Klassik

Haydn-Marathon über 18 Jahre startet in Basel

Konzentration und vitales Spiel: Giovanni Antonini und «Il Giardino Armonico» hauchen Joseph Haydn neues Leben ein. Benjamin Pritzkuleit

Konzentration und vitales Spiel: Giovanni Antonini und «Il Giardino Armonico» hauchen Joseph Haydn neues Leben ein. Benjamin Pritzkuleit

Der Abend in der Martinskirche in Basel war viel mehr als ein Konzert: Zum Start des Projekts «Haydn 2032» wurden in Basel drei Sinfonien vorgestellt - weitere 104 folgen.

«Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.» Original ist er geworden Joseph Haydn, (1732–1809), der Hofmusiker auf dem Landsitz der Fürstenfamilie Eszterházy. Er revolutionierte die Sinfonie als eigenständige Form. Nur müssen die Sinfonien so gespielt werden, dass das Neue, Lebendige hörbar wird.

In einmaliger Weise gelingt dies dem italienischen Dirigenten und Barockspezialisten Giovanni Antonini mit seinem Ensemble «Il Giardino Armonico». Schon die CD mit Haydns Sinfonien 1 in D-Dur, 39 in g-Moll und 49 in f-Moll «La Passione» hat begeistert. Noch lebendiger aber werden die drei Sinfonien, wenn wir sie live hören. Wir erleben, wie sie im Moment entstehen, wie Haydns Musik pulsiert, wie sie Antonini – leidenschaftlich und zugleich präzis dirigierend – vorzeichnet. Er führt die Klänge im Finalsatz der Sinfonie Nr. 39 in dunkle, die Erde erschütternde Tiefen. Dann trägt er die Musik im bezaubernden, im gehenden Andante gleichsam auf Händen. «Il Giardino Armonico» spielt in historisch richtiger Aufstellung, die Geiger und Bratschisten stehen, entfalten so ihre Ausdruckskraft, gehen im Spiel mit ihren Körpern mit, artikulieren prägnant. Enorm ist die Dynamik. Die Oboen können flirten, die Hörner die Welt erschüttern.

Es ist ein neuer Haydn, den wir hören. Ein Haydn voller Spannung, der alles in seine Musik gebracht hat, was Leben heisst, von der betörenden Schönheit bis zu menschlichen Abgründen. Dabei zeigt sich Haydns Genialität schon in der ersten Sinfonie von 1757.

Alle Sinfonien bis 2032

Der Abend in der Martinskirche in Basel war jedoch viel mehr als ein Konzert: Zum Start des Projekts «Haydn 2032» lud die gleichnamige Stiftung zur Haydn-Nacht «La Passione» ein. Bernhard Lassahn las seinen in Briefform formulierten und im CD-Buch veröffentlichten Essay «Leidenschaft» über Haydn, seine Zeit und seine Bedeutung. SRF2-Musikredaktorin Annelis Berger führte im Gespräch mit Antonini und dem Musikwissenschafter Christian Moritz-Bauer in die Welt des stilbildenden Komponisten der Wiener-Klassik. Haydns Satz über seine Originalität stellte sie an den Anfang des Abends.

«Mozart-Musik ist melodiöser und populärer, diejenige Haydns ist komplexer», sagt Antonini. Haydns komplexe Musik stellt aber an die Orchester höchste Ansprüche. Mittelmässigkeit deformiert sie zum Belanglosen.

Die von Kulturmanager Christoph Müller initiierte Stiftung «Haydn 2032» will uns bis zum Jahr 2032 – Haydns 300. Geburtstag – alle 107 Sinfonien neu hören lassen: auf CD und in Konzerten. Antonini studiert die früheren mit «Il Giardino Armonico» und die späteren mit dem Kammerorchester Basel ein. Es wird die erste Gesamtausgabe auf historischen Instrumenten werden. Haydn braucht geradezu die Beweglichkeit, die Agilität, über die allein die alten Instrumente verfügen.

Es ist ein riesiges, mutiges, aber notwendiges Unternehmen, das ganze
18 Jahre dauern wird. Der heute 49-jährige Giovanni Antonini wird dann im Alter von 67 Jahren die letzte Haydn-Ausgabe herausbringen.

Viel mehr, als in den Noten steht

Er wird sich seine Energie erhalten; gross ist die Leidenschaft für den Wiener Komponisten. Lassahn sagt: Wer Haydn spiele, müsse «etwas hinzufügen, was nicht in den Noten steht: Spielfreude!» Das tut «Il Giardino Armonico» beispielhaft. Zudem bringen Antonini und sein Ensemble zum Klingen, was hinter den Noten steht: Sie erzählen Lebensgeschichten.

Befruchtend war an der Nacht für Haydn auch der Vergleich seiner Sinfonien mit Christoph Willibald Glucks Ballettmusik «Don Juan». Die musikalischen Sprachen sind sich verwandt, das zeigt gerade die Ähnlichkeit von Don Juans Sturz in die Hölle mit dem schauerlichen Finale der 39. Sinfonie.

Im Mai folgt der zweite Teil des Projekts mit der Sinfonie «Der Philosoph», der 22 in Es-Dur im Zentrum.

Joseph Haydn La Passione, Giovanni Antonini, «Il Giardino Armonico», Haydn 2032, No. 1; www.haydn2032.com

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