Konzert
Guns N’ Roses im Letzigrund: Seelenlose Ordnung statt Sexappeal

Der Sexappeal von einst ist seelenloser Ordnung gewichen.

David Hunziker
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Guns 'n Roses im Letzigrund
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Guns 'n Roses im Letzigrund

Leserreporter

Ganz so einfach wie damals gehen Axl Rose die Zeilen nicht mehr über die Stimmbänder. Trotzdem beginnen Guns N’ Roses ihr Konzert im Zürcher Letzigrundstadion wie fast immer: mit «It’s So Easy», einem Song über ein unbeschwertes Rockerleben – noch ohne Geld, dafür mit sehr viel Sex und Kater. Der Song war auch die erste Single von «Appetite for Destruction» (1987 veröffentlicht), dem Debüt und düster-hedonistischen Meisterwerk der Band. Jetzt, dreissig Jahre später, zieht Rose zusammen mit den Gründungsmitgliedern Slash (Gitarre) und Duff McKagan (Bass) noch einmal um die Welt.

Mit Guns N’ Roses stand und fiel der späte Hard Rock: «Appetite for Destruction» war sein Höhepunkt, mit der gigantischen «Use Your Illusion»-Tour verglühte er Anfang der 90er-Jahre. Der Grunge löste den Hard Rock als Dreckschleuder des Pop ab. Und nun stehen Rose, Slash und McKagan wieder zusammen auf der Bühne und erweisen Chris Cornell, einem kürzlich verstorbenen Protagonisten des Grunge, die Ehre. Vor allem weil Rose auf eine sentimentale Ansage verzichtet, ist das Cover des Soundgarden-Klassikers «Black Hole Sun» ein Höhepunkt des Konzerts.

Sicherheitskontrollen vor dem Guns n' Roses-Konzert im Letzigrund
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Sicherheitskontrollen vor dem Guns n' Roses-Konzert im Letzigrund

SEVERIN BIGLER

Überhaupt war die nüchterne Haltung hinter dem Auftritt sehr angenehm – von der vergleichsweise unspektakulären Bühnenshow bis zum selbstironischen Tour-Titel «Not in This Lifetime ...». Weder zeigte sich darin ein verfehlter Anspruch auf Innovation noch ein Bedürfnis, das eigene Erbe übermässig zu zelebrieren. Doch für eine Band wie Guns N’ Roses, die erst im Modus des Exzesses, am Rand des Abgrunds, wirklich brilliert, hat diese Nüchternheit auch einen Preis.

Als Guns N’ Roses vor über zehn Jahren im Hallenstadion ihr letztes Konzert in der Schweiz spielten, kam die Band noch Stunden zu spät auf die Bühne. Trotz heillos zusammengewürfelter Band im Rücken wirkte Rose damals bissiger. Nun startete die Band pünktlich und spielte sich in über zweieinhalb Stunden solide durch alle ihre wichtigen Songs. Doch die Art, wie sie das tat, wirkte über weite Strecken seelenlos. Und die Seele von Guns N’ Roses hat viel mit Sex zu tun.

Als Axl Rose, dessen Künstlername ja ein Anagramm von «oral sex» ist, beim Stück «Mr. Brownstone» kurz seinen Mikrofonständer reibt, als würde er ihn masturbieren, blickt diese Seite kurz durch. Doch dieser aufgedunsene Körper, der immer wieder in einem neuen, feinsäuberlich zusammengestellten Outfit auf die Bühne trat, hat mit dem getriebenen Rabauken von damals, der für den Song «Rocket Queen» einst die Stöhngeräusche seiner Gespielin gleich live im Studio aufgenommen hat, nicht mehr viel zu tun.

Es war ein langes, majestätisches Gitarrensolo von Slash, das dem Konzert irgendwann nach der Hälfte doch noch einen Schub verlieh. Bezeichnenderweise konnte die Band mit zuckersüssen Stücken wie «Sweet Child O’ Mine», «November Rain» und «Knockin’ on Heaven’s Door» die intensivste Beziehung zum Publikum aufbauen. Für eine Zeit, in der Hard Rock nur noch im Retromodus möglich ist, war das ganz passend: Die Erinnerung an die einst grösste Rockband der Welt funktioniert als Ballade am besten.

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