Lady Gaga ist eine Pop-Diva mit schillernden Facetten. Aber ist sie eine Jazz-Grösse? Auf diese Antwort war man in Montreux am Montagabend neugierig. Erstmals in der erst vier Tage alten 49. Ausgabe des Jazz Festivals herrschte Aufregung, für die in den letzten Jahren etwa der exaltierte Funk-König Prince oder Soul-Gentleman Leonard Cohen zu sorgen wussten. Ein gelungener Abend wurde erwartet: Die junge Stefani Germanotta hatte sich bereits in kleinen Bars am Piano bewiesen, bevor sie sich in die leinwandgrosse Lady Gaga verwandelte und als Pop-Diva gross durchstartete. Aber seit dem letzten Album «Art-Pop» durchlebt sie eine kreative Krise.

Blutauffrischung

2014 nutzte ein Grandseigneur des Gesangs Lady Gagas grossen Namen. Die beiden veröffentlichten das Album «Cheek to Cheek». Es war nicht das erste Mal, dass Tony Bennett sich mit einer Blutauffrischung in die Charts duettierte. Der letzte lebende USCrooner – vor drei Jahren noch solo mit Orchester am Genfersee gefeiert – lud auch Beyoncé zum Song «Telephone» ins Studio. Erfreulich, dass er derzeit mit der umstrittenen Lady Gaga tourt. Zumal Frank Sinatra ihn mal den «besten Sänger» nannte. Puristen mögen darüber die Nase rümpfen, doch das Montreux Jazz Festival foutiert sich seit je um Normen und das «comme il faut». Jazz goes Rock goes Pop goes Blues. Anything goes!

«Anything goes» hiess auch der Auftakt aus dem rund 30 Lieder starken Set, das sich aus dem Great American Songbook alimentierte. Und der 88-jährige Tony Bennett sowie die 29-jährige Lady Gaga überbrückten den Generationenunterschied wunderprächtig! Als Paradiesvogel tänzelte sie charmant und Aufmerksamkeit heischend um die bescheiden wir-kende Legende – und wie sangen sie doch: Musik führt unweigerlich zu Romantik! Ihre zahllosen Fans erfreute Lady Gaga, indem sie sich achtmal in neue Kostüme stürzte: Sie zeigte viel Haut und Tattoo, Netz und Pailletten, sie setzte auf Silber, Schwarz und Rot. Sehr sexy, während der weisse Kittel von Tony Bennett zwei Nummern zu gross schien. So what!

Man soll als «Elder Statesman» die Früchte schliesslich ernten, solange sie reif sind. Und da Judy Garland, Amy Winehouse, Frank Sinatra oder Count Basie – frühere prominente Gesangespartner des leidenschaftlichen Anthony Dominick Benedetto – schon lange das Zeitliche gesegnet haben, konnte das nur vordergründig so disparate New Yorker Duo Gaga & Bennett jetzt live beweisen, dass sein 2014er-Werk «Cheek to Cheek» – Bennets 57. Album – kein Fauxpas war.

Höhepunkt des sehr unterhaltsamen Abends war das von Lady Gaga in Französisch geschmetterte «La vie en rose» im rosa Kleid. Dank hochtoupiertem Dutt und hohen Hacken überragte sie ihren Duettpartner zwar körperlich. Stimmlich blieb Gaga anfangs nicht über alle Zweifel erhaben, sie zeigte nur wenig Bandbreite, aber immerhin viel Stimmwucht. Doch sie steigerte ihren Gesang zusehends, auch dank ihres Egos von der Konsistenz eines Hefeteiges.

Skandale, immer wieder

Das ist für einmal wenig skandalös im Leben der ewigen Provokateurin, die mit Fleischkostümen, sexuell anzüglichen Videos und chronischem Kiffen ihre Fans und die Konkurrenz zu neuen Grenzüberschreitungen herausforderte. Sie ist halt «Born this Way», eben so geboren, wie sie ihr 2011er-Album nach dem Debüt «The Fame» (Ruhm, 2008) lapidar betitelte.

Ruhm und Ego – Lady Gaga designt ihr Leben nach der Maxime von Flaubert: kein Tag ohne Big Buzz! Die Medien folgen ihr, 2011 kürte sie das Magazin Billboard gar zur «besten Künstlerin». Kritiker monierten stets, sie sei nur ein Abklatsch von Madonna. Doch an Jazz-Standards hat jene sich nie gewagt. Wohl aus gutem Grund. Anders La Gaga: In höchsten und fröhlichsten Tönen sang sie mit Bennett «It don’t mean a Thing (if it ain’t got that Swing)» sowie «Let’s Face the Music and Dance»! Tatsächlich, das machte die Menschen doch zu allen Zeiten und zumal jeweils am Montreux Jazz Festival immer glücklich: Swing and Dance.