1956 war ein epochales Jahr der Musikgeschichte. Das Jahr, als Elvis Presley den kommerziellen Durchbruch schaffte und Rock ’n’ Roll seinen weltweiten Siegeszug antrat. Sein Debütalbum erreichte die Spitze der amerikanischen Charts und blieb dort zehn Wochen lang.

Doch einer war in diesem wegweisenden Jahr noch erfolgreicher: Harry Belafonte. Sein Album «Calypso» mit dem Hit «Banana Boat Song» und dem markanten «Day-O» übertrumpfte den King um ein Mehrfaches. 31 Wochen lang war es an der Chartspitze und das erste Album in der Popgeschichte, das sich in einem Jahr über eine Million Mal verkaufte.

Der Kontrast hätte nicht grösser sein können: hier der rebellische, sexuell aufgeladene Elvis, dort der harmlose Feelgood-Song von Harry Belafonte. Doch «Banana Boat Song» ist nur vordergründig harmlos. Vielmehr ist er ein jamaikanisches Volkslied, ein klagender Work Song, der das harte Leben der Hafenarbeiter thematisierte, die in harten Nachtschichten Bananen, damals das wichtigste Exportgut Jamaikas, auf Frachtschiffe verladen mussten. Der einzige Lichtblick war der anbrechende Tag: «Day-O». Ein Work Song über Ausbeutung, Sorge, Hoffnung – und den Wunsch nach Freiheit.

Harry Belafonte ist am 1. März 1927 im New Yorker Stadtteil Harlem in ärmlichen Verhältnissen geboren. Einen Teil seiner Jugend verbrachte er aber in Jamaika, der Heimat seiner Mutter. Nach dem Militärdienst betätigte er sich als Schauspieler und Jazzsänger. In den frühen 50er-Jahren entdeckte er die Kraft von Folk Songs und betrachtete sie schon damals als Mittel zum sozialen Wandel.

Harry Belafonte - "Banana Boat Song (Day O)" - 1956

Harry Belafonte - "Banana Boat Song (Day O)" - 1956

 

Lieder als Nachrichtenquelle

Calypso ist die Volksmusik der Schwarzen der Karibikinsel Trinidad und Tobago – und alles andere als harmlos. Die Lieder schufen einen Raum für freie Meinungsäusserung. Sie dienten nicht nur der Unterhaltung, vielmehr waren sie auch ein Kommunikationsmedium und eine von korrupten Politikern gefürchtete Nachrichtenquelle.

In der Heimat des Calypso waren zunächst nicht alle von den kommerziellen Versionen des Amerikaners begeistert. Umgekehrt machte Belafonte die Musik aus der Karibikinsel in der Welt populär und er blieb, was die gesellschaftliche und politische Relevanz betraf, in dessen Tradition. Belafonte widmete sich schon in jungen Jahren politischen Themen und beklagte in seinen Songs soziale Ungerechtigkeiten. Ob «Banana Boat Song» oder seine weiteren Hits «Island In The Sun» (1957) oder «Matilda» (1953). «Wenn du Harry Belafonte magst, dann machst du eine politische Aussage», sagte der Sänger selbst.

In den 60er-Jahren wurde Belafonte ein wichtiger Aktivist der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. War Berater, Vertrauter und Geldgeber von Martin Luther King, kämpfte an der Seite von Nelson Mandela gegen die Apartheid, war Mitorganisator der Aufnahmesession von «We Are The World» und kritisierte als Unicef-Botschafter die Administration von George W. Bush mit scharfen Worten. Colin Powell nannte er den «Haus-Sklaven» der Administration und scheute auch nicht vor Kritik an Präsident Barack Obama.

Bissiger als Jay-Z

Belafonte ist bis ins hohe Alter ein Aktivist geblieben, bissiger als die meisten jungen Kollegen. Mit Jay-Z und Beyoncé legte er sich schon vor fünf Jahren an, als er ihnen vorwarf, dass sie ihre gesellschaftliche Verantwortung vernachlässigten. So war es der 90-jährige Belafonte, der am Tag nach der Inauguration von Präsident Trump zusammen mit der Frauenrechtlerin Gloria Steinem den «Women’s March auf Washington» organisierte.

«Es gibt heute keine Bewegung», sagte er in diesen Tagen der «New York Times». 50 Jahre nach der Ermordung von Martin Luther King sei die Situation kein bisschen besser als damals. Die schwarze Gemeinschaft sei stumm und lethargisch. Trump sei aus diesem Vakuum der Passivität entstanden. Gleichzeitig sei Trump ein Weckruf, der die liberale amerikanische Gesellschaft aufrütteln könnte. In seiner Anklage, seiner Wut schwingt immer auch Hoffnung auf bessere Tage mit. Wie damals im «Banana Boat Song».

Zum 90. Geburtstag: The Legacy of Harry Belafonte: When Colors Come Together, (RCA/Sony). Belafonte persönlich hat 18 Klassiker aus seinem Katalog ausgesucht. Dazu den bisher unveröffentlichten Titelsong, der von einem Kinderchor gesungen wird.