Heimat von Firmen wie Nestlé unseren Wohlstand verdanken, dadurch künstlich verbilligt würden. Die Auswüchse der Konsumgesellschaft, sie lassen Rediger und seine Berliner Musikerfreunde nicht in Ruhe. Er nennt auch die in Plastik verpackte Gurke im Supermarkt als Beispiel.

Lustvolle Musik, kritische Texte

Die Auseinandersetzungen mit dem «Raubtierkapitalismus» führten zur Erkenntnis, dass man sich selber ermahnen müsse. «Wir stellten fest, dass wir dazu Musik machen wollen.» Aber: «Man muss solche Themen mit Spass vermitteln», sagt Rediger. Eine Aussage, die uns hier in Basel an seine Kandidatur fürs Basler Regierungspräsidium erinnert: 2012 brachte er eine unterhaltsame Politikkampagne zur Aufführung.

Musikalisch hört sich die Brigade, die sich als offenes Kollektiv versteht, auf schön-spannende Weise irritierend und aufwühlend an. Rediger trumpft mit seinem herrlichen Bariton auf, pendelt mit der Band zwischen Jazz und Neuer (Pop-)Musik, zwischen Max Raabe und, ja, Frank Zappa. Dessen stilistische Vielfalt sowie pointierte und politische Texte habe er immer bewundert, so Rediger.

«Wenn die Künstler nur noch depressiv sind, ist auch niemandem geholfen», sagt der Sänger. Also versuchte die Combo, sich eine neue Zukunft zu denken, daher rührt der Name Brigade Futur III. «Wir Menschen sind völlig überfordert damit, im Jetzt zu handeln. So kamen wir auf die Futur-III-Form, worin wir ein Ereignis in der Zukunft planen, damit sich in der nächsten Zukunft was ändern kann.»

Womit sich auch der wunderbare Titel des Albums erklärt: «Alles wird gut gegangen sein werden.» Aber mal im Ernst: Damit will diese Brigade doch den Schulunterricht entern! Darauf angesprochen, lacht Rediger. Denn tatsächlich sei nach einem Konzert an einem Jazzfestival ein Duden-Mitarbeiter aufgetaucht und habe gesagt, er wolle den Plattentitel als Beispielsatz reinnehmen.

Den Rahmen sprengt die Band auch oft in den Klubs, in denen sie auftritt. Am Freitag etwa werden alle 18 Musiker auf der Bühne des «-tis» vereint sein, zur Schweizer Albumtaufe. «Wo ich selber stehen werde, weiss ich auch noch nicht», sagt Rediger. «Auf jeden Fall werden die Leute unser Konzert hautnah erleben.» Das dürfte nicht übertrieben sein.

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Schweizer Plattentaufe: Atlantis Basel, Freitag, 27. April, 21 Uhr.
Album: «Alles wird gut gegangen sein werden» (WhyPlayJazz/Irascible)

Weitere CH-Konzerte: 28. April, Helsinki Zürich; 29. April, bee-flat, Bern.