Claudio Abbado
Gedenkkonzert für Claudio Abbado: Tränen im KKL

Lucerne Festival widmete dem im Januar verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado ein Konzert «in Dankbarkeit». Niemand, der dabei war, wird diese zwei Stunden je vergessen.

Christian Berzins
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Musizieren ohne Dirigent: Das Lucerne Festival Orchestra am Sonntagnachmittag.

Musizieren ohne Dirigent: Das Lucerne Festival Orchestra am Sonntagnachmittag.

Georg Anderhub

Wie war das Konzert? An diese belanglose Frage, auf die hier bisweilen so geantwortet wird, als ob sie tatsächlich beantwortbar wäre, dachte nach dem Gedenkkonzert für Claudio Abbado im Luzerner KKL niemand. Es war viel mehr als ein normales Konzert.

Die Stille zum Schluss, die Stille zwischen den Werken, die Tränen in den Augen der Zuhörer und der Musiker – all das waren kleine äussere Zeichen einer die Seelen in Aufruhr versetzender Zauberstunde. Das Konzert war ein Geschenk für einen Magier, der uns am 15. Januar 2014 verlassen hat. Oder war es sein letztes Geschenk ans Lucerne Festival beziehungsweise an die Stadt Luzern, der sich der Italiener so tief verbunden fühlte?

Musizieren ohne Dirigent

Am Montag hätte dieser Claudio Abbado am vorösterlichen Lucerne Festival dirigieren sollen. Nach seinem Tod fand Luzern keinen, der an seiner Stelle auf dem Podium stehen wollte oder konnte. Verständlich. Wie will man einen Dirigenten ersetzen, für den es keinen Ersatz gibt? Das Konzert fiel aus, doch für ein Gedenkkonzert, das «Claudio Abbado in Dankbarkeit gewidmet» war, kamen die Musiker des Lucerne Festival Orchestra am Sonntag dennoch aus aller Welt in Luzern zusammen. Konsequent spielte man zu Beginn das Allegro moderato aus Schuberts «Unvollendeten» ohne Dirigent.

Es war sekundär ein optischer Effekt, primär aber eine musikalische Geste von Abbado-Freunden. Dieses Musizieren ging so weit über ein Notenspielen hinaus, dass wir an Knut Hamsuns Worte aus «Mysterien» dachten, wo der bis zum Wahnsinn verliebte Nagel seiner angebetenen Dagny sagt: «Es ist gerade so, als gingen Engel durch meine Seele und sängen ein Lied.»

Dem Andenken eines Engels

An Applaus dachte niemand, und auch als Abbado-Freund Bruno Ganz darauf Hölderlin rezitierte, blieb es still im ausverkauften KKL. Erst nach Alban Bergs Violinkonzert «Dem Andenken eines Engels» wollte sich das Publikum etwas befreien und die Solistin Isabelle Faust beklatschen. Es war kein Jubel, sondern ein Dankesagen. Das Finale aus Gustav Mahlers 3. Sinfonie wurde schliesslich dank Dirigent Andris Nelsons zu Abbados Luzerner Requiem – mitsamt Anrufung des ewigen Lichtes. Es war jene Sinfonie, die Abbado im August 2007 in Luzern zum Glühen und das KKL zum Beben gebracht hatte.

Abbados Orchester behielt trotz Nelsons seinen ungestümen Charakter, folgte aber dennoch den Ideen des Fremdlings. Dieses kaum für möglich gehaltene Zusammengehen machte den Abend zum Wunder. Nelsons zeigte, dass es für das orientierungslose Lucerne Festival Orchestra, für Abbados Orchester, eine Zukunft geben kann. In Mahlers D-Dur duftete das Glück wie der Frühling in einem neuen Blatt. Die Früchte wird man im Sommer sehen und hören können.

Soweit dachte am Sonntag niemand. Alle Gedanken waren in der Vergangenheit – bei Claudio Abbado.

TV: Aufzeichnung: 12. 4., 12.25 Uhr, SRF 1.

http://www.srf.ch/player/tv/sternstunde-musik/video/gedenkkonzert-fuer-claudio-abbado?id=449f82ab-d618-430d-b82d-0cf6854e0bbc

Nelsons dirigiert bereits am Samstag 12.4. wieder in Luzern: Parsifal, 3. Aufzug mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Karten: www.lucernefestival.ch

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