Es sieht schlecht aus mit dem Frauenanteil an Schweizer Festivals. Am Open Air St. Gallen zum Beispiel stehen insgesamt 209 Männer auf der Bühne. Und nur gerade 24 Frauen. Auf dem Gurten in Bern sieht die Sachlage ähnlich beschämend aus: Als Band, Teil einer Band oder DJ zählt man 203 Männer, dieser Zahl gegenüber stehen 44 Frauen. Man braucht sich nicht die Finger wundzuzählen, denn auch an sehr vielen anderen grossen Festivals sieht es nicht viel besser aus mit dem Frauenanteil – nicht nur in der Schweiz.

Die Keychange-Initiative der britischen PRS-Foundation zur Musikförderung hat sich deshalb auf die Fahne geschrieben, bis 2022 international auf und hinter den Festivalbühnen ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen zu erreichen. Das bedeutet, dass 50 Prozent der Festivalschaffenden weiblich sein müssen. In der Schweiz hat sich gerade einmal ein einziges Festival dazu entschieden, Teil dieser Initiative zu sein: das B-Sides-Festival in Kriens. Auf und hinter den grossen Festivalbühnen dominieren weiterhin Männer.

So schwierig wäre das nicht

Dass es auch anders geht, beweist das neue Schweizer Festival «Sommerloch», das am 14. Juli auf dem Areal der Alten Reithalle in Aarau stattfindet. Das Geschlechterverhältnis ist mit 12 Männern und acht Frauen auf der Bühne praktisch ausgeglichen. Auch das Booking-Team hat eine vorbildliche Quote von 50 zu 50: Dahinter stecken Silvia Dell’Aquila und Severin Stirnemann. «Es ist eigentlich krass, dass es den Leuten auffällt, wie viele Frauen wir gebucht haben. Wir werden darauf immer wieder angesprochen, auch intern im Organisationsteam wurde anfangs betont, was für eine gute Frauenquote das Programm vorzuweisen hat.»

Stirnemann versteht die Diskussion eigentlich nicht: «Wir haben einfach geschaut, wer zu uns passt und gefällt und wen wir gerne auf unserer Bühne hätten. Ob das Männer oder Frauen sind, darauf haben wir wirklich nicht geachtet.» Severin Stirnemann macht das Booking des Festivals «Mutterschiff» in Menziken und erzählt, er bekomme pro Jahr ungefähr 500 Anfragen von Bands. «Ich muss nie darauf achten, ob ich genug Frauen im Programm habe. Mein Programm soll ja vielfältig sein und da gehört ein ausgeglichenes Booking einfach dazu.» Beide zeigen sich erstaunt darüber, dass Booker anderer Festivals anscheinend Probleme damit haben, ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis auf die Bühne zu bringen. «Es stimmt einfach nicht, dass es zu wenig Frauen im Musikbusiness gibt. Das ist eine faule Ausrede», sagt Silvia Dell’Aquila.

Vorbilder sind wichtig

Warum es mehr Frauen auf Schweizer Festivalbühnen braucht, ist für die Musikerin Jessica Plattner alias Jessiquoi klar. Die Bernerin tritt selber am Open Air Sommerloch auf und arbeitet beim Verein Helvetiarockt, der sich für die Förderung von Frauen und Mädchen im Jazz, Pop und Rock einsetzt: «Wenn ich mal wieder die einzige Frau im Backstage eines Festivals bin, dann stört mich das schon.» Weibliche Musikerinnen brauchen Vorbilder und Motivation. Bei Plattner gab ein Konzert der norwegischen Frauenband Katzenjammer die Initialzündung. «Das war eines der geilsten Konzerte, die ich jemals gesehen habe», so Plattner. «Und in mir hat das dann den Gedanken ausgelöst: Frauen auf der Bühne sind uhuere cool! Aber es braucht Förderung. Frauen und Mädchen müssen den Mut aufbringen, den es braucht, um auf der Bühne zu stehen.»

Dass Vorbilder enorm wichtig sind, bestätigt auch Regula Frei. Die Musikerin ist in der Geschäftsleitung von Helvetiarockt und ergänzt: «Clubs und Festivals haben eine hohe Verantwortung. Gerade weil dort viele junge Menschen unterwegs sind. Sie sollten dort ein ungefähres Abbild unserer Gesellschaft sehen und hören können und nicht hauptsächlich weisse Männer. Menschen auf Bühnen agieren als Vorbilder für junge Leute, das ist nicht zu unterschätzen.»

Frei ist aber optimistisch, was die Zukunft angeht. Dass bald mehr und mehr Organisatoren merken, dass ein vielfältiges und ausgeglichenes Programm auch spannender ist. Und dass es eigentlich gar nicht so schwierig ist, talentierte Musikerinnen zu finden, wie Stirnemann ergänzt: «Es gibt wahnsinnig viele gute Musikerinnen, ich sehe nicht ein, warum man die nicht auch bucht. Sie sind ja da!»