Weltmusik

Giora Feidman: «Die Klarinette ist das Mikrofon meiner Seele»

Giora Feidman: «Für mich heisst Klezmer Musizieren aus dem eigenen Leib heraus.»

Giora Feidman: «Für mich heisst Klezmer Musizieren aus dem eigenen Leib heraus.»

Der berühmte Klezmer-Klarinettist Giora Feidman gastiert in Aarau, Rheinfelden und Boswil mit den Chaarts. Klezmer ist für ihn nicht nur jüdische Musik, sondern viel mehr, nämlich Musizieren aus dem eigenen Körper heraus.

Giora Feidman, Sie leben seit über 50 Jahren in Israel und bezeichnen zugleich Deutschland als Ihre zweite Heimat, wo Sie auch überdurchschnittlich viele Konzerte geben. Stecken Sie damit in einem politischen Dilemma?

Giora Feidman: Ach bitte, nicht schon wieder diese Frage nach Politik! Juden und Deutsche sind doch eine Familie und gehören auf jeden Fall zusammen. Das sage ich als Jude. Und schauen Sie auf die aktuelle Weltpolitik, schauen Sie, was etwa in Syrien gerade passiert. Da dirigiert der Hass, und das führt zu Krieg. Ich mag keinen politischen Hass auf Deutschland projizieren, und ich sehe auch keinen Grund dafür, die heutige Generation für die Taten ihrer Grossväter zu verachten.

Dann könnte man sagen, hinter Ihrer Verbundenheit mit Deutschland steckt eine Art politische Aufklärungsabsicht? Immerhin waren Sie es, der den Klezmer nach Deutschland zurückbrachte.

Nicht direkt, meine Absichten als Musiker sind übernational, sie beziehen sich auf die Gesellschaft als Ganzes. Aus Deutschland erhalte ich häufig Einladungen zu Konzerten mit Musik, die für gewöhnlich als Klezmer bezeichnet wird. Und diesen komme ich sehr gerne nach, weil ich mich den Menschen dort verbunden fühle. Giora Feidman ist in Deutschland Teil des kulturellen Lebens geworden, und das macht mich glücklich. Ich persönlich spüre dort heute keinen Antisemitismus.

(Quelle: Youtube.com)

Giora Feidmann live

Sind Sie denn nicht einverstanden mit dem herkömmlichen Sprachgebrauch des «Klezmer»-Begriffs?

Wissen Sie, was Klezmer heisst? Das Wort setzt sich zusammen aus «Kli» für «Gefäss» und «Zemer» für «Lied». Es bezeichnet ein instrumental gespieltes Lied. Aber was ist das «Gefäss», aus dem es klingt? Nichts anderes als unser eigener Leib. Für mich heisst Klezmer also das Musizieren aus dem eigenen Körper heraus. Wenn man darunter nun ausschliesslich jüdische Musik versteht, halte ich das für eine unzulässige Einschränkung. Vielmehr trifft dies auf jede Art von Musik zu.

Demzufolge dürften Sie auch wenig Wert auf eine Unterteilung der Musik in einen «klassischen» und einen «populären» Bereich legen. Auch im aktuellen Programm «Liebesdinge» ist das erkennbar, wo beispielsweise Schönberg mit Gershwin und traditioneller «Klezmer»-Musik kombiniert wird.

Richtig, für mich macht diese künstliche Trennung von einzelnen Musikbereichen überhaupt keinen Sinn. Musik redet von Seele zu Seele, und als solche ist sie quasi ein Gebet ohne Religion. Jeder kann Musik verstehen, sie ist an keine Sprachkenntnisse gebunden, egal, aus welchem Bereich sie kommt. Und die Klarinette ist für mich eigentlich nur ein Hilfsinstrument, um meiner Seele Ausdruck zu verleihen, ich nenne sie darum das Mikrofon meiner Seele.

Kann man diese Art des Musizierens lernen?

Das Höchste, was mich meine Lehrer, allen voran mein Vater, gelehrt haben, war die Erkenntnis, aus mir selbst heraus zu musizieren. «Vermittle dich mit dir selber, vertraue auf deine innere Stimme» – so lautete die wichtigste Anweisung, die sie mir gaben. Das ist alles, und es ist auch gar nicht schwer. Giora ist kein spezielles Talent. Die Musik kommt ganz von alleine.

Aarau Kultur- und Kongresshaus, 24. Oktober, 19.30 Uhr.

Rheinfelden Kurbrunnenanlage, 25. Okt., 19.30 Uhr

Boswil Alte Kirche, 27. Oktober, 17 Uhr.

Karten online: www.ticketino.com oder unter 0900 441 441 (Fr. 1.–/Min.).

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