«Ich kann es nicht glauben, was hier abgeht. Das muss eine Verwechslung sein, ein Fake», schreit ein fassungsloser Faber und streift sich immer wieder durch sein unzähmbares Haar. Das Publikum am Konzert in Berlin kennt die Lieder des Schweizer Newcomers, singt mit, tobt, tanzt, schreit und will noch mehr.

Dabei war zuerst nur ein kleines Konzert vor 250 Leuten geplant. Doch die Tickets waren im Nu weg. Auch eine 400er-Halle genügte nicht. Schliesslich wurde das Konzert in die Columbiahalle für 850 Leute verlegt. Weil auch dieses Konzert Wochen im Voraus ausverkauft war, kommt es am 2. Mai zu einem Zusatzkonzert – doch auch das ist schon wieder ausverkauft. In Hamburg dasselbe Spiel. Köln, Würzburg, Augsburg ebenfalls ausverkauft. Seither gibt der Sänger täglich Interviews. Deutschland ist im Faber-Fieber und erlebt die Geburt eines neuen Popstars.

Fabers Song «Sei ein Faber im Wind» vom gleichnamigen Album

Fabers Song «Sei ein Faber im Wind» vom gleichnamigen Album

Hier in der Schweiz wird der 23-jährige Musiker seit einiger Zeit als grosses Talent und Versprechen für die Zukunft gehandelt. Trotzdem ist Faber bisher ein Insidertipp geblieben. Verrückt! Hier kann man ihn noch im intimsten Rahmen erleben. Wie im kleinen Royal in Baden, das Konzert am 26. Mai ist noch nicht ausverkauft.

Doch alles der Reihe nach. Faber ist vor 23 Jahren als Julian Pollina im Zürcher Seefeld geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Die Mutter Schweizerin, der Vater gebürtiger Italiener, Sizilianer. Die Musik spielte im Haus natürlich eine wichtige Rolle, denn sein Vater ist der bekannte Cantautore Pippo Pollina. Doch vorbestimmt war nichts. «Bis ich zwölf war, wollte ich wie alle anderen Fussballer werden und spielte bis dahin auch kein Instrument», sagt Faber. Erst danach entdeckte er die Musik für sich. Sammelte Auftrittserfahrungen in Restaurants und an Hochzeiten, anfangs auch mit italienischen Canzoni. Doch Faber betont: «Wir sind eine ganz normale Familie und kein Familienunternehmen.»

Von Anfang an war es Julian Pollina wichtig, nicht als Sohn des Cantautore, sondern als eigenständige musikalische Person wahrgenommen zu werden. Deshalb wählte er den Künstlernamen Faber (eine Kreuzung von Frischs «Homo faber» und dem Namen des Cantautore Fabrizio de André) und verschwieg zunächst sogar seine Herkunft.

Seine Karriere begann nach der Matur im Sommer 2013 im Garten von Sophie Hunger, wo er ihr in einer Privataudienz ein paar Songs vorspielte. Die Liedermacherin war so begeistert, dass sie den unbekannten Jüngling gleich in ihr Vorprogramm aufnahm. Als Solist oder im Duo mit dem extrovertierten Toggenburger Posaunisten und Schlagzeuger Tillmann Ostendarp, der ihn heute noch begleitet und der für den Bandsound eine prägende Rolle spielt.

Danach ging es Schlag auf Schlag: Management, Booking-Agentur und Plattenfirma klopften an, Faber spielte im letzten Jahr rund 150 Konzerte, unter anderem im Vorprogramm von Hunger, der gefeierten Deutschband AnnenMayKantereit und der hippen österreichischen Band Wanda.

Faber kann immer noch nicht glauben, was momentan mit ihm geschieht: «Es ist krass, überwältigend und unfassbar.» Er nennt das Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort die richtigen Personen getroffen zu haben. Vielleicht auch etwas Talent. Und das Rezept? «Spielen, spielen, spielen. Uns treibt eine unbändige Lust am Musikmachen», sagt Faber.

Akustik-Punk für Mädchen

Zweifellos profitiert Faber vom aktuellen Hype um den Deutschpop von Andreas Bourani, Kraftklub, Cro, Adel Tawil und Konsorten. Dass der grosse Durchbruch erstmals einem Schweizer Popsänger mit hochdeutschen Texten gelingt, ist aber doch erstaunlich. Denn vor Faber hat das ausserhalb der Schlagerszene noch kein Pop- oder Rocksänger geschafft. Polo Hofer hätte in einem helvetischen Hinterwäldler-Deutsch singen müssen, als sein «Kiosk» in die deutschen Charts gelangte. Andere floppten gnadenlos: Stephan Eicher im Schlepptau von Grönemeyer oder zuletzt Baschi. Wieso klappt’s jetzt bei Faber?

Fabers Song «Wer Nicht Schwimmen Kann Der Taucht» (2016)

Fabers Song «Wer Nicht Schwimmen Kann Der Taucht» (2016)

Vielleicht, weil er eine andere Schweiz repräsentiert und gar nicht erst versucht, Erwartungshaltungen und Klischees von Schweizern zu bedienen. Faber singt in akkuratem, astreinem Hochdeutsch ohne jegliche Helvetismen. Der Sound rumpelt. «Akustik-Punk für Mädchen» nennt er seine Musik. Die Melodien sind zwar eingängig, manchmal melancholisch oder sogar lieblich, umso derber und herber die Texte. Bitterbös, frech, direkt und ungeschminkt singt er mit seinem Reibeisen-Bariton: «Wenn du dann am Boden bist, weisst du, wohin du gehörst.» Oder: «Ich will dich vergessen. Aus meiner Welt löschen. Sonst schiess mich halt tot.» Oder: «Einer von uns beiden war ein Arschloch. Und das warst du.» Oder zynisch: «Sei eine Fahne im Wind. Eine Stimme im Chor. Nur die wirklich blöden Fische schwimmen gegen den Strom.»

Nicht der brave Schweizer

Scharfsinnig, klug und manchmal poetisch skizziert der leidenschaftliche Sätzesammler die Dilemmas und Widersprüche seiner Generation: «Bleibe dir selbst nicht treu» oder «Ich will kein Stück vom Kuchen. Ich will die ganze Bäckerei.» Dabei schreckt er auch nicht vor kluger Gesellschaftskritik zurück: «Zürich brennt nicht mehr, Zürich kauft jetzt ein.» Faber entspricht eben nicht dem Bild des netten, artigen Schweizers und unterscheidet sich hier auch von den doch eher braven, anständigen und belanglosen Vertretern des aktuellen Deutschpop wie Bourani oder Adel Tawil.

Schweizer gelten als eher zurückhaltende Menschen, die ihre Emotionen im Griff haben. Faber dagegen ist eine Rampensau, ein Bühnentier mit Hang zum Drama. Seine Stimme jammert, überschlägt sich, faucht und bebt leidenschaftlich, sehnsüchtig. Faber kennt keine Zurückhaltung und erlebt seine Musik auch physisch. Er gibt alles von sich. Das südländische Temperament bricht mit ihm durch.

«Alle haben mir gesagt, wie schwierig es ist, als Schweizer in Deutschland Fuss zu fassen», sagt Faber. Dabei stehen sich die Schweizer meist selbst im Weg. Schweizer hätten «viel zu viel Respekt». «Uns fehlt das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, uns auf Hochdeutsch zu artikulieren», sagt er. Faber fühlt sich als Schweizer, vertritt aber eine Generation, die viel unverkrampfter mit der Schweizer Identität umgeht. Es ist eine Schweiz ohne Komplexe und Minderwertigkeitsgefühle. Faber macht’s, Faber zeigt’s, Deutschland liebt’s.

Und die Schweizer? «Vielleicht mögen sie meinen Sound ja einfach nicht», sagt er halb fragend und für einmal unsicher. Wir können seine Bedenken beruhigen: Schon bald wird es für Faber auch hier abgehen. Und wie! Wetten?