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Früher vergöttert, heute belächelt: Eddie Van Halen ist wieder da

Video zu Tattoo: Der neue Song von Van Halen

Video zu Tattoo: Der neue Song von Van Halen

«A Different Kind of Truth» ist das erste neue Album von Van Halen seit 14 Jahren. Viele der Songs sind aber nicht neu produziert worden. Sie wurden aus verstaubten Kisten alter Zeiten ausgegraben.

Ein früher Tod kann einen Musiker zur Legende werden lassen. Während ein langes Leben die Erinnerungen an die geleisteten Grosstaten kontinuierlich vergessen lässt. Jimi Hendrix hat in den Sechzigerjahren mit seinen vertrackten Akkorden, seiner verzerrten Gitarre und dem Wah-Wah-Sound die Rockszene verändert, dafür wird er heute vergöttert.

Früher vergöttert, heute belächelt

Eddie Van Halen hat in den Siebzigerjahren mit seinem unglaublich schnellen Tapping und seiner virtuosen Rhythmusgitarrenarbeit die Hardrock-Szene verändert, dafür werden seine späteren Veröffentlichungen heute belächelt.

Über das letzte offizielle Album, «Van Halen III», schrieb das deutsche Szenemagazin «Rock Hard» beispielsweise: «Tracks, wie die reichlich jammerhaft daherkommenden ‹Dirty Dog›, ‹Fire In The Hole› oder ‹Josephine› gehen allenfalls als Füller durch.» Das war vor 14 Jahren. Seither machte Eddie Van Halen Schlagzeilen mit seinem Alkoholentzug und abgesagten Tourneen.

Niemand glaubte mehr an den einstigen Gitarrengott – auch die Ankündigung eines neuen Albums wirkte eher belustigend. Ex-Van-Halen-Sänger Sammy Hagar, jetziger Frontmann bei Chickenfoot, sagte noch im September zur az: «Ich habe nur gelacht, als ich das Gerücht gehört habe. Er ist nicht mehr der alte.»

Neu ausgegraben

Nun will es Eddie Van Halen aber tatsächlich nochmals wissen. Am Freitag erscheint «A Different Kind of Truth». Mit an Bord ist neben seinem Bruder Alex am Schlagzeug auch sein Sohn Wolfgang am Bass. Und am Mikrofon steht David Lee Roth, der zum letzten Mal vor 29 Jahren auf dem Album «1984» zu hören war. Die erste Single, «Tattoo», ist eine treibende Rocknummer, genauso wie «Big River», ein Song, der von der vielfältigen Gitarrenarbeit von Eddie Van Halen lebt.

Der Basslauf in «She’s the Woman» ist eine Wucht. Und auch «Blood And Fire» versetzt die Fans direkt in die ausklingenden Siebzigerjahre, als Marc Bolan mit T.Rex gezeigt hatte, wie Glam Rock aussehen sollte, und Eddie Van Halen mit den ersten beiden Alben «Van Halen» und «Van Halen II» erklärt hatte, wie er klingen musste.

Songs aus verstaubten Kisten

Die Nostalgie beim Hören kommt aber nicht von ungefähr. Neben einigen brandneuen Nummern hat die Band vor allem in den verstaubten Kisten aus den alten Tagen gewühlt und Demos und Outtakes von damals zu neuen Songs verarbeitet. So kennt der Fan «Tattoo» bereits als «Down in Flames» und «Big River» als «Big Trouble» von einem Demo, das 1977 von Kiss-Bassist Gene Simmons produziert wurde.

Daran ist nichts Verwerfliches, viele Musiker arbeiten mit vor Jahren zur Seite gelegtem Material – Neil Young beispielsweise veröffentlichte auf seinem 2010er-Album «Le Noise» die Songperle «Hitchhiker», die er vor über 30 Jahren geschrieben hatte. Die Rückbesinnung auf die ursprüngliche Idee hinter der Band Van Halen tut der Gruppe überraschend gut.

Das diese Art von Hardrock heute nicht mehr modern wirkt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir einem der grössten lebenden Gitarristen unserer Zeit nochmals zuhören dürfen. Diese Ehrenrunde hat sich Eddie Van Halen verdient.

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