Klosterspiele Wettingen

Freiluftspass war gestern, jetzt gilts in Wettingen der Kunst

Die Klosterspiele Wettingen triumphieren mit Shakespeares «Viel Lärm um nichts». Der vieldiskutiert Schritt weg vom Laientheater hat sich mehr als gelohnt.

Irgendwo weit unten in diesem Text, vielleicht nach dem zweiten Zwischentitel, werden wir etwas Negatives zur Neuproduktion der Wettinger Klosterspiele sagen. Versprochen. Vorher aber, da müssen wir losjubeln: William Shakespeares «Viel Lärm um nichts» ist so wild, böse, frech, lustig, deftig, übertrieben, poetisch, erotisch – ja, schlicht grossartig geworden, dass man all das gar nicht laut genug in die Theaterschweiz hinausrufen kann.

Premiere der Klosterspiele in Wettingen

Premiere der Klosterspiele in Wettingen

Regen? Wind? Kälte? Keine Ahnung, wie es in Ihrer guten Stube am Dienstagabend aussah: Im Klosterhof Wettingen jedenfalls lief es einem vor der gezeigten grauslichen Menschlichkeit heiss und kalt den Rücken hinunter. Aus Pelerinen wurden Theaterrequisiten, das Wasser wurde erhoben zum Leitmotiv einer famosen Theaterparty.

Es wird kopuliert, geduscht, gebadet, ejakuliert, Popel abgewischt, aus- und angezogen, geschrien, gesungen, krampfartig geheult und gespuckt (grünes Sputum, von ganz unten heraufgezogen, im Mund sorgfältig gesammelt und so gut gemischt, dass er nach der Landung einen Streifen am Boden ziehen und sich vorne bei der Aufschlagstelle ein Kern Schleim bilden wird)  . . . Kurz und gut: Es geschehen in zwei Stunden Dinge, die alle Klischees des modernen Theaters vereinen. Wer aber «Viel Lärm um nichts» besucht, wird darüber hingerissen staunen und all die aufgezählten Kunststücke bejubeln.

Katz und Maus mit Shakespeare

Im Begriff «Kunststück» liegt der Kern von Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung: Er spielt mit Shakespeare, verleibt sich «Viel Lärm um nichts» mit Haut und Haar ein und spuckt das Stück alsbald, neunzehn Loopings drehend, wieder aus. Arnarsson erzählt nicht einfach, wie zwei Paare zu- und fast wieder auseinander finden, sondern er spielt mit ihnen Katz und Maus. Anna Rún Tryggvadóttir (Bühne) und Susanne Boner (Kostüme) sind ihm für das wilde Spiel zwei ideale Partnerinnen.

Bei aller Turbulenz: Wenn Arnarsson etwas wirklich zeigen will, dann nimmt er sich alle Zeit der Welt dazu: Sei es die Choreografie der berüchtigten Spuckszene oder die längste Ejakulation aller Theaterzeiten . . . Da er mit dem Text gross- oder besser gesagt freizügig umgeht, kann er sich diese Pausen erlauben. Kaum aber lässt er in Ruhe in einen Apfel beissen, fegt er wieder grosszügig über Szenen hin, fusioniert Personen und lässt zwischenzeitlich doch die Verse in all ihrer Schönheit zelebrieren. Immer wieder bricht er die Erwartung, zeigt: Glaubt nicht diesem Zungenspiel.

Umwerfendes Ensemble

Trotz Brechungen scheint Arnarsson nichts mehr zu lieben als seine Schauspieler. Kein Wunder: Das Wettinger Ensemble ist umwerfend, jeder brennt vor Spiellust – ob mit oder ohne Worte. André Meyer gibt den Don Pedro mit einer ungeheuerlichen Lässigkeit und Autorität: Er könnte mit dem kleinen Finger schnippen, und die Zuschauer würden sich reihum für ihn in den Brunnen stürzen. Martin Vischer (Benedikt) spricht nicht nur famos, sondern agiert flink wie ein Wiesel. Robert Rozic schafft es, dem windschlüpfrigen Claudio Kontur zu geben. Christian Beppe Peters gibt einen Leonato, dem man sowohl den despotischen (und spuckenden!) Bluffsack als auch den devoten Tochter-Verkäufer abnimmt – einen Versprecher leistet er sich allerdings, lässt er doch die Schweizer Fussballer bei der WM glatt in der Vorrunde ausscheiden. Nadia Migdal als Hero schafft es, vom piepsenden Dummchen zur Tragödin zu werden. Ronja Oppelt, als ihre Mutter Margarete, ist das ideale Amalgam dieses Spiels der Eitelkeiten.

Und dann steht mit Burgtheater-Schauspielerin Sarah Viktoria Frick eine Beatrice auf der Bühne, die jedes Wort der anderen mit einem Wimpernschlag zerfetzen kann. Und wehe, sie darf selbst den Mund aufmachen: Dann sausen die Verse wie Blitze aus dem Mund.

Blick über den Tellerrand

Im Jubel über die Ausführenden darf nicht vergessen werden, dass es im Vorfeld der Klosterspiele Wettingen rumorte. Der Verzicht auf Laien kam nicht überall gut an. Tempi passati. Mit Kurtheater-Intendantin Barbara Riecke steht den Klosterspielen nun eine überaus erfahrene Theaterfrau vor, deren Blick über den Schweizer Theatertellerrand hinausgeht, weg von den üblichen Freiluft-Theater-Verdächtigen. Ein Kinderchor schafft dennoch Lokalkolorit und das Aargauer Publikum ist ebenso gefordert. Wars Magie oder Übertragung von Thorleifur Örn Arnarssons Regiekraft: So spielerisch wurden selten 450 Menschen in einen Wald verwandelt. Wers nicht glaubt, soll hingehen, mitmachen, staunen – und jubeln wie alle Zuschauer am Premierenabend.

Viel Lärm um nichts: bis 7. August, Kloster Wettingen.

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