Open Air
«Happy Birthday, dear Paléo»

Das Festival in Nyon ist mit Superstar Robbie Williams in die 40. Ausgabe gestartet

Stefan Künzli
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Begnadeter Entertainer mit Schalk und Selbstironie: Robbie Williams am Paléo-Festival.

Begnadeter Entertainer mit Schalk und Selbstironie: Robbie Williams am Paléo-Festival.

Keystone

«Hello Switzerland. Are you with me? Then: Let me entertain you». In riesigen Lettern liess Robbie Williams das Motto seines Auftritts am Paléo Festival in Nyon auf die Leinwand projizieren und machte das, was er am besten kann: Unterhalten. Im schwarzen Frack, mit einer Frisur wie Xherdan Shaqiri, gut trainiert und offensichtlich in Form, bestätigte er seinen Ruf als begnadeter Entertainer mit Schalk und Selbstironie. «My name is Robbie Williams. I was famous in the 90ies», stellte er sich selbst vor. So mögen wir ihn.

Mit einer siebenköpfigen Band mit drei Bläsern und vier Sängern spielte er sich durch seine grössten Hits und animierte das Publikum zum Mitmachen. Dazu passten auch Mitgröl-Covers wie «We Will Rock You» und «I Love Rock ’n’ Roll», «Wonderwall» von Oasis, «Still Haven’t Found What I’m Looking For» von U2, «Minnie The Moocher» von Cab Calloway und «Bohemian Rhapsody» von Queen. Der 41-jährige Brite mimte Bruce Springsteen und wurde (natürlich) ausgebuht, als er einen Song von Justin Bieber anstimmen wollte. Nach einem Tenüwechsel vom Frack zum Männerrock machte er Céline aus dem Publikum eine Liebeserklärung und sang mit ihrem Daddy im Duett. Musikalisch kein Gewinn, aber immerhin sympathisch.

Als Entertainer erfüllt

Seinem Motto hatte Robbie Williams alles untergeordnet. Die Musik spielte eigentlich eine untergeordnete Rolle. Egal, dass die Bassdrum (wieder einmal) viel zu laut eingestellt war und manchmal sogar den Gesang übertönte, geschweige denn Feinheiten hörbar machte. Egal, dass Robbie im oberen Register Mühe bekundete, die Töne zu treffen (wird seine Stimme mit zunehmendem Alter tiefer?). «Happy Birthday, dear Paléo» stimmte er an und trällerte 40 000 Besucherinnen und Besucher in beste Laune. Als Entertainer hat Robbie erfüllt.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sich ein Schweizer Open Air einen Robbie Williams leisten kann. Superstars wie er werden in der Regel als Einzel-Act für Stadionkonzerte gebucht. Das Paléo Festival ist anders: Die Erfolgsgeschichte begann 1976 unter dem Namen «First Folk Festival», einem dreitägigen Hippie-Festival im Gemeindesaal von Nyon. Heute gehört es nicht nur zu den ältesten Open Airs der Schweiz, es ist auch das mit Abstand grösste. Für die 40. Ausgabe wurde es um einen Tag von sechs auf sieben Tage erweiter. Bei einem Budget von 27,5 Millionen Franken werden in dieser Woche insgesamt 270 000 Zuschauer erwartet.

Doch der Non-Profit-Organisation geht es nicht nur um Grösse. Das Festival bietet in 175 Konzerten auf sechs Bühnen auch einiges. Im Gegensatz zu überbuchten Open Airs wie dem Gurten Festival ist die Bewegungsfreiheit auf dem riesigen 84 Hektaren-Gelände aber gewährleistet. Es ist sogar möglich, sich vom Pegelstress zu erholen und sich etwas zurückzuziehen. Dazu gibt es unzählige kulinarische Köstlichkeiten aus aller Welt. Und das Publikum zeigt sich solidarisch: Vor dem Griechenland-Stand bildete sich die längste Schlange.

Der multi-kulturelle Gedanke ist wichtig, weshalb neben der frankophonen Ausrichtung die World-Musik einen besonderen Platz einnimmt. In diesem Jahr liegt das Schwergewicht auf neuen Sounds aus dem Fernen Osten. Das ist musikalisch spannend und womöglich sogar ergiebiger als Superstar Robbie Williams.

Aufschlussreich ist die Zusammensetzung des Publikums. Gut die Hälfte ist im Alterssegment zwischen 20 und 40 Jahren. Aber immer noch 16 Prozent sind über 50 Jahre alt. Das hat mit der musikalischen Ausrichtung zu tun, aber wohl noch mehr mit den Annehmlich- und Bequemlichkeiten. Im Vergleich zu anderen Open Airs bietet das Festival in der Waadt einen hohen Komfort.

Bei aller Attraktivität ist auch das Paléo Festival, wie die meisten Schweizer Open Airs, stark regional geprägt. Fast 90 Prozent der Besucher kommen aus der Romandie, nur gerade 3 Prozent sind Deutschschweizer oder Tessiner. Bei 270 000 Zuschauern sind das immer noch 8100. Nyon wäre eine Reise wert, doch so einfach ist das nicht. Das Festival ist schon lange ausverkauft. In der Rekordzeit von 52 Minuten waren alle Tickets weg.

40. Paléo Festival Nyon Bis zum 26. Juli. Offiziell ausverkauft. Weitere Highlights sind Sting, Joan Baez, Robert Plant und David Guetta. Tickets gibts noch über Ricardo.

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