Ende der 70er-Jahre gab es keine coolere Band als Blondie. Mühelos schaffte die Gruppe um Sängerin Debbie Harry den Spagat zwischen Kult und Hitparade. Die Frontfrau wurde zum Sexsymbol und Vorbild einer Generation von Mädchen. In der Hippie-Ära hatte sie ihre Karriere begonnen und erkannte, dass die sexuelle Revolution der Sixties eine Macho-Sache war. Daraus zog sie ihre Lehren. Downtown New York erfand sie sich als Blondine, die als Leaderin das Sagen hatte. Dabei war sie ihrer Sache so sicher, dass sie sich auch ein sexy Image leisten konnte. Dennoch sieht sie sich rückblickend nicht als Pionierin: «Ich suchte einen Weg, der für mich stimmte», sagt sie im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende». «Aber darin war ich nicht allein. Es war eine Haltung.»

Von 1978 («Denis») bis 1981 («Rapture») eilte die Band von Hit zu Hit und verkaufte 40 Millionen Tonträger, ehe sie in einem Schauer von Drogen und persönlichen Spannungen zerstob.

Blondie - Long Time

Blondie - Long Time

Aus ihrem neuen Album «Pollinator»

Kein Comeback

Heute ist die Ur-Formation mit Debbie Harry, Gitarrist Chris Stein und Drummer Clem Burke wieder zusammen, weshalb viele von einem Comeback sprechen. Doch «Pollinator», das neue Album, ist kein Comeback-Album. Es ist bereits das dritte Album in dieser Besetzung, die seit sieben Jahren existiert. Nur ein Jahr weniger lang als die Formation der 70er-Jahre.

«Pollinator» ist aber wohl das beste Album. Am Anfang, so gibt Chris Stein zu, sei er skeptisch gewesen. Die Plattenfirma hatte vorgeschlagen, man solle ein Lied vom früheren Smiths-Gitarristen Johnny Marr aufnehmen. Doch klang der Vorschlag zu sehr nach Kalkül. Nach dem verzweifelten Versuch, einem alternden Schlachtross eine Frischzellenkur zu verpassen. Doch dann hörte er sich das Lied – «My Monster» – doch noch an und fand es «fucking fantastic!».

Blondie - My Monster

Blondie - My Monster

Daraus entstand die Idee, befreundete Songschreiber um Songs zu bitten. Das englische Multitalent Dev Hynes (Blood Orange), David Sitek (TV on the Radio), Sia Furler und Charlie XCX kamen der Bitte nach. Pianist Matt Katz-Bohen steuerte zwei weitere Ohrwürmer bei. Der grosse Glanzmoment stammt indes von den Blondie-Originalen: Mit «Love Level» zeigen Debbie Harry und Chris Stein, dass sie die Freude am Abenteuer nicht verloren haben. Einen euphorischen Refrain paaren sie mit einem eleganten Rap und jubelnden Bläsereien.

So ist denn das elfte Blondie-Album zu einer Art Konzeptalbum geworden. «Pollinator» heisst «Bestäuber». «Gemeint ist die gegenseitige künstlerische Befruchtung, die es braucht, um Dinge zu entwickeln», erklärt Harry. «Andererseits meinen wir mit dem Titel ganz wörtlich auch die Bienchen. Denn wenn wir nichts unternehmen, sind die Bienen am Ende.» In New York wollen sie deshalb eigene Bienenstöcke einrichten. Bisher fehlte die Zeit. Die Band gibt zu viel zu tun, ist zu gefragt. Die Bienen müssen noch ohne Debbie Harry auskommen.

Blondie: Pollinator (BMG/Phonag)